https://www.faz.net/-gv6-pne5

Interview : „Der Euro kann bis auf 1,50 Dollar überschießen“

  • Aktualisiert am

Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas Bild: Hans Redeker

Sieht es an den Börsen aufgrund einer überraschend starken Leitzinssenkungen in Amerika nach einer Beruhigung aus, so gilt das nicht für den Devisenmarkt. Währungsstratege Hans Redeker von BNP Paribas wagt im Interview einen Ausblick.

          5 Min.

          Sieht es an den internationalen Börsen nach mehrwöchigen Turbulenzen aufgrund einer überraschenden und einer überraschend starken Leitzinssenkungen in den Vereinigten Staaten zunächst nach einer Beruhigung aus, so gilt das nicht für den Devisenmarkt.

          Denn der Dollar setzt seinen Abwertungstrend fort und markiert gegen den Euro neue Rekordtiefs. Am Donnerstag erreichte er im Tagesverlauf Kurse von bis zu 1,4065 Dollar je Euro. So schwach war die amerikanische Währung noch nie. Der Dollar-Index liegt nach einem Tagesverlust von 0,47 Prozent bei 78,9 und damit auf einem Allzeittief.

          Ein Gespräch mit dem Währungsstrategen Hans Redeker von BNP Paribas in London gibt einen Einblick in die Verhältnisse an den Märkten und die weiteren Entwicklungen.

          Sie hatten mit ihrer Konjunkturskepsis und den Zinssenkungserwartungen in den Vereinigten Staaten ebenso recht wie mit der Prognose, der Dollar werde fallen. Wie geht es jedoch weiter von hier?

          Es hat in den vergangenen Tagen zwar eine gewisse Beruhigung an den Geldmärkten gegeben, allerdings sollte man nicht übersehen, was der Auslöser der bisherigen Turbulenzen war. Es ist die anhaltende Krise im amerikanischen Häusermarkt, die nicht nur nicht vorbei ist, sondern ein Symptom für eine beinahe globale Hauspreisinflation darstellt, die durch eine globale Liquiditätsschwemme hervorgerufen worden ist.

          Wo kam die Liquidität her?

          Die Liquidität wurde durch verschiedene Kanäle genährt, unter anderem durch die überschüssige Ersparnisbildung in Asien. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und die „gebundenen“ Währungen (Pegs) führten dazu, dass die Währungsreserven im vergangenen Jahr um 730 Milliarden Dollar zugenommen haben.

          Spricht etwas dagegen, dass diese weiter steigen werden?

          In dem Moment, in dem die Währungen in Asien unter Aufwertungsdruck geraten - und der wird stärker von Tag zu Tag - dürfte die Ersparnisbildung sukzessive abnehmen. Das ist jedoch nicht alles. Denn die Verwalter der Reserven werden überlegen, ob sie diese in eine Währung investieren werden, die mit Abwertungserwartungen konfrontiert ist. Das heißt, die so genannten „flow of funds“ werden in der Tendenz nicht nur zurückgehen, sondern in der Tendenz an den Vereinigten Staaten vorbei.

          Solche Argumente hört man doch schon seit Jahren. Der Dollar hat zwar abgewertet, die Überschussländer haben jedoch trotzdem in Amerika investiert, haben ihre Währungen trotzdem nicht aufwerten lassen und der Yen schwächelt sogar wieder.

          Wenn man sich im Detail betrachtet, wie die Reserven in Amerika investiert werden, so werden seit Februar praktisch keine langfristigen, sondern nur noch kurzfristige Anlageformen in den Vereinigten Staaten gewählt. Das stellt einen gewissen Vertrauensverlust dar.

          Die Erklärung der amerikanischen Zentralbank zur Leitzinssenkung besagt, man sehe zwar immer noch gewisse Inflationsprobleme. Man möchte jedoch sicherstellen, dass Amerika mittelfristig zum moderaten Wachstum zurückkehren könne. Das heißt, die Zentralbank scheint gegenwärtig von einer rezessiven Entwicklung auszugehen. Aus diesem Grund gehen wir davon aus, dass sie den Leitzins weiter senken wird.

          Ist die amerikanische Wirtschaft denn so angeschlagen?

          Die amerikanische Wirtschaft wird weiterhin zur Schwäche neigen, das ist in meinen Augen so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Häusermarkt befindet sich im freien Fall. Das wird negative Beschäftigungswirkungen haben. Der Verfall der Hauspreise wird dazu führen, dass die Immobilie als Basis für die Vergabe von Krediten immer weniger wert wird. Das wird negativ auf den Konsum durchschlagen. Immerhin konnten Verbraucher in den vergangenen Jahren den hohen Konsum noch aus steigenden Immobilienpreisen ableiten.

          Es gibt Argumente, wonach sinkende Zinsen die Aktiekurse nach oben treiben. Steigende Kurse wiederum bedeuteten höhere Vermögen, die den Konsum und damit indirekt die Konjunktur ankurbeln würden.

          Ich denke, die durch die Zinssenkung ausgelöste Aktienhausse steht auf schwachen Füßen. In den vergangenen Jahren flossen starke Mittel aus Übernahme- und Fusionsaktivitäten sowie aus Aktienrückkäufen in die Märkte. Das dürfte sich nicht weiter wiederholen lassen, da sich die Refinanzierungsbedingungen an den Kapitalmärkten inzwischen kolossal verändert haben. Noch ist nicht offensichtlich, wie sich das bei den Banken zeigen wird. Lehman Brothers haben zwar bei der Vorlage der Quartalszahlen leicht positiv überrascht, Morgan Stanley dagegen negativ.

