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Finanzkrise droht : Investoren flüchten aus der Türkei

  • -Aktualisiert am

Die Lira war mal mehr wert Bild: dpa

Schlechte Aussichten für die Türkei: Der Kurs der Währung Lira ist auf Sinkflug. Der Aktienmarkt liegt im Minus. Analysten bezweifeln, dass sich dies 2014 ändert.

          Aus der politischen Krise in der Türkei droht eine wirtschaftliche zu werden. Seit Tagen ziehen Investoren ihr Geld aus türkischen Aktien, Anleihen und anderen Anlageklassen ab – mit den entsprechenden Folgen, insbesondere für den Kurs der türkischen Lira, der auf dem tiefsten Stand seit der Einführung der Währung im Jahr 2005 gefallen ist. Für ein Land, das so stark von ausländischem Kapital abhängt wie die Türkei, stellen diese Abflüsse ein erhebliches Risiko dar.

          Nach der Meinung vieler Analysten droht das Land seine zuvor erreichten Erfolge zu verspielen. Die tragende Säule des wirtschaftlichen Aufstiegs der Türkei in der vergangenen Dekade – zeitweise mit Wachstumsraten deutlich über 5 Prozent – war die relative politische Stabilität mit gleichzeitigen liberalen Wirtschaftsreformen. Seit den Massendemonstrationen im Istanbuler Gezi-Park im Mai 2013 und dem Korruptionsskandal Mitte Dezember um die Regierung von Ministerpräsident Recep Erdogan, hat sich die Wahrnehmung des Landes jedoch extrem verschlechtert.

          Die politische Krise trifft die Türkei zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das Land weist eine niedrige Investitionsquote und eine negative Leistungsbilanz auf. Schon im Sommer war die Währung wegen Spekulationen über eine bevorstehende Drosselung der lockeren amerikanischen Geldpolitik unter Druck geraten. „Wenn der Korruptionsskandal andauert, könnte das die Regierung schwächen und ihre Fähigkeit untergraben, rechtzeitig politische Maßnahmen zu ergreifen, um die wirtschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten“, schreiben die Analysten der Ratingagentur Fitch in einer Analyse.

          Devisenreserven der Notenbank schwinden

          Mittlerweile ist der gesamte türkische Finanzmarkt von der Krise angesteckt worden. Angesichts der politischen Unsicherheit ziehen Investoren ihr Geld von der Börse am Bosporus ab. Seit Mai 2013 hat der türkische Aktienmarkt 27 Prozent verloren, so viel wie kein anderer europäischer Aktienmarkt. Ende Dezember war der ISE 100, der die Börsenentwicklung der 100 größten türkischen Unternehmen abbildet, auf den tiefsten Stand seit Mitte 2012 gesunken. Am Donnerstag schloss der Index mit 66.413 Punkten und hat damit seit Mitte Dezember etwa 11 Prozent verloren – und liegt weit von seinem Rekordhoch vom Mai vergangenen Jahres mit 93398 Punkten entfernt.

          Aufgrund der jüngsten Turbulenzen hat die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley ihren Ausblick für türkische Staatsanleihen in einer aktuellen Analyse auf „untergewichten“ gesenkt. Die Ratingagentur Fitch meint gar, dass der Skandal das Potential habe, die Kreditwürdigkeit der Türkei zu verschlechtern. Bei der zehnjährigen Staatsanleihe stieg die Rendite zeitweise auf 10,33 Prozent – den höchsten Stand seit dem Jahr 2010. Vor Beginn des Korruptionsskandals lag der Zinssatz noch bei rund 9,3 Prozent, ein Anstieg, der die Schuldenaufnahme der Türkei um 10 Prozent verteuerte.

          Finanzminister Mehmet Simsek sprach im Fernsehsender CNN Türk von der Krise als eine große politische Herausforderung, die sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken könne. In diesem Fall glauben die Analysten von Morgan Stanley, dass die türkische Notenbank den Leitzins von momentan 4,5 Prozent erhöhen könnte, um die Flucht der Investoren aus der Währung aufzuhalten. Allerdings sind die Devisenreserven der Notenbank durch die Marktinterventionen der vergangenen Monate bereits angezählt. Einige Analysten gehen davon aus, dass die Währungshüter nicht mehr die Mittel haben, um einzugreifen. Ende Dezember hatte die Notenbank Daten des Finanzdienstleisters Bloomberg zufolge noch Devisenreserven in Höhe von 114,2 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Brasilien hat 376 Milliarden Dollar, Russland 480 Milliarden Dollar.

          Angesichts dieser Zahlen ist eine anhaltende Lira-Schwäche wahrscheinlich: „Auf Sicht der kommenden zwölf Monate sollte der Dollar gegenüber der Lira bis in den Bereich um 2,35 aufwerten können“, erwartet DZ-Bank-Analyst Sören Hettler. Er geht nicht davon aus, dass es der Regierung gelingt, das Vertrauen der Investoren in diesem Jahr zurückzugewinnen. „Vielmehr dürfte Premier Recep Erdogan mit Blick auf die im März anstehenden Kommunalwahlen versuchen, Wähler zu mobilisieren, indem er auf interne und externe Gruppierungen verweist, die den Wohlstand der Türkei in Frage stellen – sehr zum Missfallen von Investoren.“

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