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Indiens Zentralbank-Gouverneur Rajan : „Indien wird China überholen“

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Raghuram Rajan, früher Professor in Chicago, leitet Indiens Zentralbank. Er erhielt am Donnerstag den Deutsche-Bank-Preis. Bild: REUTERS

Einer riesigen Aluminiumfabrik fehlen die Rohstoffe, weil sich ein Volksstamm aus religiösen Gründen querlegt. Mit solchen Problemen muss Indien umgehen. Doch Rajan bleibt Optimist.

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          Herr Professor Rajan, es sieht derzeit nicht gut aus für Indien. Sie haben hohe Inflation, die Währung hat um 20 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren, es gibt ein großes Leistungsbilanzdefizit, das Wachstum ist stark gefallen. Wie kommen Sie da raus?

          Es stimmt, das Land ist in einer schwierigen Situation – aber verglichen mit anderen Ländern sieht es nicht so schlecht aus. Das Wachstum ist von 10 Prozent im Jahr 2011 auf rund 5 Prozent gefallen. Im Frühjahrsquartal waren es nur 4,4 Prozent. Ich glaube, jetzt wird es wieder stärker. Zum Teil geht das auf den guten Monsun zurück. Die Landwirtschaft trägt zwar nur etwa 15 Prozent zur Wirtschaftsleistung (BIP) bei, aber 50 Prozent der Bevölkerung lebt in Dörfern auf dem Land. Eine gute Ernte hebt die Stimmung, das ist positiv für die ganze Wirtschaft.

          Aber auch in der Industrie ist das Wachstum deutlich gesunken. Warum?

          Einige wichtige Projekte stecken fest. Zum Teil liegt das an einer sehr starken Umweltbewegung und einer starken Zivilgesellschaft, die sich zum Beispiel beim Landerwerb querstellt.

          Was für Projekte werden blockiert?

          Ein riesiges Aluminiumwerk ist praktisch fertig, die Errichtung hat insgesamt 10 Milliarden Dollar gekostet. Wenn es zu produzieren begänne, wäre das die günstigste Aluminiumfabrikation der Welt. Aber die notwendigen Rohstoffe für das Werk liegen in einer Hügellandschaft, die von Stammesleuten bewohnt wird, die diese Hügel als einen religiösen Ort ansehen, der nicht zerstört werden darf. Das Oberste Gericht hat geurteilt, dass die Stämme entscheiden dürfen. Das ist einerseits Demokratie und Rechtsstaat in reinster Form. Sie schützen die Rechte der Schwächsten. Andererseits hemmt das unser Wachstumspotential. Insgesamt sind derzeit Projekte mit einem Volumen von 200 Milliarden Dollar ausgebremst.

          Vor einem halben Jahr sagten Sie uns im Interview, dass die schwerfällige und manchmal chaotische indische Demokratie und Bürokratie ihr Land jedes Jahr rund 2 Prozentpunkte Wachstum kosten. Können Sie das immer noch sagen?

          Ja, langfristig sind es wohl 2 Prozent pro Jahr, aber derzeit könnte es auch mehr Wachstumsverlust sein. Die gute Nachricht ist, dass die Institutionen langsam besser werden. Es gibt offensichtlich eine Menge Korruption, aber man tut etwas dagegen. Die verzögerten Projekte kommen doch vorwärts. Einige große Energiewerke gehen demnächst an den Start. Indien hat noch eine 10-Prozent-Stromlücke. Wenn die Versorgung besser wird, gibt das der Wirtschaft einen Schub.

          Zuletzt gab es ein großes Loch in der Leistungsbilanz. Indien importiert weit mehr als es exportiert. Wie kommt das?

          Ein Großteil des Leistungsbilanzdefizits rührte im Frühjahrsquartal von Goldimporten her. In nur zwei Monaten April und Mai haben Inder 350 Tonnen Gold aus dem Ausland gekauft.

          Die Regierung hat dem mit Steuern einen Riegel vorgeschoben. Ist das eigentlich richtig in einer freien Gesellschaft? Warum dürfen die Leute nicht selbst entscheiden, ob sie Goldschmuck oder ein ausländisches Auto kaufen wollen?

          Sie haben recht, dass diese Maßnahmen zur Reduzierung der Goldkäufe etwas plump waren. Aber es gab keinen Stopp für Goldkäufe. Die Steuern waren, als kurzfristige Maßnahme, effektiv. Seitdem ist das Leistungsbilanzdefizit stark gefallen.

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