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Geldpolitik : EZB kämpft gegen starken Euro

  • -Aktualisiert am

Sieht noch keinen akuten Handlungsbedarf gegen die Aufwertung des Euro: EZB-Präsident Trichet Bild: REUTERS

Der Außenwert des Euro war noch nie so hoch wie heute und wird zu einer ernsten Belastung der Wirtschaft. Die Europäische Zentralbank wird langsam nervös und beginnt, dem entgegenzuwirken - vorerst jedoch nur mit Worten, statt mit Taten.

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          Noch ist die Botschaft auf den Devisenmärkten nicht wirklich angekommen: Der Euro verlor am Freitag nur geringfügig und sackte unter 1,49 Dollar je Euro, nachdem am Vortag der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, abermals gegen die Aufwertung der europäischen Währung argumentiert hatte. Der Euro sei keine weltweite Reservewährung, sagte Trichet. Dazu sei er nicht geschaffen worden. Was sich zunächst nach einer Selbstverständlichkeit anhört, nehmen Währungsanalysten als Verschärfung der Tonart wahr, die schon bald die Devisenkurse beeinflussen könnte.

          „Das ist sicher gezielte verbale Intervention gegen den Euro gewesen“, sagt Ralf Umlauf, Devisenfachmann der Helaba. Offensichtlich werde die EZB bei einem Wechselkurs von nahezu 1,50 Dollar je Euro nervös. Seit dem Jahrestief im Februar dieses Jahres hat sich der Euro in der Relation zum Dollar um rund 20 Prozent verteuert. Der handelsgewichtete Außenwert des Euro ist zwar weniger schwankungsanfällig, er war aber noch nie so hoch wie heute. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wertete der Euro in den vergangenen zwölf Monaten um rund 6 Prozent auf. Das ist die Fortsetzung eines stabilen Trends: Seit dem Jahr 2000 erhöhte sich der handelsgewichtete Außenwert des Euro um mehr als 30 Prozent.

          Für Importeure im Euro-Raum ist das erfreulich, weil sie für ihre Euro im Ausland mehr Güter und Dienstleistungen kaufen können. Die in weiten Teilen des Euro-Raums dominierende Exportwirtschaft leidet dagegen, weil sie die Aufwertung mit ständig steigender Produktivität ausgleichen muss oder an Wettbewerbsfähigkeit verliert. „Man sollte sich also bei Spekulationen auf den steigenden Euro nicht zu sehr darauf verlassen, dass die EZB tatenlos zusieht“, sagt Umlauf.

          Bild: F.A.Z.

          Scharfe Korrektur des Euro erwartet

          Trichet erhöhe allmählich den Druck, sagt Erik Nielsen, Zentralbank-Beobachter bei Goldman Sachs. Zunächst habe der EZB-Präsident sich erfreut darüber geäußert, dass die Amerikaner an der Politik des starken Dollar festhalten wollen. Dann sagte er, eine Reihe von Währungen sollten gegen Dollar und Euro aufwerten, und in seinem Kommentar zur letzten Zinsentscheidung sagte Trichet, starke Währungsschwankungen seien schädlich für Wirtschaft und Finanzstabilität. Da sei man sich auf beiden Seiten des Atlantiks einig. Die Verschärfung der Formulierungen lasse sich gut verfolgen, sagt Nielsen.

          Die verbalen Eingriffe der EZB könnten durchaus Auslöser für eine scharfe Korrektur des Euro sein, glaubt Dorothea Huttanus von der DZ-Bank. Der Rückschlag könne durchaus bis 1,40 Dollar je Euro gehen, zumal allmählich die auch in Europa schwachen Staatsfinanzen wieder in den Vordergrund geraten. Doch werde eine solche Korrektur nichts an dem grundlegenden Trend ändern: „Nicht der Euro ist stark, sondern der Dollar neigt zur Schwäche, weil viele Investoren ihr Währungsengagement schrittweise diversifizieren“, erläutert Huttanus.

          Diese Einschätzung scheinen Daten der britischen Bank Barclays zu untermauern. Diese schätzt, dass im zweiten Quartal 63 Prozent der neuen Devisenreserven der Notenbanken in Euro und Yen investiert wurden und nur noch 37 Prozent in Dollar. Im Durchschnitt der vergangenen zwölf Jahre habe der Dollar-Anteil bei mehr als 60 Prozent gelegen. Im Sommer hat die EZB Daten zur Entwicklung der Währungsreserven veröffentlicht und betont, dass die Verschiebungen im langfristigen Vergleich geringfügig seien.

          Asien schwächt gezielt seine Währungen

          Doch die Daten sprachen eine andere Sprache: Der Anteil des Dollar an den veröffentlichten Devisenreserven - insgesamt sind es in Dollar gerechnet rund 6700 Milliarden - schwindet zwar nur langsam, aber in einem stabilen Trend. Nach dem Wechselkurs von 1999 gerechnet, ist der Anteil von 23 auf 26,5 Prozent gestiegen. Legt man die jeweils aktuellen Wechselkurse zugrunde, ist die Steigerung noch größer, der Anteil des Euro ist nach diesem Berechnungsverfahren von 18 auf 26,5 Prozent gestiegen, während der Anteil des Dollar von 71 auf 64 Prozent gefallen ist. Auch in jüngster Zeit haben Zentralbanken weiter umgeschichtet. Devisenhändler vermuten vor allem asiatische Notenbanken, die wegen ihrer Exporte nach Amerika laufend Dollar einnehmen, zugleich aber den Wertverfall fürchten, wenn der Dollar zur Schwäche neigt.

          Dieses Dilemma ist Ergebnis einer seit Jahren andauernden Währungspolitik in Asien. Viele asiatische Länder versuchen, ihre Währungen weiterhin zu schwächen oder koppeln sie an den Dollar, um ihre Exportwirtschaft zu stützen. Auch das wird in Europa nicht mehr klaglos hingenommen. Bundesbank-Präsident Axel Weber sagte vor einigen Tagen in einem Gespräch mit der F.A.Z. (Bundesbankpräsident Weber: „Sarrazin muss sich selbst prüfen“) der Außenwert einiger Währungen werde durch wirtschaftspolitische Interventionen künstlich stabil gehalten. „Wir müssen mit einigen asiatischen Ländern darüber reden.“

          Eine Intervention der Europäischen Zentralbank stehe trotz der verschärften Rhetorik nicht bevor, glaubt Erik Nielsen von Goldman Sachs. Das sei nur sinnvoll, wenn sich die Amerikaner beteiligten, denen aber noch am schwächeren Dollar gelegen sei. Das werde sich erst ändern, wenn die Preise für Rohstoffe weiter erhöhen, sodass deren Import zu teuer wird.

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