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Öl-Markt : Amerika ist die Raffinerie-Supermacht

Raffineriekapazitäten in der Welt: Die Vereinigten Staaten deutlich auf Platz eins. Bild: F.A.Z.

Nicht nur die Opec Länder haben Einfluss auf den Ölpreis: Die Vereinigten Staaten verarbeiten am Tag doppelt so viel Öl wie sie fördern – dadurch könnte es auch hierzulande billiger werden

          Erdöl ist wohl für die moderne Welt der wichtigste Rohstoff. Er ist gleichzeitig Treibstoff und Schmiermittel. Nur wenige Firmen könnten ohne das schwarze Gold ihre Güter produzieren. Täglich verbrauchen wir 92 Millionen Barrel, das entspricht knapp 15 Milliarden Litern am Tag. Kostet das Erdöl zu viel, ist das eine große Belastung für die Weltwirtschaft. Im Moment ist es mit rund 97 Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent relativ günstig zu haben.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch niemand schüttet das pechschwarze, dickflüssige Öl pur in seinen Tank. Es kommt als Benzin oder als Diesel in das Auto oder als Heizöl in den Öltank. Flugzeuge wiederum fliegen mit Kerosin. Alle diese Energieträger bestehen zwar aus Erdöl, sind aber grundverschieden. Denn Erdöl muss, bevor es in der modernen Industriewelt effektiv genutzt werden kann, raffiniert werden.

          Bei diesem Prozess wird das schwarze Gold durch chemische Prozesse in seine Bestandteile zerlegt. Die Endprodukte können dabei sowohl gasförmig als auch flüssig und fest sein und haben unterschiedliche Siedeeigenschaften und sind somit auch unterschiedlich einsetzbar. 98 Prozent des Erdöls können in die verschiedenen Endstoffe umgewandelt werden, die überall auf der Welt benötigt werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht nur die Förderländer für die Weltwirtschaft bedeutend sind. Auch die Raffinerieländer haben eine große Wichtigkeit. Ansonsten könnte man zwar Fackeln in das schwere Erdöl tauchen, aber an moderne Verwendungszwecke in Motoren wäre nicht mehr zu denken.

          16,2 Barrel am Tag, 93% Auslastung: Amerikanische Öl-Raffinerien , wie hier in Philadelphia, laufen auf Hochbetrieb.

          Überraschenderweise ist die Verteilung der Raffineriekapazitäten zumindest zum Teil ganz anders als die der Erdölvorkommen. Die Top 5 Raffinerieländer für Erdöl der Organisation für Erdöl exportierende Staaten, kurz Opec, haben lediglich einen Marktanteil von 8,4 Prozent. Das geht aus einem Bericht von BP hervor. Selbst Deutschland hat mehr Raffineriekapazitäten als die meisten Opec-Länder. Lediglich Saudi-Arabien produziert mehr Endprodukte von Erdöl. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Erdöl nicht nur als Treibstoff benutzt wird, sondern auch als Grundstoff zum Beispiel für die chemische Industrie. Und diese ist in Deutschland wesentlich stärker vertreten als etwa in Saudi-Arabien. Positiver Nebeneffekt: Der Einkauf von unraffiniertem Öl ist auch billiger als der von Endprodukten.

          Die Supermacht bei Erdöl ist, zumindest wenn es nach den Raffineriekapazitäten geht, Amerika. Die Vereinigten Staaten haben allein einen Anteil am Weltmarkt von 21,5 Prozent. Und dank des Fracking-Booms in den Vereinigten Staaten ist dieser sogar gewachsen. Aktuell werden in Übersee 8,87 Millionen Barrel am Tag gefördert. Die Vereinigten Staaten möchten aber bereits dieses Jahr mehr als 9 Millionen Barrel Öl fördern. Das ist ein gigantischer Anstieg, noch im Jahr 2008 waren es 3,5 Millionen Barrel am Tag weniger.

          Raffnerie-Überkapazitäten drücken Preise

          Dadurch werden die Raffinerien auch deutlich besser ausgelastet als normalerweise. Aktuell liegt die Auslastung bei 93,4 Prozent und damit bei 16,2 Millionen Barrel am Tag. Damit wird knapp doppelt so viel Erdöl dort raffiniert als gefördert wird. Die Lagerbestände in den Vereinigten Staaten sind auf Tiefstständen, da die Raffinerien die günstigen Ölpreise auch genutzt haben, um viel von dem schwarzen Gold einzukaufen. Traditionell lassen aber im Herbst die Kapazitäten nach, da die Raffinerien dann auch gewartet und umgerüstet werden müssen.

          Für andere Länder wird diese Supermacht nun zum Problem. Denn immer mehr Ölprodukte – also Kerosin, Benzin, Diesel und andere Endprodukte – überschwemmen geradezu den Weltmarkt. Das drückt zum einen auf die Margen, und Raffinerien werden langsam unrentabler. Für die Vereinigten Staaten führt das aber zu einer Reihe positiver Effekte. Durch die steigende Öl- und Gasproduktion ist das amerikanische Handelsdefizit geschrumpft, zumindest was Energie angeht. Außerdem werden im nächsten Jahr nur rund 21 Prozent des Bedarfs an Treibstoff importiert werden müssen, verglichen mit 60 Prozent im Jahr 2005.

          China füllt Amerikas Lücke im Öl-Import

          Für die Verbraucher kann die steigende Produktion aber durchaus sehr positive Effekte haben: Die Chancen auf ein (vergleichsweise) günstiges Heizöl- und Benzinjahr stehen dann nämlich gut. Zuletzt haben gerade die niedrigen Energiepreise die Inflation schon auf Talfahrt geschickt.

          Umstritten ist, ob die neue Rolle der Vereinigten Staaten auch das geopolitsche Eingreifen des Weltpolizisten Amerika ändern wird. Ganz offen begründete der amerikanische Präsident Barack Obama die Intervention gegen den IS im Irak noch mit dem Schutz „der globalen Energiemärkte“. Noch engagieren sich die Vereinigten Staaten dort wie eh und je, aber es gibt seit geraumer Zeit Gespräche, das militärische Engagement dort zumindest zu reduzieren.

          Das möchte natürlich auch China nutzen. Schon heute ist das Land der zweitgrößte Ölverarbeiter. Und da China selbst ohne nennenswerte Ölvorkommen ist, muss das Land das schwarze Gold im großen Maßstab einführen. Der Aufstieg des asiatischen Riesen zum größten Ölimporteur wurde auch dadurch unterstrichen, dass das Land erstmals zwei chinesische Kriegsschiffe in Iran hat anlegen lassen. Nahe der südiranischen Hafenstadt Bandar Abbas werden Manöver gemeinsam mit Iran durchgeführt. Zwar streitet China ab, dass dies eine Zäsur in der Außenpolitik sei, ein deutlicher Fingerzeig ist es dennoch.

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