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Erdgas : Auf der Schattenseite der Rohstoff-Rally

Bild: FAZ.NET

Während andere Rohstoffe haussieren, hat sich der Erdgaspreis in diesem Jahr halbiert. Das niedrige Niveau lockt auch langfristig orientierte Anleger an, die die Tiefpreise zu einem Einstieg in den Erdgasmarkt nutzen wollen.

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          In diesem Jahr nimmt Erdgas eine Sonderstellung auf den Rohstoffmärkten ein. Während die Industriemetalle von einem Rekord zum nächsten jagen, viele Agrarrohstoffe haussieren und die Stärke an den Aktienmärkten noch nicht einmal die Edelmetalle in die Knie zwingen kann, sind die Preise für amerikanisches Gas seit Jahresanfang um 50 Prozent gefallen. Mit 19,3 Prozent Marktanteil ist Amerika der zweitgrößte Gasproduzent nach Russland, das mit einem Marktanteil von 19,6 Prozent knapp in Führung liegt.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Schwäche des Gaspreises ist besonders bemerkenswert, da der Preis für Rohöl, den anderen wichtigen Energieträger, im gleichen Zeitraum um mehr als 50 Prozent gestiegen ist. Doch während ein Barrel Rohöl wieder etwa 71 Dollar je Barrel kostet, dümpelt der Erdgaspreis auf einem Siebenjahrestief um die Marke von 3 Dollar je mmBTU, das für British thermal unit steht. Eine Einheit mmBTU entspricht 26,4 Standardkubikmetern Gas. Das niedrige Preisniveau hat zum einen fundamentale Gründe: Die Erdgaslager in den Vereinigten Staaten platzen aus allen Nähten, doch dem überbordenden Angebot steht nur eine geringe Nachfrage gegenüber.

          Das niedrige Niveau lockt langfristig orientierte Anleger

          Als das amerikanische Energieministerium am Freitag auch noch bekanntgab, dass die Gasproduktion in den Vereinigten Staaten im ersten Halbjahr trotz der Nachfrageschwäche um knapp 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist, gerieten die Preise noch weiter unter Druck. Viele Spekulanten haben sich auf weiter fallende Preise eingeschossen: In nur einer Woche ist die Anzahl der Netto-Short-Positionen von 150.000 auf 175.000 gestiegen. „Wir nähern uns langsam wieder dem Rekord an Verkaufspositionen vom vergangenen September“, sagt Frank Schallenberger, Rohstoffanalyst der LBBW.

          Seit Jahresanfang sind die Preise für amerikanisches Gas um 50 Prozent gefallen

          Andererseits lockt das niedrige Niveau auch langfristig orientierte Anleger an, die die Tiefpreise zu einem Einstieg in den Erdgasmarkt nutzen wollen. Von einer Konjunkturerholung müsse doch auch der Erdgaspreis profitieren, lautet die Überlegung. Und auch die Analysten der Société Générale folgen dieser Logik und raten zu einem Einstieg in den Erdgasmarkt. Strategin Rebecca Cheong schlägt unter anderem den Kauf von Anteilen des US Natural Gas Funds vor, einen börsennotierten Indexfonds (ETF), der mehr als 15 Prozent aller ausstehenden Erdgas-Kontrakte an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex kontrolliert.

          Für Anleger völlig irrational

          Doch nach Ansicht von Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank, führt diese Empfehlung in die Irre. „Der Fonds wird im Moment mit einem Aufschlag von 15 Prozent zu seinem inneren Wert gehandelt und ist damit viel zu teuer“, sagt der Analyst. Der Aufschlag sei dadurch entstanden, dass der Fonds im Hinblick auf die anstehenden regulatorischen Änderungen durch die amerikanische Terminmarktaufsicht CFTC keine weiteren Anteile mehr emittiere, sondern nur noch die bereits vorhandenen Anteile gehandelt würden. Da der Fonds jedoch ausschließlich in Gas-Futures investiere, sei es für Anleger völlig irrational, die überteuerten Fonds-Anteile zu erwerben, wenn sie das gleiche Produkt auch ohne Aufpreis kaufen könnten.

