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Im Gespräch: John Taylor, FX-Concepts : „Die Schuldenkrise Europas ist nicht gelöst“

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Die Krise Europas wird wieder intensiver werden. In Griechenland sehen wir schon so etwas wie eine Tea-Party-Bewegung, Irland muss seine Schulden im Frühjahr refinanzieren. Das kann schwierig werden. Grundsätzlich führen Sparpolitiken oft in Rezessionen und führen kurzfristig zu Belastungen, während sie langfristig positiv sind. Dazu kommen die Leistungsbilanzdefizite, die bei festen Wechselkursen zu einer riesigen Last werden und alle wirtschaftspolitischen Brücken brechen können.

Auch die Amerikaner haben ein Leistungsbilanzdefizit und einen festen Wechselkurs zum Yuan.

Das stimmt, aber im Gegensatz zu den Chinesen wir mögen den überhaupt nicht.

Ist die amerikanische Geldpolitik darauf ausgerichtet, diese Bindung zu brechen?

Mit Sicherheit. Sie sagen das zwar nicht offiziell. Wenn man jedoch Prioritäten definieren würde, läge das Ziel unter den obersten drei. Prioritär sind die Ziele, die Schuldenlast zu verringern und Banken zur Kreditvergabe zu bringen. Eine Analyse, die im Auftrag von Paul Tudor Jones durchgeführt wurde, zeigt, dass das Quantitative Easing kaum einen Einfluss auf das amerikanische Wirtschaftswachstum und den Arbeitsmarkt hat. Wenn dagegen der Yuan um 30 Prozent aufwerten würde, könnte die amerikanische Arbeitslosenquote in den kommenden fünf Jahren um drei Prozentpunkte zurückgehen, das Wachstum um 0,5 Prozentpunkte jährlich zunehmen und die Sparer könnten mit höheren Zinsen rechnen und mehr konsumieren.

Wie wird sich die amerikanische Wirtschaft schlagen?

Ich fürchte, wir werden im kommenden Jahr in den Vereinigten Staaten in die Rezession zurückfallen. Neben der nach den jüngsten Zwischenwahlen drohenden Austeritätspolitik deuten viele vorlaufende Indikatoren darauf hin. Das gilt auch für Europa, selbst wenn die Wachstumszahlen im Moment noch positiv überraschen. Bernanke wird die kontraktiven Effekte Fiskalpolitik geldpolitisch nicht kompensieren können. An den so genannten Vermögenseffekt glaube ich sowieso nicht.

Wieso sind dann die Börsen so stark und die Rohstoffe so teuer?

Sie sind liquiditätsgetrieben. Ein großer Teil des Wachstums, das wir in den vergangenen 15 Jahren gesehen haben, ging in erster Linie auf die großzügige Liquiditätsversorgung zurück.

Können Sie mir erklären, wieso der Yen zuletzt so stark aufgewertet hat?

Japans Wirtschaft ist vergleichsweise robust, aber das Land hat die starke Alterungsprobleme und enorme Schulden. Bisher wurden die getragen von den Sparern im Binnenmarkt. Da jedoch die Steuereinnahmen zurückgehen und die Sparquote sinkt, ist das Land bald auf Fremdkapital angewiesen. Um das anziehen zu können, muss es etwas bieten: Entweder höhere Zinsen oder eine aufwertende Währung. Höhere Zinsen würden Japan unmittelbar in eine unkontrollierbare Situation bringen. So müssen sie den Yen aufwerten lassen.

Wohin kann der Kurs fallen - bis auf 70 oder gar 60 Yen je Dollar, etwa?

Ich prognostiziere Kurse von bis zu 75 Yen je Dollar oder tiefer. Die Frage ist nur, wann Japan schließlich doch in Zahlungsschwierigkeiten geraten wird. Dann nämlich wird der Yen dramatisch abwerten.

Wie wird sich der Kurs des Euro gegen den Dollar entwickeln?

Der Euro wird im kommenden Jahr schwächer tendieren. Die amerikanische Zentralbank tut zwar alles, um den Dollar zu schwächen, während die Europäische Zentralbank (EZB) bemüht ist, den Euro stark zu halten. Die Funktionalität der EZB wird allerdings eingeschränkt, wenn Staaten wie Griechenland oder Irland der Kollaps droht. Denn dann geriete das europäische Bankensystem in große Schwierigkeiten. Und genau damit rechnen wir im kommenden Jahr.

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