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Inflationserwartungen : Der hohe Ölpreis ist ein Risikofaktor

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Das Wachstum könnte bei steigenden Inflationserwartungen belastet werden. Auch der hoch gebliebene Ölpreis könnte die Lage verändern. Aus den Bankenwelten gibt es gute Nachrichten über eine Stabilisierung.

          Mit Argusaugen werden die Marktteilnehmer in dieser Woche beobachten, wie sich die Inflationsdaten in der westlichen Welt im März entwickelt haben – vor allem in den Vereinigten Staaten. Dort kommen die Inflationsdaten am Donnerstag heraus. Interessant wird sein, ob es Anzeichen gibt, dass der nun doch nachhaltig höhere Rohölpreis und die hohen Energiepreise auf die Kerninflation durchschlagen. Die Kerninflation lässt die als volatil angesehenen Energiepreise unberücksichtigt. Sie ist jedoch eine wichtige Richtgröße, nach der die Federal Reserve ihre Geldpolitik ausrichtet. Die Märkte erwarten, dass die Gesamtinflation auf 2,6 Prozent gestiegen sein könnte und die Kerninflation auf 1,2 Prozent.

          Schon auf der letzten Sitzung zeigte sich, dass die Mitglieder des Offenmarkt-Ausschusses getrennter Meinung darüber waren, ob und wann der expansive Stimulus der Federal Reserve langsam beendet werden soll. Der Hauptrefinanzierungssatz der Fed liegt seit Dezember 2008 bei 0,00 bis 0,25 Prozent und im Juni endet das Kaufprogramm amerikanischer Anleihen der Fed in Höhe von 600 Milliarden Dollar. Die Rendite zehnjähriger Treasuries stieg vergangene Woche im Handel zeitweilig auf 3,61 Prozent. Der Durchschnittswert in den vergangenen zehn Jahren lag bei 4,12 Prozent. Die Inflationserwartung des Marktes ist mittlerweile auf 3,01 Prozent gestiegen und liegt damit höher als der Durchschnitt von 2,71 Prozent der vergangenen 5 Jahre. Am 5. April hatte der Präsident der Fed, Ben Bernanke, gewarnt, die Inflationsentwicklung müsse von der Bank „sehr genau“ beobachtet werden. Für Deutschland, Großbritannien und die Währungsunion kommen die Inflationsdaten am Dienstag und Freitag heraus.

          Globales Wachstum könnte beeinträchtigt werden

          Es sind die geopolitischen Risiken, maßgeblich die Kämpfe in Libyen, die den Ölpreis nun nachhaltig haben steigen lassen. Vergangene Woche kletterte der Ölpreis (Brent) auf fast 127 Dollar je Barrel (159 Liter). Die OPEC hat bisher nur etwa die Hälfte des Lieferausfalls Libyens mit eigenen Lieferungen wettgemacht. Je nachhaltiger jedoch der Ölpreis steigt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der globale Konsum der Verbraucher dadurch belastet wird. Rechnet man die fiskalpolitischen Sparmaßnahmen in vielen Ländern, vor allem in Europa, hinzu, so besteht die Gefahr, dass das globale Wachstum beeinträchtigt wird.

          Es ist das erste Mal, dass bei diesem Zinszyklus nicht die amerikanische Federal Reserve mit dem Reigen der Zinserhöhungen begonnen hat, sondern die Europäische Zentralbank (EZB). Dies erklärt, warum der Wechselkurs des Euro auch in der vergangenen Woche um 1,8 Prozent auf gut 1,44 Dollar zulegte. Der derzeit noch abwertende Dollar indessen kurbelt die Nachfrage nach Öl an, erhöht wiederum Inflationsängste und löst einen von Rekord zu Rekord steigenden Goldpreis aus: vergangenen Woche waren es bis zu 1475 Dollar je Feinunze und gut 40 Dollar für Silber.

          Den amerikanischen Anleihemarkt beunruhigt zudem die politische Pattsituation im Kongress. Marktbeobachter fürchten, dass sich der Kongress nicht auf den Haushalt und vor allem nicht auf eine Erhöhung der Verschuldungsgrenze von 14,3 Billionen Dollar einigen könnte. Dies könnte die Regierungsgeschäfte unterbrechen wie dies bereits 1995 für 5 Tage im November und für 3 Wochen im Dezember der Fall war. Investoren reagieren auf die Unsicherheit mit einem Verkauf von amerikanischen Staatsanleihen.

          Erholung in der Bankenwelt

          Die EZB hat mit ihrer ersten Zinserhöhung seit fast 3 Jahren das Signal gesetzt, dass für sie die Zeit, in der extreme Notmaßnahmen erforderlich waren, langsam ausläuft. Trotz der Zinserhöhung von 1 auf 1,25 Prozent ist der Realzins immer noch negativ, die Geldpolitik daher immer noch ausreichend expansiv und Liquiditätshilfe für Banken in Refinanzierungsnöten am Interbankenmarkt immer noch vorhanden. Die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit stieg auf 3,48 Prozent.

          Die Marktteilnehmer haben bisher nicht wie zunächst vermutet nervös auf den hohen Ölpreis reagiert. Dies mag daran liegen, dass Notenbanken wie die Federal Reserve und die Bank von England signalisieren, dass sie durchaus auch erkennen, dass höhere Energiepreise nicht nur Inflationsgefahren bedeuten können, sondern auch den Konsum der Verbraucher und damit die Konjunkturerholung schwächen.

          Gleichzeitig gibt es viele positive Signale aus der Bankenwelt, die zeigen, dass die Finanzbranche wieder auf solideren Füßen steht und die Zitterpartie der Vergangenheit langsam überstanden ist. Die am Freitag veröffentlichte Eigenkapitaldefinition der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) lässt vermuten, dass mit Ausnahme von etwa 10 Banken alle anderen der 90 getesteten EU-Institute die Stresstests bewältigen werden. Wichtig ist, dass mit der Commerzbank und der italienischen Intesa wieder große Institute in der Lage sind, Kapitalerhöhungen anzukündigen und Staatskapital auf Dauer wieder zurückgezahlt wird.

          Dax hält sich

          Die Londoner Bankenkommission wird zudem an diesem Montag verkünden, dass sie wohl darauf verzichten wird, eine grundsätzliche Spaltung von großen Universalbanken zu fordern. Sie wird eine intern getrennte Kapitalisierung des traditionellen Kleinkundengeschäftes und Zahlungsverkehrs vom Investmentbanking fordern. Das wird für die Banken teuer, aber weniger schädlich als befürchtet. Rechnet man hinzu, dass mit Portugal der dritte Wackelkandidat der Währungsunion nun zügig den aufgezeichneten Hilfsmechanismus der EU und möglicherweise des IWF in Anspruch nimmt und es nicht das bei Griechenland und Irland erlebte politische Gezerre gibt, ist viel für die Bankenlandschaft gewonnen. Kein Wunder daher, dass die Aktienkurse der meisten Banken und Versicherer in der vergangenen Woche kräftig zulegten und viele Analysten Bankaktien plötzlich wieder zum Kauf empfehlen. Der Dax legte im Wochenverlauf um 0,5 Prozent auf 7217 Punkte zu und hat sich damit wesentlich besser gehalten, als in den letzten Wochen befürchtet.

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