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Goldpreis : Die Tage des Goldfixings sind gezählt

Wurden Goldpreise während des Fixings manipuliert? Bild: REUTERS

Es gibt offenbar Anzeichen dafür, dass der Referenzpreis für Gold manipuliert wurde. In Amerika rollt eine Klagewelle auf die fünf Banken zu, die am Goldfixing beteiligt sind.

          Am kommenden Dienstag wird die Deutsche Bank zum letzten Mal am Londoner Goldfixing teilnehmen. Danach werden es mit Barclays, HSBC, Bank of Nova Scotia und Société Générale nur noch vier Banken sein, die vormittags und nachmittags den Referenzpreis für Gold austarieren. Im Januar hatte die Deutsche Bank angekündigt, sich aus dem Gremium zurückzuziehen und dies mit der Verkleinerung ihrer Rohstoffsparte begründet. Es wurde ein Käufer für den Sitz gesucht, den die Bank vor 20 Jahren durch die Akquisition des Londonder Goldhändlers Sharps Pixley gewonnen hatte. Doch die Suche blieb offensichtlich erfolglos, auch wenn Gerüchte die Runde machten, die in London ansässige Standard Bank, die wiederum zu 60 Prozent der chinesischen Staatsbank ICBC gehört, sei interessiert.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Es mehren sich jedoch die Anzeichen, dass auch für die anderen Institute die Tage gezählt sind, an denen der Referenzpreis für Gold nach einem Ritual festgesetzt wird, das sich nicht merklich von dem unterscheidet, das 1919 ins Leben gerufen wurde. Seitdem im November vergangenen Jahres bekanntwurde, dass die deutsche Finanzaufsicht Bafin und die britische Aufsichtsbehörde FCA wegen Manipulationsvorwürfen ermitteln, reißt die Kritik an der Preisfindung nicht ab. In zwei täglichen Telefonkonferenzen stellen die fünf Banken den Preis fest, bei dem sich Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht befinden. Dieser Preis dient dem globalen Goldhandel als Richtwert: Investoren, Noten- und Geschäftsbanken orientieren sich ebenso daran wie Händler und Minengesellschaften. Auf der Basis dieses Preises bewerten sie ihre Bestände.

          Mehr als 20 Kläger werfen Manipulation vor

          In den Vereinigten Staaten kommt eine Welle von mehr als 20 Klägern auf die fünf Institute zu, die am Goldfixing beteiligt sind. Die Kläger werfen den Banken unter anderem vor, den Preis während der Telefonkonferenzen für das Fixing zu manipulieren. Die erste Klage hatte Anfang März dieses Jahres Schlagzeilen gemacht, als der ehemalige Goldhändler Kevin Maher vor einem Bundesgericht in Manhattan Schadensersatz von den Banken forderte. Maher strebt ein Sammelverfahren im Namen aller Investoren an, die seit 2004 Gold oder von Gold abgeleitete Finanzinstrumente, sogenannte Derivate, gehandelt haben. Zu den Klägern die sich Maher angeschlossen haben, gehören Privatleute, Hedgefonds und eine Pensionskasse aus Alaska. Die Klägeranwälte trafen in dieser Woche alle in New York zusammen, um ihre Initiativen zu koordinieren. „Das große Manko beim Verfahren des Goldfixings ist, dass die Banken auf Basis der Informationen handeln, die bei der Telefonkonferenz ausgetauscht werden, um den Preis von Gold und Goldderivaten zu manipulieren, bevor der Fixpreis dem breiteren Markt mitgeteilt wird“, heißt es in einer Klageschrift. „Eine Menge Verschwörungstheorien haben sich als Tatsachen herausgestellt“, sagte Kläger Maher kürzlich der „New York Times“. „Wir wissen jetzt, dass der Libor in London manipuliert wurde und ein schlechter Geruch aus dem Devisenmarkt kommt. Warum sollte es bei Gold anders sein?“, sagte Maher gegenüber der „New York Times“.

          Zwar heißt es bei der Deutschen Bank, man halte die Klage für unbegründet und werde sich mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen. Die anderen beschuldigten Banken wollten kein Kommentar dazu abgeben. Doch es mehren sich die Hinweise von Fachleuten, dass während des Fixings am Preis gedreht wurde.

          So hat die Beratungsgesellschaft Fideres im Auftrag von Klägern untersucht, ob sich aus der Entwicklung des Goldpreises um die Zeit des Fixings herum, Auffälligkeiten erkennen lassen. Dafür wurden öffentlich zugängliche Daten aus dem Zeitraum von Januar 2010 bis Dezember 2013 untersucht. „Wir haben deutliche Hinweise auf mögliche Manipulation gefunden“, sagt Steffen Hennig, Partner bei Fideres. Die Telefonkonferenzen finden zweimal täglich statt, um 11.30 und um 16 Uhr deutscher Zeit. Manchmal dauert die Preisfindung zwei Minuten, manchmal auch zwei Stunden, im Durchschnitt jedoch 15 Minuten. Fideres hat nun festgestellt, dass der Goldpreis in dieser Zeit viel stärker schwankt als sonst im Tagesverlauf üblich, durchschnittlich um zwei Dollar, wobei auch Preisausschläge von bis zu vier Dollar beobachtet werden konnten. „Es gibt Preisbewegungen in beide Richtungen, überwiegend aber nach unten“, sagt Hennig. Die zweite Beobachtung ist, dass sich der Preis nach dem Fixing wieder auf das Niveau einpendelt, das er davor hatte. Henning schließt daraus, dass die Banken im Gremium den Preis bewusst in eine Richtung treiben, die ihrem Geschäft dienlich ist.

          Die Zeit während des Fixings ist Haupthandelszeit

          Während der Telefonkonferenz haben sie gegenüber anderen Marktteilnehmern einen Informationsvorteil, weil sie wissen, welche Volumina Gold zu welchem Preis gehandelt werden. Die Weitergabe dieser Informationen an Händler aus dem eigenen Haus ist zwar illegal, aber – wie die Manipulationen im Devisenhandel und bei der Ermittlung des Londoner Referenzzinsatzes Libor gezeigt haben – durchaus möglich. „Wenn Geld zu verdienen ist, besteht auch der Anreiz, das System zu manipulieren“, sagt Hennig.

          Dazu kommt, dass die Zeit während des Fixings die Haupthandelszeit für Terminkontrakte auf Gold ist. 4500 Gold-Kontrakte werden in der Zeit im Durchschnitt gehandelt, wobei ein Kontrakt aus 100 Unzen je 31,1 Gramm Gold besteht. Bei einem aktuellen Goldpreis von rund 1300 Dollar je Unze entspricht das einem Volumen von 585 Millionen Dollar.

          Zu einem ähnlichen Ergebnis wie Fideres kommt auch Rosa Abrantes-Metz, Wissenschaftlerin an der New York University, die ebenfalls das Fixing untersucht und auffällige Handelsmuster festgestellt hat. „Das System der Preisfestsetzung befördert Manipulationen und betrügerische Absprachen“, so Abrantes-Metz. Es sei wahrscheinlich, dass es zu Absprachen zwischen den Mitgliedern des Gremiums gekommen sei.

          Nach Ansicht von Hennig müsste das System vollkommen reformiert werden, um Betrug künftig vorzubeugen. „Die Regeln müssen einfacher und klarer sein. Außerdem sollten dem Referenzpreis tatsächliche Transaktionen zugrunde liegen.“ Sollte es dazu kommen, würde von dem fast 100 Jahre alten Ritual Goldfixing nicht mehr viel übrig bleiben – und die Finanzwelt wäre um einen Anachronismus ärmer.

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