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Energie & Rohstoffe : Amerikas Benzinverbrauch sinkt

  • -Aktualisiert am

Hohe Benzinpreise beschneiden die Kaufkraft Bild: REUTERS

In Amerika nahm in den vergangenen Jahrzehnten der Spritverbrauch zu. Nun scheint sich das zu ändern: Die Preise an den Zapfsäulen steigen unaufhörlich, die Bevölkerung altert, das Verkehrsaufkommen auf Amerikas Straßen nimmt ab - und damit auch der Benzinverbrauch.

          Seit nunmehr 20 Jahren werden im Palm Beach County (Florida) an strategischen Punkten des 4.000 Meilen umfassenden Straßennetzes des Verwaltungsbezirks Verkehrszählungen durchgeführt. Und so sicher wie der Wechsel der Gezeiten des nahe gelegenen Atlantiks nahm das Verkehrsaufkommen fast jedes Jahr um mindestens zwei Prozent zu.

          Im vergangenen Jahr wurde jedoch eine geringere Zahl von Fahrzeugen auf den Straßen gezählt, und im Jahresverlauf bis März wurde gar ein Rückgang von 7,5 Prozent gemessen. „Wir erleben einen äußerst bedeutsamen Wandel“, sagt Ingenieur George Webb.

          Kommt der erste Rückgang des Jahresverbrauchs seit 1991?

          Dieses Phänomen ist jedoch nicht auf Palm Beach beschränkt. Das Verkehrsvolumen tendiert landesweit nach unten. Vorläufige Zahlen der amerikanischen Autobahnverwaltung zeigen für 2007 einen Rückgang von 1,4 Prozent. Nachdem die Benzinpreise des Landes vor kurzem den Rekord von inflationsbereinigt 3,40 Dollar je Gallone (3,79 Liter) aus dem Jahr 1981 gebrochen haben, prognostiziert die amerikanische Energieinformationsbehörde (EIA) für das laufende Jahr einen Rückgang des Benzinverbrauchs von 0,3 Prozent. Dies wäre der erste Rückgang des Jahresverbrauchs seit 1991. Andere Beobachter gehen davon aus, dass der Verbrauch sogar noch stärker sinkt als es die Zahlen der amtlichen Statistik zeigen. „Unsere Marktforscher beobachten einen deutlich stärkeren Nachfragerückgang als die EIA“, sagt Tom Kloza, leitender Ölanalyst des Informationsdienstleisters Oil Price Information Service.

          Öl wird immer teurer

          Findet im spritdurstigen Amerika etwa ein Umdenken statt? Einige sind dieser Ansicht, wenngleich zu berücksichtigen ist, dass die Vereinigten Staaten noch immer ein Drittel der weltweiten jährlichen Benzinproduktion verbrauchen. „Es scheint, als hätten wir inzwischen eine Schmerzgrenze erreicht, die Amerikaner zum Nachdenken bewegt, wie und wo sie ihre Fahrzeuge einsetzen“, meint Paul Weissgarber, Leiter der Energieabteilung bei der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney.

          Ein Blick auf die jüngsten Automobilabsätze genügt. Im ersten Quartal 2008 sanken die Absatzzahlen aller Fahrzeuge um acht Prozent, während die Absätze spritdurstiger Geländewagen (SUVs) und Pick-ups um 27 resepektive 14 Prozent einbrachen. Hohe Benzinpreise zwingen selbst SUV-Liebhaber zum Umdenken. Ron Gesquere, leitender Angestellter eines Autoteileunternehmens, war es leid, fünf Mal im Monat 100 Dollar für die Tankfüllung seines Chevrolet Suburban hinzublättern; vor kurzem ersteigerte er auf eBay für 10.000 Dollar einen gebrauchten Mini Cooper S. „Den Mini kann ich mit dem Geld bezahlen, das ich beim Tanken einspare“, sagt Gesquere, der in einem Detroiter Vorort wohnt.

          Jahrelang wunderten sich Branchenanalysten, dass der Benzinverbrauch trotz stetig steigender Preise zunahm. Nun scheint jedoch eine Art psychologische Schwelle überschritten worden zu sein. Die Kraftstoffpreise steigen schneller als die Einkommen, der Irakkrieg schürt Befürchtungen über die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von ausländischem Öl und die Verbraucher werden zusehends klimabewusster.

          Hinzu kommt, dass die Inanspruchnahme öffentlicher Verkehrsmittel im Jahr 2007 nach Angaben des amerikanischen Verbands für öffentliches Verkehrswesen auf ein 50-Jahres-Hoch stieg, was zum Teil auch damit zusammenhängt, dass mehr und mehr Unternehmen zumindest einen Teil der Fahrscheinkosten ihrer Mitarbeiter übernehmen. Auch der Absatz sparsamerer Fahrzeuge zieht an, eine Entwicklung, die den großen drei Automobilkonzernen mit Sitz in Detroit nicht verborgen blieb, deren Gewinne zu einem beträchtlichen Teil aus dem Verkauf von SUVs und Pick-ups stammen. „Kraftstoffökonomie als Verkaufsanreiz hat definitiv eine Zukunft“, sagt James Farley, stellvertretender Vorsitzender für Marketing und Kommunikation bei Ford. „Unsere Zukunftspläne bauen auf der Vorstellung auf, dass die Benzinpreise ausgehend vom gegenwärtigen Niveau seitwärts und aufwärts, aber nicht abwärts tendieren werden.

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