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Im Gespräch: Professor Dieter Spethmann : „Deutschland verschenkt seinen Wohlstand“

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Sind die Stahlhersteller, vor allem auch die deutschen, benachteiligt durch die Oligopole?

Ich denke, die deutschen Stahlhersteller können wettbewerbsfähig einkaufen.

Das Verhandlungs- und Preissetzungsverfahren hat sich verändert und ist dynamischer geworden. Was bedeutet das für die Industrie?

Ich halte das für eine ganz schlechte Entwicklung. Nachdem früher Jahrespreise vereinbart wurden, haben wir nun Preise, die quartalsweise festgesetzt werden. Das passt alleine schon aufgrund der langen Durchlaufzeiten nicht zum langfristig orientierten Stahlgeschäft.

Wie konnte es soweit kommen und welche Alternativen gibt es?

Das ist eine Frage der unternehmerischen Freiheit. Die deutschen Unternehmen der Branche unternehmen ein Menge, nehmen Sie nur einmal die Beteiligungen in China oder nehmen Sie mein früheres Unternehmen ThyssenKrupp mit den zwei großartigen Entscheidungen, in Brasilien an der Küste ein Hüttenwerk zu bauen und dazu gehörig in Alabama ein so genanntes Re-Roller-Werk zu errichten. Das ist ein großartiges Konzept, denn auf diese Weise können sie die Montagewerke von BMW und Daimler in der Nachbarschaft beliefern.

Wie erklärt sich der Erfolg der deutschen Wirtschaft im Moment, spielt der Kurs des Euro eine Rolle?

Der heutige Außenkurs des Euro ist für Deutschland eindeutig zu niedrig. Die deutsche Volkswirtschaft müsste, nachdem sie Jahre lang Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von vier bis sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes geliefert hat, längst aufgewertet haben. Denn nur eine Aufwertung führt zu einem so großen Wohlstandszuwachs, wie wir ihn bis zum Fall der Berliner Mauer über 20 Jahre hinweg beobachten konnten.

Ein tiefer Eurokurs ist schlecht für Deutschland - das widerspricht den meisten Argumenten, die man sonst hört - vor allem von der Exportindustrie?

Er ist für uns unangebracht, denn dadurch müssen wir Wirtschaftsleistung von bis zu zehn Prozent pro Jahr verschenken.

Wie muss ich das verstehen?

Deutschland schenkt die Überschüsse, die es im Außenhandel erzielt, der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB benützt diese Überschüsse, um damit die Defizite von Griechenland, Italien, Frankreich und so weiter zu bezahlen. Wir verschenken jedes Jahr im Abrechnungskreislauf der Zentralbanken fünf bis sechs Prozent unseres Sozialproduktes, Waren gegen Papier. Im Bereich der Geschäftsbanken verschenken wir noch einmal zwei bis drei Prozent. Dazu kommt ein Nettobeitrag an die Europäische Union (EU) in Höhe von einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Wir verschenken jedes Jahr zehn Prozent unseres BIP. Das sind 250 Milliarden Euro - und das hält keine Volkswirtschaft aus.

Was ist der Umkehrschluss? Sollte sich Deutschland zurückziehen aus dem Euroraum?

Ja, natürlich müssen wir heraus aus dem Euro, so schnell wie möglich. Die Niederlande und Österreich befinden sich in einer ähnlichen Lage. Wir brauchen so etwas wie einen Nord- und einen Südeuro.

Wäre das politisch überhaupt machbar?

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