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Internetwährung : Der Lehman-Moment der Bitcoins

Berechtigte Fragen: Demonstranten vor dem Bürogebäude von MT Gox in Tokio Bild: REUTERS

Die einst größte Börse für die Internetwährung Bitcoins hat dicht gemacht. Das ist ein Desaster für alle Anhänger des digitalen Zahlungsmittels. Doch viele Probleme sind hausgemacht.

          Es war ein Paukenschlag für die Internetwährung Bitcoin: In der Nacht von Montag auf Dienstag hat die Internetseite Mt. Gox die letzten Lebenssignale ausgesendet. Danach wurde sie vom Netz genommen. Auf ihr konnten die Nutzer mit der digitalen Währung Bitcoin handeln - vergleichbar mit einem Marktplatz im Internet. Die Kunden, die ihre digitale Währung auf dem virtuellen Konto bei Mt. Gox liegen hatten, kommen nicht mehr an ihr Guthaben und müssen befürchten, dass ihr Geld für immer weg ist.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das digitale Zahlungsmittel sorgte im vergangenen Jahr für Furore, als der Kurs auf mehr als 1000 Dollar stieg. Schon gab es Diskussionen darüber, wie Währungen funktionieren und ob man überhaupt staatliche Devisen wie Euro, Dollar oder Yuan benötigt. Diese Gedankenspiele dürften nun ein Ende finden. Denn das mysteriöse Verschwinden von Mt. Gox dürfte für die Bitcoins eine ähnliche Bedeutung haben, wie die Finanzkrise anno 2008 für die Realwirtschaft.

          Plötzlich ist der Staat gefragt

          Es zeigt auch die Fehler der jungen Internetwährung. Zum Beispiel das Krisenmanagement der Bitcoin-Entwickler: Nachdem sie den Fehler erkannt hatten, wurde er erst nicht kommuniziert, dann heruntergespielt und schließlich nicht behoben. Für eine Währung, die nur auf Bits und Bytes basiert und mit dem Vertrauen ihrer Nutzer hinterlegt ist, wird sich das als fatal erweisen. Denn ohne Vertrauen sind die Bitcoins nichts wert.

          Auch die Ausgestaltung der Währung wirft Probleme auf. Ihr Gerüst steht ohne Eingriffe von außen. Die Bitcoin-Fans verteidigten lange Zeit, dass es keine zentralen Institutionen gibt, welche die Geldmenge erhöhen oder die Währung anderweitig steuern können. Dass aber Institutionen und Kontrollinstanzen fehlen, kommt nun wie ein Bumerang zurück. Denn es gibt keine Einlagensicherung. Gehen Finanzinstitute pleite, greift der Staat meist in den Markt ein. Jetzt aber schwenken die Bitcoin-Anhänger um: Damit Mt. Gox das Geld der Anleger wieder zurückzahlt, demonstrierten Anleger und wollten sogar japanische Behörden ins Boot holen. Diese wiesen jedoch jegliche Verantwortung von sich.

          Das zeigt: Geht eine der Bitcoin-Börsen pleite, ist das Geld unwiderruflich verloren. Es gibt zwar einen Zusammenschluss der verschiedenen Börsen, der die Interessen der Bitcoin-Nutzer vertritt. Aber abseits von Worthülsen hat man von ihnen wenig gehört. So erklärten die Vorstandschefs in einer Erklärung: „Um das Vertrauen wieder herzustellen, dass durch das Scheitern von Mt. Gox verspielt wurde, arbeiten die verantwortungsvollen Bitcoin-Börsen zusammen und bekennen sich zur Zukunft von Bitcoin und zur Sicherheit aller Kundengelder“. Wie genau das funktionieren soll, erklärten sie aber nicht.

          Der dritte beobachtbare Fehler ist schließlich der Technikglaube der Bitcoin-Fans. Sie konnten einfach nicht glauben, dass das Protokoll der Währung einen Fehler haben kann. Dieser unbedingte Glaube hat sie blind für die Anfälligkeit der Währung gemacht.

          Schwierigkeiten von Mt. Gox gibt es schon seit der Gründung der Börse im Jahr 2009. Doch sie wurden stets auf die Börse und nicht auf die Währung selbst geschoben. Trotzdem führten sie stets zu Kursabstürzen. Der aktuelle Fall ist jedenfalls der schlimmste und könnte die Todesglocken der Bitcoins einläuten. Denn angeblich sollen in den vergangenen Jahren durch eine Sicherheitslücke im Protokoll 744.000 Bitcoins gestohlen worden sein. Auf dem Höhepunkt der Währung waren diese 744 Millionen Dollar wert. Jeder mittelmäßig begabte Bankräuber muss darüber in tiefe Depression verfallen. Die Probleme führten dazu, dass die Börse Anfang Februar ihre Pforten schloss und Auszahlungen nicht mehr möglich waren. Schon damals stürzte der Kurs ab.

          Bankrott oder in der Karibik?

          Im Internet kursieren dabei wilde Gerüchte. Manche befürchten, dass die Börse bankrott ist. Auf Anfragen per Telefon oder E-Mail reagierten die Verantwortlichen nicht. Sie haben auch auf dem Kurznachrichtenportal Twitter alle Spuren gelöscht. Ein Nutzer stellte resigniert fest: „Die werden sich sicher mit unserem Geld in die Karibik abgesetzt haben“. Andere gehen davon aus, dass sie durch die andauernden, nicht bemerkten Diebstähle bankrott sind.

          Ein internes Dokument, das dieser Zeitung vorliegt, zeigt die dramatische Lage der Börse. Stimmen die Zahlen, steht dem Unternehmen das Wasser bis zum Hals. Vermögenswerten von rund 32 Millionen Dollar stehen Schulden von 55 Millionen Dollar gegenüber, das ist eine fast hoffnungslose Überschuldung.

          Übernahme, Neustart, Kundenschutz?

          Doch es gibt bereits erste Anzeichen dafür, dass Mt. Gox sich berappelt. Auf der Internetseite versteckt sich bereits eine Ankündigung, dass das Ende nicht für immer ist. Tief im Quellcode findet sich ein Hinweis, dass auf der Internetseite eine Übernahme angekündigt werden soll. Hoffnungslose Optimisten könnten das als Zeichen dafür sehen, dass Mt. Gox übernommen wird. Pessimisten dagegen könnten schlussfolgern, dass die Internetseite nur ihren Besitzer wechselt.

          Ein mutmaßlich internes Dokument, dessen Authentizität nicht überprüfbar war, enthält sogar einen Plan, wie Mt. Gox wiederkommen könnte. So soll die Börse einen Monat lang schließen und im April unter dem Namen Gox ihren Betrieb wieder aufnehmen. Außerdem soll der bisherige Chef abtreten und mehr Transparenz herrschen. Die beschriebenen Probleme führten dazu, dass der Kurs an allen Bitcoin-Börsen rund um die Welt abstürzte. Der Index von Coindesk lag am Dienstagmorgen um 22 Prozent niedriger als noch am Tag zuvor. Ein Bitcoin kostete am Dienstagabend rund 511 Dollar.

          Am späten Abend äußerte sich Mt. Gox schließlich doch noch. Die Betreiber gaben an, die Internetseite abgeschaltet zu haben, um die Nutzer vor Angriffen zu schützen. Dass so eine Maßnahme ohne Vorwarnung ergriffen und erst Stunden später erklärt wird, trägt allerdings kaum dazu bei, verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen.

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