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Erdgas : Preiserholung könnte bevorstehen

  • Aktualisiert am

Die Gasflamme brennt derzeit nur schwach Bild: ddp

Der Erdgaspreis orientiert sich traditionell am Preis für Erdöl. Aber obwohl Öl seit Jahresbeginn teurer wurde, dümpelt der Gaspreis vor sich hin. Hohe Lagerbestände und Leerverkäufe halten die Notierungen tief. Doch das könnte sich ändern.

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          Der Erdgaspreis steht seit Monaten unter Druck. Der Gaspreis für Henry Hub hat sich an der New York Mercantile Exchange (NYME) bis Ende August mehr als halbiert, obwohl die Ölpreise seit Jahresanfang deutlich um gut 50 Prozent gestiegen sind.

          Das ist ungewöhnlich, denn bis Ende 2008 entwickelten sich die Notierungen weitgehend im Gleichklang. Wie die Analysten der Berenberg Bank ausführen, ließ sich das unter anderem mit den Substitutionsmöglichkeiten erklären. So können Kraftwerke oder Industrieunternehmen bis zu einem bestimmten Grad Öl durch Erdgas ersetzen. Die Berenberg Bank geht davon aus, dass die Bedeutung von Erdgas als Substitut für Erdöl in Zukunft aufgrund vergleichsweise größerer Reserven sogar noch deutlich zunehmen.

          Dieses Zusammenspiel hat dazu beigetragen, dass in der Vergangenheit Öl gegenüber Gas je nach Qualität im Verhältnis zum Brennwert rund den sechsfachen Preis aufwies. Das wiederum lag daran, dass rund 6 Millionen BTU(British Thermal Unit, eine Einheit der Energie) Erdgas benötigt werden, um die gleiche Menge Energie wie aus einem Fass (159 Liter) Rohöl zu erhalten.

          Kurzfristig ungünstige Angebots-Nachfrage-Entwicklung

          Doch aktuell ist diese Relation komplett zuungunsten von Erdgas aus dem Ruder gelaufen. Verantwortlich dafür sind neben umfangreichen Leerverkäufen, die die Kaufkontrakte um den Rekordwert von mehr als 170.000 Kontrakte übertreffen, ungewöhnlich hohe Lagerbestände. Diese liegen noch immer um 6,5 Prozent über dem für die Jahreszeitraum typischen Fünfjahresschnitt und zur Wochenmitte zeigten die vorgelegten amerikanischen Daten keine wesentliche Veränderung der Situation.

          Zudem wurde die geringste Nachfrage seit Januar verzeichnet. James Cordier, Portfoliomanager bei OptionSellers.com kam deshalb zu dem Schluss: „Die Fundamentaldaten sind überwältigend negativ.“ Und so gingen die Notierungen für Gas-Terminkontrakte an der NYME deutlich in die Knie.

          30 Prozent des amerikanischen Verbrauchs entfallen auf den industriellen Sektor. Gewichtet nach der Abnehmerstruktur für Gas lag die Industrieproduktion in der ersten Jahreshälfte aber um 17 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Entsprechend verbrauchte die Industrie in diesem Zeitraum gut 12 Prozent weniger Gas als im Vorjahr.

          Zudem traf die rückläufige Nachfrage auf ein steigendes Angebot, da in der ersten Jahreshälfte die Gasproduktion in Amerika knapp 3 Prozent höher ausfiel als im Vorjahr. Das waren die Konsequenz der Erschließung unkonventioneller Quellen und hoher Bohraktivitäten im vergangenen Jahr, die mit einer Wachstumsrate von 7,5 Prozent zehnmal stärker wuchsen als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre, so die Analysten der Commerzbank

          Zuletzt kam noch hinzu, dass die Hurrikan-Saison in diesem Jahr ungewöhnlich glimpflich verlief und zu keinen Produktionseinbußen führte.

          Analysten rechnen mit wieder steigenden Preisen

          Trotz dieser ungünstigen Ausgangslage halten die Commerzbank-Analysten die aktuell tiefen Gaspreise nicht für gerechtfertigt. Wegen der weltweit anziehenden konjunkturellen Frühindikatoren rechnen sie mit einer steigenden Nachfrage. Außerdem sehen sie bedeutende Substitutionseffekte bei gleichzeitig fallendem Angebot. Die Industrieländer sind im Begriff, Kohle und Erdöl aufgrund des geringeren Schadstoffausstoßes durch Erdgas zu ersetzen. Amerika plant darüber hinaus, die Abhängigkeit vom Öl in den nächsten Jahren abzubauen.

          Gleichzeitig sinkt das Angebot. Die Analysten der Berenberg Bank konstatieren, dass die Erdgasproduzenten inzwischen reagiert und die Produktionsaktivitäten gedrosselt hätten. Die Zahl der aktiven Bohrlöcher in den Vereinigten Staaten sei mit 675 auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren gefallen.

          Darüber hinaus gehen auch sie nicht langfristig von einer fallenden Gasnachfrage aus. Vielmehr habe sich der Jahresverbrauch seit Mitte der 80er Jahre weltweit auf rund drei Billionen Kubikmeter im Jahr 2008 annähernd verdoppelt. Und in den nächsten zwanzig Jahren könne der Erdgasverbrauch sogar auf knapp viereinhalb Billionen Kubikmeter wachsen.

          Beachtenswert ist auch die stark ausgeprägte Saisonalität der Preise. Seit 1990 notiert der amerikanische Gaspreis im Dezember rund 25 Prozent höher als im Juli. Wer auch aus diesen saisonalen Aspekten heraus mit steigenden Preisen zum Jahresende hin rechnet, für den stehen laut Commerzbank gleich mehrere Optionen offen.

          Als kaufenswert wird ein Produkt genannt, das auf die Terminkontrakte mit einer Fälligkeit ab November/Dezember 2009 setzt. Wie es weiter heißt, könnte die Strategie noch dadurch verfeinert werden, dass Anleger auf gleichzeitig fallende Ölpreise setzen - eine sogenannte Alpha-Strategie.

          Da die Commerzbank zudem die Ölpreisentwicklung eher negativ sieht, lässt sich so von einer zu erwartenden Schließung der Preisdifferenz zwischen Öl- und Gaspreisen profitieren. Wem als Privatanleger diese Vorschläge der Commerzbank aber zu komplex sind, kann einfach auf Aktien aus dem Gassektor setzen wie die Produzenten Gazprom, EOG Resources, Chesapeake Resources und Southwestern Energy oder den Gasröhrenanbieter Kinder Morgan.

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