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Euro-Krise : Sicherer Hafen mit begrenzter Kapazität

Bild: F.A.Z.

Aus Angst vor Staatsverschuldung und Geldentwertung suchen Anleger Zuflucht in anderen Währungen als Euro, Dollar, Yen und Pfund. Der skandinavische Markt ist attraktiv - aber zu klein.

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          In den vergangenen Tagen haben die Schwedische und die Norwegische Krone zum Euro aufgewertet, während der Franken abgewertet hat. Offenbar suchen Anleger nach der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank, den Franken nicht auf weniger als 1,20 Franken je Euro aufwerten zu lassen, nach Alternativen zum „sicheren Hafen“ in der Alpenrepublik. Die skandinavischen Königreiche Norwegen, Schweden und Dänemark bieten sich dafür an, weil sie einerseits nicht zum Euroraum gehören, andererseits als Schuldner mit höchster Bonität punkten können.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Getrieben von der Angst vor hoher Staatsverschuldung und späterer Geldentwertung suchen Anleger seit Monaten Zuflucht in anderen Währungen als Euro, Dollar, Yen und Pfund. Lange war der Schweizer Franken ihr Favorit, obwohl die Zinsen für Anlagen in der Schweiz nahe null liegen und nach Abzug von Inflation negativ sind. Doch auch Anlagen in Skandinavien sind seit längerem gefragt. Binnen eines Jahres ist etwa die Rendite zehnjähriger norwegischer Staatsanleihen um 1,23 Prozentpunkte gefallen, was in Europa den Höchstwert darstellt. Dahinter steht, dass Anleger es wohl weniger auf die Zinsen von nun nur noch 2,1 Prozent abgesehen haben, sondern in einer stabilen Währung anlegen wollen. Aus dem Kurs der Norwegischen Krone lässt sich dieser Schluss ziehen. Sie hat gegenüber dem Euro in den beiden vergangenen Wochen knapp 4 Prozent zugelegt. Die Schwedische Krone hat sich binnen einer Woche um 2,4 Prozent verteuert.

          Schweden und Dänemark besonders gefragt

          Norwegen ragt in Skandinavien wegen seines aus den Öl- und Gasvorkommen gewonnenen Reichtums heraus, bietet mangels nennenswerter öffentlicher Schulden aber kaum Gelegenheit zum Anleihekauf. Die Anleger weichen deshalb auf die Nachbarländer aus. Unter den Staatsemittenten mit niedrigen Zinsen waren Schweden und Dänemark in den drei vergangenen Monaten neben Deutschland besonders gefragt. „Der in der Vergangenheit zu beobachtende Reflex, dass Anleger in turbulenten Zeiten Skandinavien meiden, hat sich deutlich abgeschwächt“, fasst Henrik Unell von der Großbank Nordea die Entwicklung zusammen. Er geht allerdings davon aus, dass die Schwedische Krone in den kommenden Monaten kontinuierlich an Wert verlieren wird. Kostete ein Euro am Donnerstag knapp unter 9 Kronen, liegt Unells Prognose bis zum Jahresende bei 9,25 Kronen.

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          Zur Begründung für den verhaltenen Ausblick verweist Unell auf die sich abschwächende Konjunktur in dem Land, das 2010 mit einem Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent die höchste Dynamik aller Mitgliedstaaten der EU aufwies. Für 2012 erwartet Nordea nur noch ein Plus von 0,8 Prozent. Auch die schwedische Notenbank, die im April 2010 als erste Zentralbank in der EU auf das Wirtschaftswachstum mit steigenden Zinsen reagierte und den Leitzins seitdem von 0,25 auf 2,0 Prozent angehoben hat, setzt diesen Kurs nun nicht weiter fort: Am Mittwoch beschlossen die Währungshüter, den Satz unverändert zu lassen. Der Inflationsdruck habe abgenommen, die Unruhe auf den internationalen Finanzmärkten sei gestiegen, hieß es zur Begründung.

          „Klein und nicht liquide“

          Doch selbst wenn die skandinavischen Staaten sich weiterhin positiv entwickeln sollten, könnten ausländische Investoren dies nur eingeschränkt nutzen – denn das Volumen der Anleihe- und Devisenmärkte ist begrenzt. Nach Auskunft der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel wurden im vergangenen Jahr nur 2,2 Prozent aller Devisenmarktgeschäfte mit Schwedischen Kronen gemacht, für die Norwegische Krone liegt der Anteil bei 1,3 Prozent. Auf den Schweizer Franken entfallen 6,4 Prozent. Auch der Markt für Produkte wie Geldmarktfonds ist nach Auskunft von Olav Chen vom norwegischen Versicherer und Kapitalverwalter Storebrand „sehr klein und nicht besonders liquide“.

          Kit Juckes, Devisenfachmann der Société Générale, orakelt daher schon, wie lange Norwegen und Schweden bereit sein werden, eine in engen Märkten mögliche schnelle Aufwertung ihrer Währungen hinzunehmen. Er hält es für möglich, dass auch sie ihre Währungen an den Euro binden, falls sie durch den Ansturm der Anleger so stark aufwerten, dass die Absatzstärke der heimischen Industrie leidet.

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