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Energie und Rohstoffe : Der Ölpreis explodiert

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Öl der Sorte Brent ist so teuer wie seit September 2008 nicht mehr. Der Liter Superbenzin kostete am Donnerstag in vielen Regionen Deutschlands bereits 1,53 Euro, Diesel kam auf 1,43 Euro. Starke spekulative Engagements sorgen für die starke Preisdynamik.

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          Öl wird immer teurer. Der Preis eines Barrels Öl der Sorte Brent ist in den vergangenen 14 Tagen um 15 Prozent gestiegen und erreichte am Donnerstag mit knapp 120 Dollar den höchsten Stand seit September des Jahres 2008. Damals hatte er in einer spekulativen Manie kurz zuvor Spitzenwerden von bis zu 145,6 Dollar erreicht.

          Auch diesmal sorgen starke spekulative Engagements für die starke Preisdynamik nach oben. Sie zeigen sich daran, dass an der ICE-Intercontinental Exchange täglich noch nie so viele Kontrakte gehandelt wurden wie in den vergangenen Tagen. Sie erreichten alleine im Aprilkontrakt Spitzenwerte von bis zu 1,065 Millionen Einzelkontrakte mit einem Volumen von jeweils 1.000 Fass und einem Wert von bis zu 127 Milliarden Dollar.

          Der Ölmarkt ist spekulativ erhitzt

          Das heißt, gegenwärtig wird alleine an diesem Markt und in diesem einzelnen Kontrakt täglich eine Menge an Öl gehandelt, die 3,2 Prozent der gesamten Nachfrage des vergangenen Jahres entspricht. Bezieht man andere Märkte in die Überlegung mit ein, so hat sich dieser Markt mit großer Wahrscheinlichkeit einmal mehr von der Realität abgekoppelt, wie das längst auch von anderen Rohstoffmärkten bekannt ist.

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          Waren es zunächst die extrem lockeren geld- und fiskalpolitischen Strategien in vielen Staaten der Welt, die zusammen mit immer intensiver werdendem Wachstumsoptimismus zu zunehmenden spekulativen Käufen und zur Etablierung eines Aufwärtstrends geführt hatten, so wird er nun durch die geopolitischen Argumente, die von den Unruhen in Nordafrika und im arabischen Raum ausgehen, noch verstärkt.

          Gingen die Sorgen zunächst von Ägypten aus, so richten sie sich inzwischen primär auf Libyen. Denn nachdem die libysche Ölproduktion zu großen Teilen gestoppt worden ist, hat die Preisdynamik von Öl und Benzin rasant zugenommen. In Deutschland kostete Superbenzin in vielen Regionen am Donnerstag bereits 1,53 Euro, Diesel kam auf 1,43 Euro pro Liter, jeweils drei Cent mehr als am Vortag. Der letzte verfügbare Durchschnittspreis der Mineralölindustrie vom Mittwochabend lag bei 1,51 Euro für Super und 1,41 für Diesel.

          Viele internationale Ölkonzerne haben ihr Personal aus Libyen abgezogen und die Förderung eingestellt. Die Energiekonzerne Eni und Repsol hatten am Dienstag ihre Quellen geschlossen, die deutsche BASF-Tochter Wintershall kurz danach, auch die französische Total dreht den Hahn zu. Die italienische Eni ist mit 244.000 Barrel für ein Viertel der libyschen Ölexporte zuständig, Wintershall kommt auf 100.000 Barrel pro Tag, Total auf 55.000.

          Produktionsausfall Libyens lässt sich kompensieren

          Libyen ist zwar einer der größten Erdölproduzenten der Welt und hat mit 5,7 Milliarden Tonnen die größten Reserven in Afrika. Allerdings produzierte das Land zuletzt gerade einmal zwei Prozent der Weltproduktion und verfügte über 3,3 Prozent der Weltreserven. Libysches Öl gilt als sehr hochwertig, viel davon wird nach Europa exportiert. Libyen ist der fünftwichtigste Lieferant von Rohöl für Deutschland. Im Jahr 2010 flossen 6,6 Millionen Tonnen von dort in die Bundesrepublik. Der Ausfall der Lieferungen jedoch dürfte nur zeitlich begrenzt bleiben, da das Land auf die Einnahmen angewiesen ist. Wer auch immer künftig regieren wird, ist mit Sicherheit an der baldigen Wiederaufnahme der Förderung interessiert.

          Der Ausfall der Lieferungen lässt sich kurzfristig durch Lagerbestände auffangen. Mittelfristig sind Saudi Arabien und andere OPEC-Staaten in der Lage, entsprechende Mengen mehr zu produzieren. Sie haben ihre Bereitschaft dazu längst signalisiert. Marktteilnehmer jedoch lassen sich davon kurzfristig in ihrem spekulativen Drall nicht beeinflussen. Händler begründen den drastischen Anstieg denn auch unter anderem mit der Sorge, die Proteste könnten auf weitere wichtige Öl-Lieferanten im Nahen Osten übergreifen.

          Sollte Öl jedoch noch teurer werden und längere Zeit auf hohem Preisniveau verbleiben, drohte der Weltwirtschaft Schaden. Eine Analyse des Crédit Agricole zum Beispiel zeigt, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu schweren Rezessionen gekommen war, sobald das Verhältnis von Ausgaben für Öl zum Weltsozialprodukt eine Marke von vier Prozent deutlich überschritten hat. Ein Preis von mehr als 100 Dollar bringt das Verhältnis im laufenden Jahr auf mehr als fünf Prozent. Letztlich kann ein zu hoher Ölpreis zu einem deflationären Schock führen.

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