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Große Hoffnung, herbe Enttäuschung : Der geräuschlose Abstieg der Bitcoins

Unbeständige Währung: Schwankungen im zweistellige Bereich sind bei Bitcoins normal. Bild: dpa

Seit dem Höhepunkt im Dezember 2013 ist der Kurs der Bitcoins um mehr als 60 Prozent abgesackt. Gerade Laien sind vom Handel mit der digitalen Währung abgeschreckt. Das liegt vor allem an der Unbeständigkeit der Währung.

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          Immer wenn es um die digitale Währung Bitcoins geht, war das bislang mit viel Lärm verbunden. Als die Internetdevise aufstieg, jagte jeden Tag eine Meldung über junge Millionäre die nächste. Automaten, an denen jedermann Bitcoins einzahlen konnte, wurden mit viel Getöse vorgestellt. Als mit Mt. Gox eines der größten Handelszentren Insolvenz anmelden musste und die digitale Währung in ihre schlimmste Krise stürzte, belagerten die Bitcoin-Jünger den Firmensitz in Tokio. Der vorläufige Höhepunkt: Der angebliche Erfinder der digitalen Devise wurde von einer ganzen Armada von Fotografen und Journalisten belagert, als er vom Magazin „Newsweek“ enttarnt wurde.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Problem: Der japanstämmige Amerikaner bestreitet vehement jede Urheberschaft und geht gegen diese Behauptungen nun sogar juristisch vor. Doch jetzt ist es verdächtig ruhig, und das obwohl der Kurs der Bitcoins klar in eine Richtung zeigt: nach unten. Aktuell notiert ein Bitcoin bei rund 450 Dollar, wie der Preisindex von Coindesk zeigt. So wenig kostete ein Bitcoin zuletzt vor etwa fünf Monaten. Zum Vergleich: Im Dezember kratzte die Internetwährung noch an der 1200-Dollar-Grenze. Doch wie konnte es zu dem Absturz um rund 60 Prozent kommen?

          Zahlenkette aus Bits und Bytes

          Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig und längst sind sie nicht alle klar. Denn über die Bitcoins herrscht keine Zentralbank oder Regierung. Sie besteht lediglich aus einer komplexen Zahlenkette aus Bits und Bytes. Da die digitale Währung nicht mit Gold abgesichert ist und keine Institution für sie garantiert, ist der einzige Wert, mit dem sie hinterlegt ist, das Vertrauen ihrer Nutzer. Und eben dieses wurde mittlerweile zu großen Teilen verspielt, es herrscht eine regelrechte Vertrauenskrise.

          Als das Phänomen der Bitcoins in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, herrschte eine große Euphorie. Die Kurse stiegen rasant an, so dass auch Laien in diese Währung investierten. Zusätzlich stieg das Misstrauen in das herkömmliche Geldsystem und die Politik. So wurden in Zypern Guthaben beschlagnahmt, bei einigen ging die blanke Angst um ihr Geld um. Die Bitcoins schienen eine sichere Alternative zu sein.

          Verlauf des Bitcoin-Kurses seit einem Jahr

          Doch die wiederholten Preisabstürze sowie die Insolvenz der einst größten Börse Mt. Gox haben das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Aber auch viele kleinere digitale Marktplätze, auf denen mit der Internetwährung gehandelt wurde, schlossen ihre Pforten. Außerdem gab und gibt es immer wieder Gerüchte über die Sicherheit der Internetwährung. Denn sie besteht nur aus einer digitalen Zeichenkette, die mit hochkomplexer Mathematik berechnet wird.

          So schob Mt. Gox seine Insolvenz auf einen angeblichen Hacker-Diebstahl der Bitcoins, was aber immer häufiger angezweifelt wird. Auch über die Schwesterwährung Auroracoin wurde zuletzt behauptet, sie wäre von Hackern geknackt worden. Auch das Krisenmanagement der Bitcoin-Gemeinschaft ist selbst laienhaft. Nachdem sie den Fehler erkannt hatte, wurde er erst nicht kommuniziert, dann heruntergespielt und schließlich nicht behoben. Für eine Währung, die nur auf Vertrauen basiert, ist das Gift.

          Zweistellige Schwankungen

          Zusätzlich umweht die digitale Devise seit jeher der Geruch des Halbseidenen. Auf Schwarzmärkten wie im Internet wie „Silk Road“ konnte man alles Denkbare handeln – und ausschließlich in Bitcoin zahlen. Kinderpornographie, Drogen, Waffen, Auftragsmörder und sogar alte sowjetische Panzer waren dort im Angebot, bis die Betreiber verhaftet wurden. Zwar kann man Bitcoins auch ganz legal nutzen, aber durch die Anonymität fühlten sich einige Benutzer zu illegalen Machenschaften hingezogen.

          Zu guter Letzt haben immer mehr staatliche Institutionen wie Zentralbanken vor den Risiken der Bitcoins gewarnt. Nahezu alle Zentralbanken Europas wiesen auf die Risiken hin. China verbot den Handel sogar ganz und die Vereinigten Staaten behandelten die digitale Devise als Vermögen, was zu einer hohen Steuerlast führt. Diese ganzen Meldungen ließen zwar nicht die Begeisterung der Enthusiasten sinken, aber Laien fühlten sich deutlich abgeschreckt. Die Anzahl der Transaktionen sank seit Dezember von 650.000 Bitcoins je Tag auf nur noch 100.000. Lediglich rund um den Tag der Pleite von Mt. Gox wurden 900.000 Bitcoins gehandelt.

          Als Zahlungsmittel wurden sie seit jeher von sehr wenigen Menschen behandelt. Schon im Internet gibt es nur wenige Unternehmen, bei denen man mit der digitalen Währung zahlen kann. Im realen Leben sind es noch weniger. Die Suche nach solchen Läden gleicht der nach einer Nadel im Heuhaufen. Das größte Problem ist aber die Unbeständigkeit der Währung. Währungsschwankungen im zweistelligen Bereich sind die Normalität, an einigen Tagen geht es auch um 70 Prozent nach oben oder unten. Als Nutzer kann man sich bei den Bitcoins nicht darauf verlassen, dass sie an nächsten Tag noch ungefähr so viel Wert sind wie am Vortag. Über Nacht kann man sein Vermögen fast verdoppelt haben, aber auch nahezu verlieren.

          Doch der Preisverfall kann auch gut sein für die Währung. Ist der Hype um die Währung vorbei und stabilisiert sie sich auf einem angemessenen Niveau, könnte sie auch wirklich als Zahlungsmittel benutzt werden. Denn dort hat sie nach wie vor unbestreitbare Vorteile. Mit ihr kann nach wie vor über Ländergrenzen schnell und kostengünstig bezahlt werden. Doch wann das angemessene Niveau erreicht ist und wo es liegt, ist die große Frage.

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