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Indien : Neuer Notenbankchef soll Wunder wirken

Raghuram Rajan: Als 23. Notenbankgouverneur soll er die Talfahrt der Rupie beenden Bild: dpa

Star-Ökonom Raghuram Rajan leitet fortan die indische Zentralbank - und übernimmt das Amt unter hohem politischem Druck. Die Rupie markiert ein Allzeittief gegenüber dem Dollar.

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          Von einem Notenbankgouverneur, so bekannt und beliebt „wie ein Rockstar“, schwärmt die indische Presse. Über mangelnde Aufmerksamkeit und einen Mangel an Vorschusslorbeeren kann sich Raghuram G. Rajan wahrlich nicht beklagen. Wenn er nach seinem Eid am Mittwoch an diesem Donnerstag die Leitung der Zentralbank übernimmt, wird ihm all das aber wenig helfen: 20 Prozent hat die indische Währung seit Jahresbeginn auf den Dollar verloren. Zuallererst wird von Rajan erwartet, dass er als 23. Notenbankgouverneur die Talfahrt beendet.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Wie ein Antrittsgeschenk für den neuen Chef mutete da der Dollarverkauf der Notenbank am Mittwoch an: In der vergangenen Woche markierte die Rupie ein Allzeittief von 68,85 gegenüber dem Dollar, nach der aggressiven Intervention kletterte sie auf 67,23. Analysten sagen indes ihren weiteren Verfall auf 70 voraus. Rajan wird es schwer haben. Zumal Finanzminister Palaniappan Chidambaram den weltbekannten Ökonomen selbst berief, und das mit Hintergedanken. Chidambaram steht für eine Regierung, die ihre politische Mehrheit nicht für Wirtschaftsreformen nutze.

          Die Wachstumsrate halbierte sich innerhalb weniger Jahre

          Dies mündete in der Krise der drittgrößten asiatischen Volkswirtschaft, die Rajan nun fast im Alleingang lösen soll. Die Wachstumsrate halbierte sich innerhalb weniger Jahre auf 4,4 Prozent. Industrie und Mittelstand bleiben zurück. Die Inflationsrate ist fast zweistellig. Damit muss Rajan die Zinsen hoch halten. Das aber bremst die Wirtschaft, wie die seit Monaten dauernde Absatzschwäche der Autobranche zeigt: Im Juli kauften die Inder gut 7 Prozent weniger Autos als noch vor einem Jahr. Politisches Chaos, geringes Wachstum und die bald wohl höheren Zinsen in Amerika lassen Anleger ihr Geld abziehen. So fällt der Kurs der Rupie weiter.

          Das kostet Staat und Unternehmen Milliarden, denn Indien muss Öl, Erz, Kohle oder Gold für Dollar einkaufen. So stieg das Leistungsbilanzdefizit auf zuletzt 4,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Rajan sagte vorsichtshalber schon bei seiner kurzen Rede nach der Ernennung, er besitze „keinen Zauberstab“. Es steht zu erwarten, dass er in den drei Jahren seiner Amtszeit, statt frei zu zaubern, eher an der Leine der Regierung laufen soll. Immerhin war der 50 Jahre alte Ökonom zuletzt ihr Chefberater in Wirtschaftsfragen.

          Kursentwicklung seit Jahresbeginn

          Sein Vorgesetzter Chidambaram macht keinen Hehl aus seiner Interpretation der Rolle der Reserve Bank of India: „Meine Regierung ist überzeugt, dass zwar das Mandat der Zentralbank in der Tat die Preisstabilität und das Eingrenzen der Teuerung ist. Seit der Festlegung dieses Prinzips ist aber viel Wasser den Ganges heruntergeflossen. Heute muss das Mandat der Preisstabilität als Teil eines größeren Mandates betrachtet werden. Und dieses größere Mandat heißt Wachstum und das Schaffen von Arbeitsplätzen.“ Das zielt auf die Notenbankpolitik unter Rajans Vorgänger Duvvuri Subbarao, der sich nie scheute, gegen den Willen der Regierung den Leitzins anzuheben, um die Inflation einzudämmen.

          Die Regierung wagt nun, ihre klassischen Aufgaben auf die Zentralbank unter Rajans Führung abzuwälzen. Offen bleibt, ob der eloquente Star-Ökonom, einst Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, die Instrumentalisierung für die Wirtschaftspolitik hinnehmen wird. Geleitet ist die Politik von der heraufziehenden Wahl bis Ende Mai nächsten Jahres. „Die Strategie der Regierung zeigt keine Überraschung und ist leicht enttäuschend“, kritisiert Sonal Varma, Indien-Analyst der Bank Nomura Holdings in Bombay. „Es gibt keine Details, wie sie dauerhaft das Leistungsbilanzdefizit senken will.“

          Indien bleiben drei Möglochkeiten

          Indien bleiben nur drei Möglichkeiten: Eine ist, den Außenwert der Rupie weiter verfallen zu lassen. Damit verbilligt sich der Export. Allerdings ist Indiens herstellende Industrie verfangen in Gesetzesdschungel und Korruption. Eine rasche Steigerung der Produktivität ist unwahrscheinlich. Eher wird der niedrige Kurs die Kosten für den Import und damit die Inflation vorantreiben. Und damit muss auch Rajan die Zinsen hoch halten. Seine zweite Möglichkeit ist, den Leitzins hoch zu halten oder gar heraufzuschrauben.

          Damit bekämpfte er die Inflation und würde unter Umständen ausländische Anleger anlocken. Indonesien hat sich auf diesen Weg gewagt. Dämpft Rajan damit aber die Konjunktur weiter, während sie im Westen anzieht und dort auch die Zinsen steigen, werden Investoren sich von den indischen Zuständen abhalten lassen. Die dritte Chance wäre, gemeinsam mit der Regierung die Verschuldung des Staates von zuletzt 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu senken.

          Das aber erscheint in Vorwahlzeiten und angesichts gerade verabschiedeter riesiger Subventionspakete ausgeschlossen. Rajan wird nichts übrigbleiben, als in den ersten Tagen in seinem neuen Büro doch noch nach dem Zauberstab zu suchen. Rajeev Malik, Analyst von CLSA in Singapur, wirft Rajan noch vor Amtsantritt vor, dieser habe „unrealistische Hoffnungen darauf geweckt, dass er eine magische Formel besäße, um unsere Probleme zu lösen“.

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