https://www.faz.net/-gv6-8lelw

Energiesektor : Erneuerbare Energien werden wettbewerbsfähiger

Windräder bei Sehnde in der Region Hannover. Bild: dpa

Der niedrige Ölpreis bremst Investitionen in der Energiebranche aus, Tanken wird teurer. Die Internationale Energieagentur macht sich Sorgen um die Versorgungssicherheit.

          3 Min.

          Fatih Birol, der Direktor der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), spricht von „spektakulären Veränderungen“ im Energiesektor: „Wir sehen auf breiter Front eine Verschiebung hin zu saubereren Energieformen“, sagte der IEA-Chef. Um ein Drittel sei die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne und Wasserkraft in den vergangenen fünf Jahren gestiegen - und dies, obwohl die Investitionen in diesem Bereich im selben Zeitraum praktisch nicht gewachsen seien. Die Wirtschaftlichkeit der erneuerbaren Energien sei damit deutlich verbessert worden, bilanziert die IEA. „Sie brauchen weiterhin Subventionen, aber immer weniger“, sagte Birol. Seit 2010 sind laut IEA die Kosten für Solarstrom um 60 Prozent gefallen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Zahlen, welche die Energieexperten am Mittwoch in London vorstellten, finden sich in einem neuen Bericht der IEA zu den Investitionen im Energiesektor. Nach Birols Angaben ist es die erste umfassende Bestandsaufnahme der globalen Investitionsströme überhaupt, und die IEA will diese in Zukunft regelmäßig veröffentlichen. Die nach dem Ölpreisschock der siebziger Jahre gegründete und in Paris sitzende multinationale Institution ist einer der wichtigsten Datenlieferanten zum Weltenergiesystem.

          „Die Dinge ändern sich“, sagte Birol mit Blick auf die wachsende Bedeutung der erneuerbaren Energien. Nach Berechnung der IEA flossen im vergangenen Jahr 70 Prozent aller Stromerzeugungs-Investitionen in erneuerbare Energien und damit rund zweieinhalb Mal so viel wie in neue Kohle- und Gaskraftwerke. Rund neun Monate nach der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Paris sieht die IEA zumindest die Investitionen in die Windkraft, Solarenergie und die Elektroautos auf dem richtigen Weg. Sie machten 2015 insgesamt 17 Prozent aller Energieinvestitionen aus. Weitere 12 Prozent flossen in Energiesparmaßnahmen.

          Insgesamt wird laut IEA aber weiterhin zu wenig in den Umbau des Energiesektors investiert, um - wie angestrebt - den globalen Temperaturanstieg auf im Schnitt 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu beschränken. Notwendig seien dafür auch größere Anstrengungen zum Bau neuer Atomkraftwerke und bei der sogenannten Kohlendioxidabscheidung („carbon capturing“). Außerdem flössen vor allem in Asien noch immer hohe Investitionen in den Neubau von Kohlekraftwerken mit veralteter Technik, mahnte der IEA-Chef. Kohle ist der mit Abstand klimaschädlichste fossile Brennstoff.

          Am meisten Geld wird ohnehin nach wie vor in Erdöl und Erdgas gesteckt: Diese beiden fossilen Brennstoffe machten 2015 laut IEA global 46 Prozent aller Investitionen im Energiesektor aus - insgesamt rund 830 Milliarden Dollar. Und dies, obwohl die Ölindustrie wegen des Ölpreisverfalls schon seit langem mit voller Wucht auf die Kostenbremse tritt: 2015 sanken die globalen Investitionen in neue Öl- und Gasquellen um ein Viertel. Dieses Jahr erwarten die Ölexperten der IEA einen ähnlich starken Rückgang. 2017 seien weitere Kürzungen wahrscheinlich. „Das hat es in der Geschichte des Erdöls noch nie gegeben“, sagte Birol und warnte vor möglichen mittel- und langfristigen Angebotsengpässen durch mangelnde Investitionen.

          „So etwas haben wir seit den siebziger Jahren nicht mehr erlebt“

          Das Volumen neuer Ölfunde sei so niedrig wie seit sechs Jahrzehnten nicht mehr, bilanzieren die Energieexperten. Der IEA-Chef wies zugleich auf eine bedenklich wachsende Abhängigkeit von staatlichen Ölkonzernen, vor allem aus dem Nahen Osten, hin. Denn im Vergleich zu privaten Ölkonzernen in den Vereinigten Staaten, Kanada, der Nordsee und anderswo hätten die Staatskonzerne im Nahen Osten und Russland ihre Investitionen weniger stark gekürzt. „Der Anteil der Ölförderung im Nahen Osten wächst sehr stark“, sagte Birol. „So etwas haben wir seit den siebziger Jahren nicht mehr erlebt.“ Diese zunehmende Abhängigkeit bringe Risiken für die Versorgungssicherheit mit sich. „Eine stärkere Diversifizierung wäre wünschenswert“, sagte der IEA-Chef.

          BRENT

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Der Ölpreis ist unterdessen am Mittwoch nach deutlichen Vortagesverlusten weiter gefallen. Am Nachmittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zeitweise 46,55 Dollar. Das waren 1,2 Prozent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel unter 45 Dollar auf zeitweise 43,75 Dollar, immerhin ein Wochentief. Am Vortag hatten Berichte über die Senkung der Nachfrageprognose für Rohöl durch die IEA die Preise belastet. Die IEA geht davon aus, dass das Überangebot am Ölmarkt länger andauern werde als bisher angenommen. „Der Hauptgrund für das anhaltende Überangebot ist, dass die Organisation erdölexportierender Länder ihre Ölproduktion in den letzten Monaten deutlich ausgeweitet hat“, meinten die Rohstoffexperten der Commerzbank.

          Schon beinahe seit dem Frühjahr schwankt der Ölpreise zwischen 45 und knapp 50 Dollar. Ende des Monats wollen sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten in Algier zu Gesprächen über eine Deckelung der Ölförderung treffen - das treibt den Ölpreis immer mal wieder etwas hoch. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Berichte aus den Vereinigten Staaten über mehr Bohrlöcher und größere Lagervorräte, die den Preis sinken lassen.

          Das Tanken ist nach einer kurzen Verschnaufpause in der vergangenen Woche wieder etwas teurer geworden. Wie die regelmäßige Auswertung der Kraftstoffpreise durch den Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) zeigt, stieg der Preis für einen Liter Super E10 innerhalb einer Woche um 1,3 Cent und liegt nun im bundesweiten Mittel bei 1,298 Euro. Diesel verteuerte sich um 0,3 Cent und kostet jetzt im Schnitt 1,096 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaaktivisten von Fridays for Future auf einer Demonstration im September in Frankfurt

          Hanks Welt : Mehr Diktatur wagen

          Sollen wir unsere ordnungspolitischen Prinzipien über Bord werfen und den Klimawandel so autoritär bekämpfen wie die Pandemie?
          Eine gesetzlich eingeführten Raucherplakette in Hessen?

          Gegen das Rauchen : Drogenbeauftragte will Tabak teurer machen

          Daniela Ludwig betont, dass sich ihre Initiative nicht gegen Raucher richte, sondern gegen das Rauchen. Es sei richtig, auch E-Zigaretten zu besteuern, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.