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Gold : Warum der Preis so leicht manipulierbar ist

Koste es, was wir wollen? Bild: Deutsche Bundesbank

Nach dem Skandal um getürkte Zinsen untersucht die amerikanische Terminbösenaufsicht nun den Goldpreis auf Manipulationen. Der kleine Entscheiderkreis legt den Verdacht nahe.

          Die amerikanische Terminbörsenaufsicht CFTC prüft nach einem Pressebericht mögliche Preismanipulationen am Goldmarkt in London. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, interessiert sich die Behörde für die Methoden bei der Festsetzung des Fixpreises für eine Feinunze Gold. Der Preis wird von mehreren Banken, darunter der Deutschen Bank, zweimal am Tag festgesetzt. Bei den Untersuchungen, die auch den kleineren Silbermarkt mit einbeziehen, geht es der CFTC offenbar um die Transparenz der Preisfindung. Die Prüfung befindet sich in einem vorläufigen Stadium. Formelle Ermittlungen seien noch nicht eingeleitet worden, hieß es in dem Bericht.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Obwohl der Goldpreis durch Angebot und Nachfrage an den Börsen entsteht, benötigen Banken, Investoren sowie Bergbau- und Minenunternehmen einen Referenzkurs, der sich nicht sekündlich ändert und mit dem man handeln kann. Er gilt auch als Richtlinie für den Handel von abgeleiteten Finanzprodukten, so genannten Derivaten. Damit hat er weitreichende Auswirkungen auf den Markt und beeinflusst direkt etwa den Gewinn für Goldförderer oder den Kurs eben dieser Derivate.

          Goldhändler weisen Verdacht zurück

          Die Untersuchungen folgen auf die Manipulationen des Londoner Zinssatzes Libor, an deren Aufklärung die CFTC ebenfalls beteiligt ist. Behörden in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und anderen Ländern ermitteln gegen rund 20 internationale Großbanken, deren Händler jahrelang den Libor manipuliert haben sollen, um Handelsgewinne einzustreichen. Der Libor hat große Bedeutung, weil er als Referenz für die Kosten zahlreicher anderer Finanzprodukte von Kreditkarten bis zu Hypotheken gilt. Drei große Banken, die britischen Institute Barclays und die Royal Bank of Scotland, sowie die Schweizer UBS haben die Manipulationsvorwürfe bereits mit außergerichtlichen Vergleichen beigelegt. Sie zahlten Geldstrafen von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar. Auch gegen die Deutsche Bank wird in der Angelegenheit ermittelt.

          Die bisherigen Lehren aus dem Libor-Skandal haben offenbar die Prüfung des Goldpreises angestoßen. „Die Vorstellung, dass die allgegenwärtige Manipulation, oder versuchte Manipulation von Zinssätzen so weit verbreitet ist, sollte die Aufrichtigkeit der anderen wichtigen Markierungen in Frage stellen“, sagte CFTC-Mitglied Bart Chilton kürzlich bei einer Veranstaltung in Washington. Chilton zählte unter anderem die Londoner Preise für Gold und Silber zu diesen fragwürdigen Richtgrößen. Ein Sprecher der London Bullion Market Association, welche die Qualitätsstandards für das in der britischen Hauptstadt gehandelte Gold und Silber festsetzt, wies jeglichen Verdacht der Manipulation bei der Festsetzung der Edelmetallpreise zurück: „Das ist völlig transparent. Mit Libor ist es nicht zu vergleichen.“

          Fünf Banken entscheiden, was Gold kostet

          Offensichtlich scheint die CFTC diese Transparenz nicht nachvollziehen können. Und während beim Libor immerhin bis zu 18 Banken den Preis festlegen, sind es beim Gold-Fixpreis nur fünf Großbanken: Die kanadische Scotiabank, die britische Barclays Capital, die Deutsche Bank, die britische HSBC und die französische Société Générale telefonieren sich an Werktagen zweimal täglich zusammen, jeweils um 10.30 und um 15 Uhr Londoner Ortszeit. Ein Vertreter der fünf Banken leitet die Sitzung und gibt dann einen Preis vor – dieser orientiert sich am Spot-Preis. Danach wird verhandelt.

          Die Banken leiten den vorgeschlagenen Preis an ihre Kunden weiter, die sie dann wiederum ihren Kunden weitergeben. So sind unter anderem Goldproduzenten, Notenbanken, Geschäftsbanken, Goldverarbeiter und Pensionsfonds am Prozess beteiligt. Diese melden zurück, ob sie zu diesem vorgeschlagenen Preis Gold kaufen würden. Alle Informationen landen dann wieder beim leitenden Goldhändler, der daraus einen ausgeglichenen Marktpreis berechnet. Danach wird noch festgestellt, wie viel Gold gekauft und veräußert werden soll. Erst wenn das abgeschlossen ist, gibt es den Gold-Fixpreis.

          Sollte es kein Gleichgewicht geben, muss der leitende Goldhändler einen neuen Preisvorschlag machen. Was wie ein stundenlanger Prozess klingt, wird in der Regel in zehn Minuten erledigt und dauert nur in Ausnahmefällen länger. Dieser gesamte Prozess erinnert noch an völlig andere Zeiten, und aus ihnen stammt er auch: Erstmals wurde der Preis so am 12. September 1912 festgelegt. Keiner der damaligen Teilnehmer ist heute noch in der Runde der fünf Banken dabei: Rothschild zog sich freiwillig zurück, die anderen vier Gründungsbanken wurden im Laufe der Zeit von Großbanken geschluckt.

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