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Interview : „Amerika verliert auf Dauer an Bedeutung für die Weltwirtschaft“

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Jeffrey Sachs, Columbia University Bild: AP

Hart ins Gericht geht der bekannte Ökonom Professor Jeffrey Sachs mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik im FAZ.NET-Interview. Sollte es nicht zu einer Änderung des Kurses kommen, sei eine Krise an den Finanzmärkten denkbar.

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          Hart ins Gericht geht der Ökonom und Regierungsberater Professor Jeffrey Sachs mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Aus fiskalischer Sicht befänden sich die Vereinigten Staaten nicht auf einem praktikablen Kurs. Die Steuersenkungen der Regierungen seien nicht durchzuhalten und ökonomisch nicht gerechtfertigt. Sollte es nicht zu einer Änderung des Kurses kommen, sei eine Krise an den Finanzmärkten denkbar.

          Auch in anderen Politikfeldern müsse das Land umdenken. Beispielsweise in der Energie- und Umweltpolitik. Anstatt im Nahen Osten militärisch einzugreifen, um sich den Zugriff auf die wesentlichen Öl- und Gasvorkommen zu sichern, sollte auf alternative Technologien zur sauberen Verbrennung der reichlich vorhandenen Kohle gebaut und die Kernenergie weiterentwickelt werden.

          Die „Supermacht“ Amerika wächst deutlich und immer mehr auf nachhaltiger Basis, kann man immer wieder lesen und hören. Würden Sie solchen Statements zustimmen?

          Aus fiskalischer Sicht befinden sich die Vereinigten Staaten nicht auf einem praktikablen Kurs. Die Defizite schwächen die amerikanische Wirtschaft. Es ist klar, daß man den Kurs wechseln müßte, aber es ist gleichzeitig klar, daß die gegenwärtige Administration kurzfristig nicht dazu bereit sein wird. Es besteht eine Lücke zwischen der Politik und der wirtschaftlichen Realität, die vorerst sogar noch größer werden dürfte.

          Ist das nicht bedenklich für die Finanzmärkte?

          Es könnte die Stabilität der Finanzmärkte bedrohen. Denn die Marktteilnehmer dürften zunehmend realisieren, daß die Politik des Landes und die wirtschaftliche Realität nicht zusammenpassen.

          Was sind in Ihren Augen die kritischen Punkte?

          Das sind vor allem die Defizite des Landes. Das Budgetdefizit schwappt über in das Leistungsbilanzdefizit, das wiederum die geringe Sparneigung im Inland widerspiegelt. Amerika wurde in den vergangenen Jahren vor allem von asiatischen Zentralbanken finanziert. Sie haben auf diese Weise riesige Devisenreserven angehäuft, die zu einem großen Teil in Dollar-Wertpapieren gehalten werden. Allerdings werden sie langsam nervös und verlieren immer mehr das Interesse daran, die amerikanischen Budgetdefizite weiter zu finanzieren. Aus diesem Grund ist die Gefahr steigender Zinsen und eines fallenden Dollars real. Zu einer Krise könnte es dann kommen, wenn sich herauskristallisiert, daß die Probleme nicht glaubwürdig angegangen werden.

          Das sind die kurzfristigen Risken. Und die längerfristigen?

          Auf längere Sicht werden die Vereinigten Staaten relativ betrachtet an Bedeutung für die Weltwirtschaft verlieren. Der Grund dafür liegt im wirtschaftlichen Aufkommen der asiatischen Staaten. Die Idee einer Supermacht, die ihre Wege alleine gehen kann, ist nicht sonderlich logisch. Schon gar nicht mit Blick auf ein stark verschuldetes Land, das zumindest wirtschaftlich gar nicht so dominant ist, wie viele Amerikaner denken.

          Das klingt nach Kritik an der Außenpolitik!

          Die wirtschaftliche Lage rechtfertigt nicht den unilateralen Ansatz der Vereinigten Staaten. Es gibt nicht nur eine Lücke zwischen der Politik und der ökonomischen Realität, sondern es gibt auch eine entsprechende Lücke in der Außenpolitik. Amerika denkt auf der einen Seite, es kann tun, was es will, wann es das will und dies ohne Zustimmung internationaler Partner. Auf der anderen Seite fehlt schlicht und einfach die Wirtschaftskraft, um so einen Ansatz zu fundieren.

          Heißt das, die amerikanische Wirtschaft ist nicht so stark, wie viele denken?

          Ich würde sagen, nicht so dominant. Das amerikanische Sozialprodukt entspricht etwa einem Fünftel der Weltwirtschaft und dieser Anteil wird im Laufe der Zeit abnehmen. Alleine schon mit Blick auf die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung anderer rasch wachsender Staaten dürfte das Land nicht für immer in der Lage sein, eine so einseitige Außenpolitik zu verfolgen.

          Was müßte sich ändern mit Blick auf die ökonomischen, sozialen, umwelttechnischen und auch geopolitischen Probleme?

          Wir brauchen zunächst einmal eine verantwortungsvolle Budgetpolitik, das heißt unter anderem höhere Steuereinnahmen. Die Steuersenkungen der Regierungen sind nicht nur nicht nachhaltig durchzuhalten, sondern mit Blick auf die ökonomische Entwicklung auch nicht gerechtfertigt.

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