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Im Gespräch: Professor Dieter Spethmann : „Deutschland verschenkt seinen Wohlstand“

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Wer kann sich gegen die Interessenvertreter der einflussreichen Industrie durchsetzen?

Ludwig Erhard machte das mit einem Federstrich.

Nennen Sie mir den heutigen Ludwig Erhard.

Das darf ich nicht.

Kennen Sie einen?

Ja.

Haben Sie eine Idee, wie sich die Eurokrise weiterentwickeln wird?

Ich kann nur hoffen, dass sich aus der Mitte des Bundestages heraus eine selbstkritische Meinung bildet, die sagt, es darf das Jahr 2010 mit diesen Rettungsschirmen nicht noch einmal geben, wir müssen am Eurosystem etwas ändern und die vorgeschlagenen Arbeitsschritte sind A, B, C, D .... . Das muss aus der Mitte des Bundestages kommen, und ich kann mir nicht denken, dass es nicht kommt.

Würde Frankreich im Extremfall zum Nord- oder zum Südeuro gehören?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Erst sollten die Mitglieder der Eurozone zur eigenen Währung zurückkehren, dann finden wir uns zusammen wieder in einem europäischen Währungssystem, wie wir es bis 1989 hatten und dann machen wir eine bilaterale Lösung zwischen Deutschland und Frankreich.

Die Krise wirft viele Fragen auf über Wirtschaftsprüfer, Ratingagenturen, über die Funktionalität von Aktiengesellschaften, über Aufsichtsräte ...

Viele Aufsichtsräte haben den Mindestanforderungen, die das Gesetz und nicht zuletzt auch die Moral an sie stellt, nicht genügt. Dazu muss der Markt eine Antwort geben und dazu müssen zum Beispiel die Landesbanken verschwinden. Dann werden sich die Aufsichtsräte schon wieder fangen. Denn die Eigentümer sind nicht so dumm, sich ständig ins eigene Bein zu schießen. Bei den Wirtschaftsprüfern hat die Aufsicht versagt. Denn diese Unternehmen haben sich weltweit kartelliert - und das hätte nie passieren dürfen. Es muss auf dem deutschen Markt ein hinreichender Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern bestehen.

Wie sieht es aus mit der Haftung?

Die gibt es längst, und entsprechende Richtlinien könnten weiter verschärft werden. Entscheidend ist, die bestehenden Regeln zu nutzen und umzusetzen. Das ist Aufgabe der deutschen Politik.

Ich frage mich, wie Anteilseigner von Unternehmen es zulassen können, dass sich Manager auf ihre Kosten so hohe Boni ausschütten können, speziell auch bei den Banken.

Das ist mir ein Rätsel, und ich missbillige das auf ganzer Breite. Lassen Sie zum Beispiel die Banken ihre Papiertitel ausbuchen, dann haben sie auf Jahre hinaus keine Gewinne mehr. In den Unternehmen der Finanzbranche stecken doch Gewinnblasen von unvorstellbarem Ausmaß. Gemäß den Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist die Summe der Derivate 20 Mal so hoch wie das Weltsozialprodukt. Die müssen weg.

Wer kann das, angesichts des einflussreichen und global gut vernetzten Klubs der Investmentbanken, durchsetzen?

Ordnung entsteht von innen nach außen und von unten nach oben. Wir müssen in Deutschland verantwortliche Regeln schaffen, die im Interesse der 82 Millionen Bürger des Landes dafür sorgen, dass die Realwirtschaft in Ordnung bleibt. Alles andere ist sekundär und kommt von alleine.

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