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Im Gespräch: Professor Dieter Spethmann : „Deutschland verschenkt seinen Wohlstand“

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Mit der Diskussion über die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms hat die Panik an den Finanzmärkten etwas nachgelassen. Das Euro-Problem jedoch ist nicht gelöst, erklärt Dieter Spethmann, der frühere Vorstandsvorsitzende der Thyssen AG.

          Dieter Spethmann vertritt die Ansicht, Deutschland müsse aus dem Euroraum austreten, da das Land ohne Aufwertung der eigenen Währung große Teile seines Wohlstands verschenke. Die Länder in Europas Süden dagegen müssten den Euro aufgeben, da sie keine Chance hätten, ohne Abwertung ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder erlangen zu können. An der Restrukturierung ihrer Schulden führe kein Weg vorbei, erklärt er.

          Wie würden Sie die Rolle von Stahl im wirtschaftlichen Geschehen beschreiben?

          Stahl ist nach wie vor der zentrale Werkstoff der Welt, wie schon seit 150 Jahren. Er wird es auch bleiben. Allerdings hat sich der Markt deutlich verändert. So haben sich die Eisenerzproduzenten kartelliert; es gibt nur noch drei große auf der Welt. Zu meiner Zeit ist so etwas nicht passiert, da die Kunden aufgepasst haben. Auf der Kundenseite fand ebenfalls ein Konzentrationsprozess statt. Als Beispiel kann in Europa die starke Marktstellung der Mittalgruppe gelten, während China als Land 25 Prozent oder mehr der Weltstahlproduktion auf sich gezogen hat. Zusammenfassend: Stahl ist ein zentraler Werkstoff und wird es bleiben. Diejenigen, die in dem Geschäft Erfolg haben wollen, sollen gefälligst sehen, dass sie den Erfolg erzielen.

          Im Moment ist viel von Boom die Rede und von langfristigem Aufschwung. Sehen sie das auch so?

          Wenn sie sich die Tabellen der Weltbank und des Währungsfonds anschauen, so haben wir in den vergangenen Jahren eine erfreuliche Wachstumsentwicklung in Drittländern gehabt. Das Jahr 2010 liegt erst ein paar Tage zurück und ist noch nicht abgerechnet. Es kann sein, dass im Gesamtdurchschnitt der Welt, also aller 192 Mitgliedsländer der Uno, eine kleinere Wachstumszahl herauskommt als im Jahr 2009. Aber darüber etwas zu sagen wäre spekulativ. Dadurch, dass sich die Anzahl der Menschen von Tag zu Tag erhöht, steigt real grundsätzlich die Nachfrage.

          Wir sehen stark steigende Preise im Energie- und Rohstoffsektor. Wieso?

          Wenn im Energiebereich die Preise steigen, so hat das zwei Gründe. Entweder ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage oder ein Preistreiber. In Deutschland haben wir zum Beispiel für Strom selbstverständlich einen Preistreiber, das sind die Erneuerbaren Energien. Wenn die Energieversorgungsunternehmen im Land gesetzlich gezwungen werden, alles was die Bürger produzieren, zu einem bestimmten Preis abzunehmen, dann steigt natürlich der Preis für das Ganze. Ein Freund zahlt in Frankreich in seinem Ferienhaus für Strom acht Cent je Kilowatt-Stunde, hier in Deutschland 23.

          Global ist im Energie- und Rohstoffbereich so etwas wie eine Oligopolisierung zu beobachten. Müsste man die Märkte regulieren?

          Ich glaube nicht, dass die Regulierung etwas bringt. Die Verbraucher müssen auf sich selbst achten. Als ich vor einem halben Jahrhundert zum Stahl kam war das Credo eines Eisenhüttenmannes „Sie brauchen für jeden Rohstoff, den Sie brauchen, mindestens einen Anbieter mehr als nötig“. Das ist heute auch noch richtig. Wenn die Hüttenwerke so töricht sind, eine Oligopolisierung zuzulassen, dann müssen sie dafür bezahlen. Das ist das Schicksal, das auf die Dummheit folgt. Ansonsten können sie neu prospektieren, denn die Welt ist offen. Es gibt Eisenerz an tausend verschiedenen Stellen, man muss nur herangehen.

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