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Internationaler Finanzmarkt : Die politischen Risiken nehmen zu

Die niedrigen Zinsen auf Dollar und Pfund treiben Anleger zum Euro Bild: REUTERS

Es spricht viel für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung. Aber es mehren sich auch die Anzeichen für etwas rauhere Zeiten. An den Devisenmärkten wird der Staatseinfluss besonders deutlich.

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          Allmählich ziehen leise Zweifel an der Dynamik der wirtschaftlichen Erholung an den internationalen Finanzmärkten ein. Die Aktienmärkte haben in der vergangenen Woche ihre Aufwärtsbewegung nicht oder kaum mehr fortgesetzt. Nicht alle Quartalsergebnisse der Unternehmen sorgen für Begeisterung; nicht jede neue Zahl aus dem Reich der Konjunktur spricht für eine friktionslose Fortsetzung der Belebung.

          Aus dieser Feststellung leitet sich nicht automatisch ein Baisse-Szenario ab. Es spricht viel für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung. Aber es mehren sich auch die Anzeichen für etwas rauhere Zeiten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei Märkte, die unter einem nicht geringen Einfluss des Staates stehen: die Anleihe- und Devisenmärkte. „Während die gesamtwirtschaftlichen Daten rund um den Globus weiterhin beeindrucken, drohen nun eher politische als wirtschaftliche Risiken“, schreibt der Ökonom Stephen Jen von Blue Gold Capital Management.

          Brasilien will Kapitalimporte bremsen

          An den Devisenmärkten hat Brasilien in der vergangenen Woche die Einführung einer zweiprozentigen Steuer auf Kapitaleinfuhren angekündigt. Damit will das Land die Kapitalimporte bremsen, die den Real gegenüber dem schwächelnden Dollar aufwerten lassen. Die Erfahrungen mit solchen Steuern in der Währungsgeschichte sind reichlich, denn sie waren auch einmal in Industrienationen zur Abwehr unerwünschter Kapitaleinfuhren gebräuchlich. Diese Erfahrungen sprechen aber nicht für die Wirksamkeit solcher Instrumente – und daraus kann man, wie Jen es tut, die Befürchtung ableiten, dass es dabei nicht bleiben wird, denn die Schwäche des Dollar beunruhigt nicht nur die Brasilianer.

          Die Spannungen an den Devisenmärkten lassen sich leicht erklären. Die sehr niedrigen Zinsen auf Dollar und Pfund, verbunden mit einer offenbar langsamen wirtschaftlichen Erholung in den Vereinigten Staaten und vor allem Großbritannien, treibt Anleger in andere Währungen. Davon profitiert der Euro; davon profitieren aber vor allem Währungen von Schwellenländern und rohstoffreichen Industrienationen, in denen die wirtschaftliche Erholung dynamischer verläuft.

          Nationale Geldpolitik im Dilemma

          In einer solchen Situation kann die nationale Geldpolitik, wie spätestens seit den siebziger Jahren bekannt ist, in ein Dilemma geraten. Wenn die Kapitaleinfuhren dazu beitragen, eine schon in Gang gekommene wirtschaftliche Erholung erheblich zu beschleunigen, können aus binnenwirtschaftlichen Gründen Erhöhungen der Leitzinsen sinnvoll erscheinen, um eine Inflation an den Güter- und Finanzmärkten zu verhindern. Solche Zinserhöhungen machen aber aus außenwirtschaftlicher Sicht die Währung dieses Landes noch attraktiver und locken damit weitere Kapitaleinfuhren an.

          Der Versuch einer Zentralbank, die Aufwertung ihrer Währung an unreglementierten Märkten durch Devisenmarktinterventionen aufzuhalten, funktioniert nach aller Erfahrung auch nicht dauerhaft. Die Brasilianer haben in den vergangenen Monaten zwar viele Dollar angekauft, aber damit nichts an der Schwäche der amerikanischen Währung geändert. Die Hilflosigkeit der Geldpolitik hat in der Vergangenheit alle Länder – auch Deutschland – dazu bewogen, die rechtlichen Voraussetzungen für Beschränkungen des freien Kapitalverkehrs in Notfällen zu schaffen. Die Frage ist, ob das brasilianische Beispiel Schule machen wird, um den Verfall des Dollar aufzuhalten.

          In Europa denkt niemand an Kapitalverkehrskontrollen. Aber EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat zuletzt mehrfach versucht, mit Verweis auf die Probleme einer Schwäche des Dollar die Teilnehmer an den Devisenmärkten zu einem Umdenken anzuhalten. Falls die Wechselkurse zu einem Thema der internationalen Politik werden, kann es auch darauf ankommen, wer sie diskutiert. Innerhalb der G-8-Gruppe dürfte – vielleicht mit Ausnahme Russlands – ein Konsens existieren, dass weitreichende staatliche Eingriffe in die Devisenmärkte keinen dauerhaften Nutzen stiften, sondern Schaden anrichten dürften. Innerhalb der G-20-Gruppe sähe es aber vermutlich ganz anders aus, denn dort sind Schwellenländer wie China vertreten, die Kapitalverkehrskontrollen aufgeschlossener gegenüberstehen als die Industrienationen.

          Schäuble geht kaum gegen neue Schulden vor

          Die ersten Äußerungen des designierten Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble verdeutlichen, was sich während der Koalitionsverhandlungen abzeichnete: Die Rückführung der Neuverschuldung besitzt für die neue Bundesregierung vermutlich für die gesamte Legislaturperiode keine Priorität. Damit steht Deutschland nicht allein da; bisher erweckt kein großes Land den Eindruck, sich um die längerfristige Sanierung seiner Staatsfinanzen Gedanken zu machen. Dieser Politikansatz beruht aber auf der Annahme, dass die Kapitalgeber weiterhin zu niedrigen Renditen den Staaten Geld zur Verfügung stellen.

          Bisher existiert kein Grund, an der Leistungsfähigkeit der Kapitalmärkte zu zweifeln. Dort können sich nicht nur Staaten günstig finanzieren, sondern auch zahlreiche Unternehmen, von denen einige den Anleihemarkt offenbar als Alternative zur Kreditaufnahme bei den zögerlichen Banken nutzen. Die Staaten begnügen sich aber nicht mit einer kurzfristigen, durch die Schwere des Konjunktureinbruchs erklärbaren Verschuldungsorgie, sondern wollen die Kapitalmärkte noch auf Jahre hinaus extrem strapazieren. Das wird ein langer Weg.

          Von Bedeutung für alle Finanzmärkte bleibt die Geldpolitik. Bisher gehen die meisten Marktbeobachter davon aus, dass die großen Zentralbanken ihre Leitzinsen frühestens Mitte 2010 erhöhen werden. Da in der aktuellen Situation die Geldmengendaten widersprüchlich sind – M1 wächst sehr rasch, M3 fast gar nicht –, schauen die Zentralbanken wohl vor allem auf das Ausmaß der wirtschaftlichen Erholung und die Inflationserwartung an den Märkten. Für weiterhin sehr niedrige Zinsen spricht die Erfahrung der Vergangenheit, wonach in wirtschaftlichen Erholungsphasen nach schweren Finanzkrisen die Inflationsraten lange niedrig geblieben sind. Andererseits wurde noch nie so viel Geld geschaffen wie in der aktuellen Krise.

          Der Bericht vom internationalen
          Finanzmarkt.
          Von
          Gerald Braunberger

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