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Energie- und Rohstoffe : Ist der Preisauftrieb realwirtschaftlich begründet?

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Bild: Diapason Commodities

Nach dem krisenhaften Ausverkauf im vergangenen Jahr sind die Preise vieler Energie- und Rohstoffkontrakte in den vergangenen Monaten wieder deutlich nach oben gelaufen. Allerdings gibt es gewisse Zweifel an der realen Nachfrage.

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          Nach dem „krisenhaften“ Ausverkauf im vergangenen Jahr sind die Preise für viele Energie- und Rohstoffkontrakte an den Terminbörsen in den vergangenen Monaten wieder deutlich nach oben gelaufen.

          Benzin ist in New York seit Jahresbeginn in Dollar 93 Prozent teurer geworden, Blei 85 Prozent, Kupfer 75,5 Prozent, Nickel 63 Prozent, Rohöl der Sorte WTI knapp 61 Prozent, Sojabohnen 60 Prozent und Zinn, Zucker, Platin, Zink sowie Palladium zwischen 30 und 50 Prozent. Die Preistrends zeigen vielfach weiter nach oben.

          Welthandel hat deutlich an Volumen verloren

          Das gilt vor allem auch für den Ölpreis, obwohl die Internationale Energie Agentur die Nachfrageprognose für die kommenden Jahre wegen der Wirtschaftskrise deutlich nach unten genommen hat. Das heißt, von der realwirtschaftlichen Seite her kann der Auftrieb kaum kommen. Denn die Entwicklung der Weltwirtschaft mag sich zwar langsam stabilisieren, allerdings auf deutlich tieferem Niveau als vor einem oder vor zwei Jahren.

          Die Nachfrage nach Exportgütern ist in vielen exportorientierten Staaten förmlich zusammengebrochen, während die Importe in den konsumierenden Staaten deutlich zurückgingen. Da sich die Verbraucher in den vergangenen Jahren in vielen Ländern völlig überschuldet haben, dürften sie in den kommenden Jahren den Gürtel enger schnallen müssen. Ähnlich wie viele Unternehmen müssen sie erst einmal ihre privaten Bilanzen sanieren, bevor sie wieder mehr konsumieren können. Das zeigt sich alleine schon daran, dass die Sparquote in den Vereinigten Staaten innerhalb kürzester Zeit von Null auf zuletzt 6,9 Prozent des verfügbaren Einkommens stieg.

          In anderen angelsächsischen Staaten, in Island, in Irland, in Spanien und in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas sieht es ähnlich aus. Auch dort dürften die Konsumenten die Nachfrage nach Importgütern aus den Produktionsstaaten in Asien einschränken. Kein Wunder sind die Exporte in Ländern wie China, Südkorea, Taiwan und anderen in den vergangenen Monaten förmlich eingebrochen.

          So richteten sich die Hoffungen und Erwartungen vieler Anleger in den vergangenen Wochen primär auf China. Tatsächlich importierte das Land in den vergangenen Monaten rekordverdächtige Mengen an Eisen- und Kupfererzen oder auch Öl. Optimisten leiten daraus ab, dass massive staatliche Eingriffe im Gegenwert von mehr als 800 Milliarden Dollar und eine extrem lockere Geldpolitik zur Stützung oder Ankurbelung der chinesischen Binnenkonjunktur wirkten.

          Skeptischer Blick auch Chinas Wachstumszahlen

          Die offiziellen Wachstumszahl sehen optisch tatsächlich positiv aus. Harte Fakten lassen dagegen Zweifel aufkommen. So hielt die chinesische Stahlproduktion nicht mit den Eisenerzimporten mit, bei Kupfer lassen sich große Lagerbestände ausmachen, während eine unterdurchschnittliche Nachfrage nach Elektrizität Skepsis an den offiziellen Wachstumsdaten aufkommen lassen kann: Besteht normalerweise eine enge Korrelation zwischen der chinesischen Industrieproduktion und der Elektrizitätsnachfrage, so war diese zuletzt nicht mehr gegeben. China löst diesen Punkt jedoch auf pragmatische Weise: Künftig sollen die Daten zur Nachfrage nach Strom nicht mehr veröffentlicht werden.

          Es besteht die Vermutung, China diversifiziere seine hohen Devisenreserven in den Rohstoffbereich. Sei es, indem das Land eigene Firmen ermuntert, sich an ausländischen Rohstoffunternehmen zu beteiligen oder sie zu übernehmen. Oder sei es, indem es wegen möglicher Sorgen über die Folgen der amerikanischen Geld- und Fiskalpolitik direkt Rohstoffe auf Lager legt.

          Auch das Rohstoffinteresse der Privatanleger hat in den vergangenen Wochen wieder deutlich zugenommen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die von börsengehandelten Rohstofffonds (am Beispiel von ETF-Securities) verwalteten Mittel in den vergangenen Wochen massiv zugenommen haben, primär getrieben von den Investments im Energiesektor.

          Sollten optimistische Wachstumserwartungen enttäuscht werden, dürfte eine massive Preiskorrektur im Energie- und Rohstoffbereich kaum überraschen. Auf der anderen Seite können Wachstumseuphorien und Sorgen über die expansiven Geldpolitiken der Zentralbanken Preistrends weiter ausdehnen, als vielfach erwartet wird. Das gilt vor allem dann, wenn immer mehr der im Überfluss vorhandenen Ersparnisse weltweit in die relativ engen und kleinen Rohstoffmärkte kanalisiert werden. Das heißt für Anleger: Der Trend ist dein Freund. Aber nur in Verbindung mit Absicherungsstrategien. Denn den letzten beißen die Hunde.

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