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Internationaler Finanzmarkt : Eine irrationale Suche nach Sicherheit

Bild: F.A.Z.

Internationale Banken rechnen Szenarien durch, wie sich ein Ende des Euro auf sie auswirken würde. Der Bericht von den internationalen Finanzmärkten.

          Die internationalen Finanzmärkte waren in der vergangenen Woche angesichts der Schuldenkrise in Europa abermals von einer Flucht in Sicherheit geprägt. Und als wirklich sichere Anlage wurde von Marktteilnehmern nur noch eine Anlageklasse verstanden: Anleihen der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Rendite amerikanischer Staatspapiere mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren notierte am Ende der Woche knapp unter 2 Prozent und damit etwas unter dem Niveau der Vorwoche.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Renditen deutscher Bundesanleihen kletterten dagegen nach einer missglückten Auktion zehnjähriger Papiere. Die Bundesanleihen, die bislang ebenfalls als extrem sicher galten, waren am Mittwoch auf überraschend geringe Nachfrage gestoßen - ein Zeichen wachsenden Drucks auf den bislang stabilen Kernbereich der krisengeschüttelten europäischen Währungsunion.

          Amerikas Probleme werden ignoriert

          Die Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen war allerdings einigermaßen verwunderlich, weil aus Amerika auch keine positiven Nachrichten kamen. Am Montag hatte ein überparteilicher Ausschuss, der mit dem Abbau des Haushaltsdefizits betraut ist, sein Scheitern eingestanden. Die Unfähigkeit amerikanischer Politiker, in wirtschaftspolitischen Fragen Kompromisse zu erreichen, hatte erst im August zu einer Abstufung der amerikanischen Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor's geführt.

          Aber die Akteure an den Finanzmärkten ignorieren die latente Gefahr eines weiteren Bonitätsverlustes der Vereinigten Staaten noch. Brian Rogers, der Chefinvestmentstratege der großen amerikanischen Fondsgesellschaft T. Rowe Price interpretierte das niedrige Renditeniveau der zehnjährigen Papiere bei einer Veranstaltung in New York als "irrationalen Überschwang" auf der Suche nach Sicherheit.

          Negative Entwicklungen in Europa

          In Europa zogen die Renditen dagegen auf breiter Front an, weil immer noch eine überzeugende und vor allem rasche Lösung der Schuldenkrise fehlt. Der Euro fiel parallel zur Abneigung gegen europäische Papiere und der robusten Nachfrage nach amerikanischen Anleihen im Wochenvergleich um mehr als 2 Prozent auf 1,32 Dollar.

          Die Lage in der Eurozone hatte sich in der vergangenen Woche Schlag um Schlag verschlechtert. Die Ratingagentur Fitch stufte die Kreditwürdigkeit Portugals auf Ramschniveau herunter. Standard & Poor's nahm die Bonität Belgiens um eine Stufe zurück, und die Kollegen von Moody's stellten die Bonität Frankreichs in Frage.

          Italien gelang am Freitag eine Emission von Staatsanleihen nur zu sehr hohen Zinsen. Für zweijährige Anleihen musste Italien 7,8 Prozent Zinsen bieten, so viel wie noch nie seit der Einführung des Euro. Die Rendite für zehnjährige Papiere kletterte auf 7,2 Prozent.

          Euro-Aus-Szenarien

          Bundesbankpräsident Jens Weidmann rief zwar zur Gelassenheit auf. Man müsse nicht so tun, als sei Italien schon so gut wie pleite, sagte er in einem Interview. Aber internationale Banken entwerfen bereits Szenarien, wie sich ein Kollaps der Eurozone auf ihr Geschäft auswirken würde. Analysten kalkulieren, wie hoch die an den Märkten unterstellte Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass die europäische Währungsunion zerbricht.

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