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Energie : Verwerfungen am Markt für Rohöl

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Bild: F.A.Z.

Normalerweise ist Rohöl der Sorte WTI teurer als Brent. In den vergangenen Wochen war es genau umgekehrt, die Preisdifferenz zwischen erreichte sogar ein Rekordhoch. Schuld ist wohl der Ausfall einer Raffinerie.

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          Der Markt für Rohöl steht im Zeichen abnormer Verwerfungen. Sie drücken sich darin aus, dass sich die Preisdifferenz (Spread) zwischen der in New York gehandelten Sorte West Texas Intermediate (WTI) und dem in London notierten Nordsee-Öl der Sorte Brent am Mittwoch vergangener Woche mit 5,83 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) auf einen Rekord ausgeweitet hatte. WTI weist einen Abschlag in dieser Höhe gegenüber Brent auf.

          Vergleichsgrundlage sind die jeweils nächstgelegenen Terminkontrakte. In der Vergangenheit zeichnete sich WTI meist durch einen Preisaufschlag von 1,50 bis 2 Dollar gegenüber Brent-Öl aus. Beide Ölsorten haben eine sehr ähnliche chemische Struktur, sind also fast austauschbar, auch wenn die Qualität des Brent etwas geringer ist als die des WTI. Dies erklärt den traditionellen Preisaufschlag des amerikanischen Öls. Händler erwarten, dass sich der Spread mit fortschreitender Zeit wieder normalisiert. Dies bestätigt sich schon, denn am Dienstag betrug er nur weniger als 3,50 Euro. Die Gesamttendenz an den Ölmärkten weist seit Mitte Januar nach oben. Seinerzeit kostete WTI rund 52 Dollar und Brent etwa 53 Dollar. Am Dienstag notierte Brent bei 67,32 Dollar, während WTI bei 64 Dollar lag.

          Randvolle Lagerstätten in Cushing

          Hauptgrund für die abnorme Entwicklung der Preisdifferenz sind die randvollen Lagerstätten für WTI in der Umgebung von Cushing im amerikanischen Bundesstaat Oklahoma. Cushing ist der Ort, an dem physisches WTI, wie es an der New York Mercantile Exchange (Nymex) in New York gehandelt wird, formal gegen den Nymex-Kontrakt anzudienen ist. Tatsächlich aber kann physisches WTI wegen des verzweigten Systems von Ölleitungen auch an anderen Plätzen angeliefert werden. Die Hauptursache für die vollen WTI-Lager in der Gegend von Cushing ist ein Feuer, das am 16. Februar in der McKee-Raffinerie in Sunray (Texas) ausbrach und den Betrieb dort zum Erliegen brachte.

          In normalen Zeiten verarbeitet sie rund 160.000 Barrel am Tag. Die WTI-Mengen, die McKee nicht abnehmen konnte, wurden in Lagerstätten in Cushing umgeleitet, deren Kapazitäten aber begrenzt sind. Um die Situation nicht außer Kontrolle geraten zu lassen, wurde das überschüssige Öl fast um jeden Preis angeboten. Raymond James berichtet, im physischen Handel in Cushing sei für WTI jüngst ein Abschlag von bis zu 8 Dollar gegenüber dem zeitgleich in London ermittelten Preis für Brent verzeichnet worden.

          Brent-Notierungen zeigen die Lage am Weltmarkt

          In diesen Tagen soll die McKee-Raffinerie nach und nach wieder mit der Hälfte ihrer Kapazität zu arbeiten beginnen. Erst am Jahresende dürfte der Betrieb wieder mit voller Kraft laufen. Der Bedarf an WTI nimmt, wie das Schrumpfen der Preisdifferenz vermuten lässt, offenbar schon zu. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis WTI wieder mit Brent gleichzieht oder einen Preisaufschlag zeigt. Unbestritten ist jedenfalls, dass der herrschende Preis für WTI eine situationsbedingte Anomalie darstellt, während die Notierungen für Brent die Lage am Weltmarkt gegenwärtig repräsentativ spiegeln, zumal sich die Preisdifferenzen hier zu den anderen gängigen Sorten in letzter Zeit kaum verändert haben.

          Die allgemeine Vorratslage bei Rohöl dies- und jenseits des Atlantiks ist sehr unterschiedlich: In Amerika sind die Bestände nach Angaben der staatlichen Energy Information Administration (EIA) und der Internationalen Energie-Agentur (IEA) reichlich. Dazu hat die zwei Monate währende Schließung der McKee-Raffinerie kräftig beigetragen. In Europa hingegen haben die Vorräte im Februar und März abgenommen.

          In Amerika beginnt die Reisezeit

          Die IEA, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untergeordnet ist, hat in ihrem jüngsten Monatsbericht den 2007 in den OECD-Ländern zu erwartenden Bedarf an Rohöl gegenüber der vorausgegangenen Prognose niedriger angesetzt. Er soll bei 49,5 Millionen Barrel am Tag liegen, verglichen mit 49,2 Millionen Barrel im Jahr 2006. Begründet wird dies mit der ungewöhnlich warmen Witterung im ersten Quartal. In den Ländern, die nicht der OECD angehören, dürfte sich der Bedarf hingegen um 3,4 Prozent auf 36,3 Millionen Barrel erhöhen, sagt die IEA voraus.

          Die Aufmerksamkeit am Ölmarkt richtet sich nach dem Ende des Winters auf Benzin. Denn im Mai beginnt in Amerika die Reisezeit, und damit steigt der Bedarf an Kraftstoffen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob das seit Mitte Januar erheblich teurer gewordene, aber noch deutlich unter den 2006 verzeichneten Rekordpreisen liegende Benzin im Zusammenhang mit der konjunkturellen Abschwächung die Nachfrage dämpft. Anfang Juni beginnt die Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko. Sie dauert bis zum 30. Juni und könnte in diesem Jahr nach Aussagen von Meteorologen wieder sehr aktiv verlaufen.

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