          In der Unsicherheit darüber, welche neuen Regulierungen die CFTC im Herbst mit Hinblick auf den Gasmarkt beschließen wird, liegt auch ein wichtiger Grund für die negative Positionierung vieler Investoren. Denn es gilt als nicht unwahrscheinlich, dass die CFTC den US Natural Gas Fund zu Zwangsverkäufen zwingen wird - was die Preise weiter unter Druck setzen würde.

          Vorsicht bei dem Einstieg in den Gasmarkt

          Ein anderer Grund, warum viele Spekulanten auf fallende Preise setzen, ist die Differenz zwischen dem aktuellen Erdgaspreis und dem Terminpreis, dem sogenannten Contango. Während Erdgas mit Liefertermin im Oktober aktuell bei 3,20 je mmBTU notiert, ist der Januar-Kontrakt mehr als 2 Dollar teurer. „Die meisten Marktteilnehmer glauben nicht, dass die Preise so stark steigen werden und verkaufen deswegen“, sagt Schallenberger.

          Er selbst wäre bei einem direkten Einstieg in den Erdgasmarkt im Moment vorsichtig. Interessierten Anlegern rät er, sich Aktien von Erdgasförderern zuzulegen. Dadurch könnten Anleger von einem Aufschwung am Erdgasmarkt profitieren, ohne die möglichen Rollverluste in Kauf nehmen zu müssen.

          Der Gaspreis der Verbraucher ist an den Ölpreis gekoppelt

          Deutsche Verbraucher haben nicht viel davon, dass sich Erdgas auf dem internationalen Rohstoffmarkt so stark verbilligt hat. Denn der Preis, den private Haushalte für ihre Gasrechnung zahlen, ist in Deutschland meist an die Preisentwicklung von Heizöl gekoppelt. So sind zumindest die Verträge der meisten Versorger.

          Auch Heizöl ist in den vergangenen 20 Monaten spürbar billiger geworden, allerdings ist der Preis nicht so stark gefallen wie der internationale Erdgaspreis. Zudem haben die Gasversorger den Preisverfall von Heizöl nicht vollständig an ihre Kunden weitergegeben. Obwohl der Heizölpreis seit Anfang des Jahres 2008 um 15 Prozent gesunken ist, gingen die Preise für Erdgas in Deutschland um 12 Prozent zurück. Zwar haben in 2009 nach Angaben des Verbraucher-Portals Verivox die 760 Gasversorger in Deutschland schon mehr als 1400 Mal die Preise gesenkt, doch „auf Grund der Entwicklung des Ölpreises sind wir der Meinung, dass die Versorger die Preise noch stärker hätten senken können“, sagt eine Sprecherin von Verivox.

          In Deutschland heizen 20 Millionen Kunden (aus Industrie, Gewerbe, Handel sowie Haushalte) mit Erdgas. Dabei sorgt die Koppelung des Gaspreises an den Rohölpreis oft nicht nur bei Verbrauchern für Kritik. Auch Politiker fordern bisweilen, diese Koppelung aufzugeben - besonders wenn die Ölpreise hoch sind. Geändert hat sich jedoch nichts, zumal die Verbindung bereits seit den sechziger Jahren in Deutschland besteht. Andere Länder, wie zum Beispiel Großbritannien, die lange Zeit über üppige Gasvorkommen verfügten, kennen eine solche Bindung nicht.

          In Deutschland ist geregelt, dass die Erdgasproduzenten ihre Preise mit einem Abstand von sechs Monaten an den Ölpreis anpassen. Die Befürworter der Koppelung argumentieren, dass die Preisbindung die Versorgungssicherheit gewährleiste: Gasproduzenten könnten auf ihre Einnahmen vertrauen und langfristig die Rohstofferschließung sichern. tim.

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