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Geldpolitik : Höhere Zinsen in Amerika erst im Dezember

Was immer Amerikas Notenbankpräsidentin Yellen sagt - es bewegt die Märkte. Bild: AP

Die meisten Banken rechnen im September nicht mit einer Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. Der Dollar legt etwas zu.

          Amerikas Notenbank-Chefin Janet Yellen schickt die Aktienkurse im Augenblick mal rauf, mal runter: Während viele Börsenindizes am Freitag nach Yellens Rede auf der Notenbank-Tagung im amerikanischen Jackson Hole zunächst zulegten, verloren die Indizes am Montag wieder. Und beide Male wurde vor allem auf die Rede der Notenbankchefin verwiesen. Der Dax hatte am Freitag 0,6 Prozent gewonnen – und gab am Montag wieder 0,3 Prozent nach. Der Dollar legte gegenüber anderen Währungen etwas zu: Der Wechselkurs zum Yen stieg auf 102,41 Yen, nach 101,82 am Freitagabend. Der Euro sank auf 1,1176 Dollar und lag damit gut einen amerikanischen Cent niedriger als vor der Yellen-Rede am Freitag. Zugleich verloren Rohstoffe, Öl und Gold etwas.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie ist das zu verstehen? Offenbar war auch an den Märkten so mancher anfangs verwirrt. Yellen hatte gesagt, die Argumente für eine Zinsanhebung seien in den vergangenen Monaten „stärker geworden“, einen konkreten Termin für eine mögliche Straffung hatte sie jedoch nicht genannt. Äußerung von Fed-Vizepräsident Stanley Fischer wurden dahingehend gedeutet, dass es sogar noch zwei Zinsanhebungen in diesem Jahr geben könnte. Damit sei die „Tür offen“ für Zinserhöhungen, sagten die Börsianer, wandten aber zugleich ein, wenn die Fed die Märkte auf einen Zinsschritt im September hätte vorbereiten wollen, hätte sie das deutlicher gemacht. „Die Fed will die Märkte schließlich nicht überraschen“, meint Timo Schwietering, Kaptialmarktstratege im Private Banking des Bankhauses Metzler.

          Etwas mehr im Dezember

          Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs und der große Anleiheinvestor Pimco jedenfalls zogen auffällig unterschiedliche Schlussfolgerungen. So stufte Jan Hatzius, der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed schon im September die Leitzinsen anhebt, von 30 auf 40 Prozent hoch; also zwar auf eine höhere Wahrscheinlichkeit, die aber immer noch unter 50 Prozent liegt, und somit nicht das Hauptszenario darstellt. Hingegen urteilten die Analysten von Pimco sogar, in Yellens Rede sei nichts Bemerkenswertes („nothing of note“) zu finden gewesen.

          Eine kleine Umfrage unter Banken in Frankfurt zeigt, dass auch nach der Yellen-Rede die meisten Fachleute nicht damit rechnen, dass schon im September die Zinsen in Amerika angehoben werden. Vielmehr ist die Mehrheitsmeinung, dass erst im Dezember etwas passiert – dann aber wird sich etwas tun, so glauben zumindest die Banken. Dass die Fed das ganze Jahr über gar nichts machen könnte, meint nur eine Minderheit.

          Das Wahrscheinlichste scheint zu sein, dass der amerikanische Leitzins am 14. Dezember von dem Band zwischen 0,25 bis 0,5 Prozent auf 0,5 bis 0,75 Prozent angehoben wird. So wie die Fed auch im letzten Jahr im Dezember die Zinsen angehoben hatte, nämlich von 0 bis 0,25 Prozent auf die jetzige Spanne. Es wäre aber auch nicht das erste Mal, dass alle Analysten die Vorsicht der Fed bei Zinsanhebungen unterschätzen.

          In den Banken verweist man auf zwei Größen, die untermauern sollen, dass die Investoren an den Märkten mit einer Zinserhöhung im Dezember rechnen. An den Terminmärkten lässt sich ablesen, dass nur eine Minderheit, immerhin aber 42 Prozent, auf eine Zinsanhebung im September spekuliert. Eine Mehrheit, 65 Prozent, spekuliert hingegen darauf, dass die Fed irgendwann bis einschließlich Dezember die Zinsen anhebt. Das könnte gleichwohl bedeuten, dass schon mehr Anleger auf den September- als auf den Dezember-Termin setzen.

          Laut einer Bloomberg-Umfrage unter Bank-Volkswirten rechnen von diesen 73 Prozent mit einer Zinserhöhung bis einschließlich Dezember und nur 13 Prozent mit einer Anhebung schon im September; die letztgenannte Umfrage wurde allerdings vor Jackson Hole gemacht, so dass sich die Werte zugunsten einer früheren Anhebung durchaus verschoben haben könnten.

          „Wir erwarten die nächste Zinserhöhung für Dezember“, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. „Die amerikanische Wirtschaft nähert sich der Vollbeschäftigung. Die Kerninflation zieht langsam an.“ Es sei klar, dass die amerikanische Notenbank mittlerweile dazu neige, ihren Leitzins anzuheben. „Allerdings halte ich Dezember als Termin für eine Zinserhöhung für wahrscheinlicher als September“, sagte Krämer. „Schließlich reichen schon ein schwacher Arbeitsmarktbericht oder ein Einknicken der Börse aus, damit die Fed eine angedachte Zinserhöhung verschiebt.“ Das hätten die letzten Monate gezeigt: Die Fed hatte schon für Juni eine Zinserhöhung in Aussicht gestellt. Der schwache Mai-Arbeitsmarktbericht hatte dann ausgereicht, um die Fed von diesem Schritt abzuhalten.

          Auch Stefan Schneider, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sagte: „Wir fühlen uns durch die Äußerungen in Jackson Hole in unserer Erwartung bestätigt, dass die Fed die Zinsen erst im Dezember um 25 Basispunkte anhebt.“ Gleichwohl hänge das natürlich davon ab, wie es in Amerika weitergehe. Ähnlich argumentieren die Ökonomen der UBS, des Bankhauses Metzler, von Hauck & Aufhäuser und der ING-Diba: „September ist trotz der Yellen-Rede viel zu früh und wäre eine große Überraschung“, sagte Carsten Brzeski, der Chefvolkswirt der ING-Diba: „Ich denke, dass der Konjunkturzyklus in Amerika sein Ende erreicht hat. Ähnlich wie in Deutschland – aber mit dem Unterschied, dass man eine starke Währung hat und keine Flüchtlinge, die kurzfristig wie ein Konjunkturprogramm wirken.“ Daher würden auf die Zinserhöhung der Fed nicht viele weitere folgen: „Diese Diskussion wird frühestens beginnen, wenn andere Notenbanken auch an Zinserhöhungen denken“, meinte Brzeski: „Und davon sind wir im Augenblick noch weit entfernt.“

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