          Kann man diesen Zahlen überhaupt trauen, da sie doch zu einem gewissen Teil auf Erträgen und Vermögenswerten basieren, die sich nicht aus Marktpreisen ableiten lassen?

          Das ist genau der Punkt. Die Kreditmärkte haben Probleme, da Sie vermuten müssen, dass manche Unternehmen „finanzielle Leichen“ im Keller haben, die riechen. Aus diesem Grund ist es nicht mehr zu einer effizienten Verteilung der Mittel an den Geldmärkten gekommen, die Terminsätze sind angestiegen. Wir haben hier ein Transparenzproblem, das sich nicht durch Liquiditätsspritzen und Zinssenkungen lösen lässt. Einzelne Banken mögen nun argumentieren, sie hätten auf Bilanzebene mit ihren Absicherungstransaktionen mehr verdient, als sie mit den ursprünglichen Geschäften verloren haben. Das habe ich allerdings in meiner 20jährigen Karriere noch nie gesehen.

          Sie scheinen gegenwärtig nicht sehr viel Vertrauen in die Bilanzen der Banken zu haben.

          Ich traue solchen Argumenten nicht. Grundsätzlich dürften die Banken künftig kaum noch Liquidität außerhalb der Bilanzen bereitstellen, die so genannte Disintermediation wird zurückgehen oder zu anderen Konditionen stattfinden. Die Geschäfte werden in die Bilanzen zurückkehren. Deswegen werden sich die Banken künftig sehr genau überlegen, welche Transaktionen sie mit Eigenkapital unterlegen werden und welche nicht. Auf diese Weise kommt es zu einer Verschärfung der Kreditbedingungen, obwohl beispielsweise die amerikanische Zentralbank den Leitzins senkt. So lange wir nicht zur Transparenz zurückkehren, werden sie anhalten.

          Lassen Sie uns zum Dollar zurückkehren.

          Ich habe anfangs über den Aufwertungsdruck auf die asiatischen Währungen geredet, nun sollten wir uns dem Mittleren Osten zuwenden. Die gesamte Region hat bisher den Dollar als Kalkulationsgrundlage. Wenn diese nun jedoch ad absurdum geführt, da das boomende Arabien mit einer amerikanischen Geldpolitik konfrontiert wird, die auf eine Rezession ausgerichtet ist, dann stellt sich die Frage nach den Kosten. Werden sie zu hoch - zum Beispiel in Form hoher Inflationsraten - so sucht man den Ausstieg.

          Wer sucht den und wann?

          Aufgrund der politischen Konstellation in den Vereinigten Staaten ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich Saudi Arabien als führende Wirtschaftsmacht der Region in den kommenden Monaten von der Bindung an den Dollar verabschieden wird. Damit würde die Dollarnachfrage zurückgehen. Die Bindung der arabischen Währungen an einen Währungskorb, der den Dollar geringer gewichtet, je schwächer er wird, scheint die logische Konsequenz zu sein.

          Der Dollar könnte auf diese Weise seinen Status als Weltreservewährung verlieren. Die Konsequenzen könnten sich sogar am Ölmarkt zeigen. Öl wird bisher in Dollar abgerechnet, obwohl die Region ansonsten vor allem mit Europa und Asien Handel treibt und weniger mit den Vereinigten Staaten. Russland überlegt schon länger, im Energiehandel vom Dollar abzugehen. Es könnte zu einer Umkehrung der Marktverhältnisse kommen.

          Dazu kommen die strukturellen Defizite?

          Ja, der amerikanische Dollar hat ein fundamentales Problem. Die Zinsdifferentiale sprechen genauso gegen den Greenback wie das Leistungsbilanzdefizit, das finanziert werden muss. Zudem können selbst Zentralbanken den Mut verlieren, amerikanische Vermögenswerte zu erwerben. Ein Arbeitspapier des amerikanischen Finanzministeriums selbst hat gezeigt, dass die asiatischen Währungsreserven ihr Maximum längst überschritten haben.

          Die Zentralbanken der Region müssten deutliche Verluste hinnehmen, sollte die Währungsfluktuation zunehmen - sprich: sollte der Dollar weiter abwerten. Gehen sie strategisch dagegen vor, so führt das zu einer Aufwertung der asiatischen Währungen, der Lösung vom amerikanischen Dollar und zu einer stärkeren Beachtung des Euro als Weltreservewährung.

          Was bedeutet das für die Wechselkurse?

          Das Währungspaar Euro-Dollar wird bis auf 1,48 oder gar 1,50 Dollar überschießen. Das wird dazu führen, dass die amerikanische Konjunkturschwäche exportiert wird, und zwar auch nach Europa. Die Europäische Zentralbank wird die Leitzinsen nicht erhöhen, sondern im kommenden Jahr sogar senken. Der Yen dagegen wird aufwerten.

          Wird die Yen-Aufwertung nicht schon lange vergeblich erwartet?

          Die japanische Währung dürfte deswegen zur Stärke neigen, weil die amerikanische Zinsstrukturkurve steiler werden wird. Das macht für japanische Anleger, die große Bestände an amerikanischen Schatzpapieren in ihren Depots halten, die Währungsabsicherung attraktiv. Das heißt, dass sie auf diese Weise indirekt Dollar gegen Yen verkaufen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

          Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.