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Energie : Ölpreis: Nächster Halt bei 45 Dollar?

  • -Aktualisiert am

Für S&P-Charttechniker Mark Arbeter ist der Ölmarkt inzwischen in der Baisse Bild: REUTERS

Fällt der Ölpreis weiter? Ja, meint nicht nur Standard & Poor's. Andere Analysten argumentieren, dass Chinas Nachfrage und das wachsame Auge der Opec einen starken Preisrückgang verhindern werden.

          Die Weihnachtssaison kam und ging, vom Winter weiterhin keine Spur, gefütterte Jacken sind Ladenhüter, die Streusalzvorräte türmen sich und die Schneepflüge warten auf Arbeit.

          Der in der nördlichen Hemisphäre vielerorts erfolgte Temperaturanstieg resultierte in einer drastischen Abkühlung der Ölpreise. Am 4. Januar verzeichneten die Preise für Rohöl den stärksten Einbruch seit zwei Jahren, als der Februar-Kontrakt der für die Vereinigten Staaten wichtigsten Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) an der Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange auf 55,59 Dollar pro Barrel absackte. Während sich die Preise am Folgetag wieder etwas erholten, schloss die Handelswoche bei 56,31 Dollar mit einem Minus von fast zehn Prozent.

          Talfahrt Richtung 45 Dollar

          Steht ein weiterer Preisverfall bevor? Während Einigkeit darüber herrscht, dass die frühlingshaften Temperaturen zur Winterzeit für einen Nachfragerückgang und damit für hohe Lagerbestände und niedrige Preise sorgen, ist man sich uneins, in welche Richtung die Ölpreise nun tendieren. Das Standard & Poor's Investment Policy Committee geht in seinem Bericht vom 4. Januar davon aus, dass der Ölpreisverfall möglicherweise erst am Anfang steht.

          Der Bericht prognostiziert, dass ein Preisrückgang auf unter 55 Dollar pro Barrel den Auftakt zu einer Talfahrt in Richtung 45 Dollar bilden wird, wobei die Preise anschließend drei bis sechs Monate auf diesem Niveau verharren könnten. Andere Analysten argumentieren indes, dass das ungewöhnliche Wetter zwar auf die Öl-Futures drückt, die Nachfrage von Seiten der sich schnell entwickelnden Länder wie China - und das wachsame Auge der Opec - aber verhindern werden, dass die Preise ins Bodenlose fallen.

          „Rohöl sollte nun als Baissemarkt betrachtet werden“

          Mark Arbeter, technischer Chefstratege bei S&P und Autor des Berichts, leitete das 45-Dollar-Ziel aus Charts ab und geht davon aus, dass der Markt mit der aktuellen Entwicklung das Preishoch des vergangenen Sommers korrigiert. „Wir sind 28 Prozent vom Julihoch [bei 78 Dollar pro Barrel] entfernt, und die nächste Abwärtswelle wird wahrscheinlich ähnlich verlaufen“, so Arbeter. „Rohöl sollte nun als Baissemarkt betrachtet werden“.

          Arbeter zufolge könnte die Schwäche bei Energieaktien positive Auswirkungen auf den gesamten Aktienmarkt haben, da sie zur Senkung von Gaspreisen und anderen Kosten für Verbraucher und Unternehmen führt.

          Andere Marktbeobachter nennen zwar keine speziellen Preisniveaus, stimmen aber darin überein, dass der Preisverfall anhalten wird. „Ich glaube nicht daran, dass es nach Durchbrechen einer magischen Grenze automatisch zu einem bestimmten Rückgang kommt, 45 Dollar sind allerdings durchaus möglich“, sagt Craig Pirrong, Professor für Finanzen und Energiemärkte am Bauer College of Business der University of Houston. „Viele Rohstoffe, darunter Kupfer, geben deutlich nach und signalisieren das Ende des Booms. Angesichts einer sich weltweit abschwächenden Wirtschaft ist ein Ölpreis von 45 Dollar nicht unrealistisch.“

          Hohe Nachfrage, niedrige Lagerbestände

          Doch selbst wenn der Preis auf 45 Dollar pro Barrel sinkt, wird er vermutlich nicht lange auf diesem Niveau verharren, sind einige Analysten überzeugt. Für Jeff Rubin, Chefvolkswirt beim amerikanischen Wertpapierhaus CIBC World Markets, hat das warme Wetter zwar „enorme Auswirkungen“ auf die diesjährigen Ölpreise (die Heizölnachfrage lag im vergangenen Dezember um 20 bis 30 Prozent unter den üblichen Werten), die Auswirkungen auf das zum Heizen von Wohnungen gebräuchlichere Erdgas sind jedoch noch stärker.

          Darüber hinaus werden die Ölpreise durch die Nachfrage Chinas und anderer Entwicklungsländer sowie durch das Preisstabilitäts-Versprechen der Opec von einem übermäßigen Rückgang abhalten. Nur eine „starke Verlangsamung des Wirtschaftswachstums“ und anhaltend hohe Temperaturen in der Wintersaison würden die Preise in die Nähe von 40 Dollar pro Barrel drücken.

          Rubin zufolge werden hohe Bestände wahrscheinlich keinen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben. „Analysten, die von einer Entwicklung in Richtung 40 Dollar sprechen, gehen davon aus, dass weltweit riesige Überbestände an Öl vorhanden sind“, so Rubin. „Dies ist aber global gesehen nicht der Fall“, sagt er und deutet auf die geringeren Fördermengen in Venezuela und eine mögliche Drosselung in Russland hin. „Auf absehbare Zeit wird es kein Überangebot geben“, konstatiert Rubin und fügt hinzu, dass die CIBC-Prognosen von durchschnittlich 62 Dollar pro Barrel im ersten Quartal ausgehen.

          Zu viele Einflussfaktoren

          Pavel Molanchov, Ölanalyst beim amerikanischen Finanzdienstleister Raymond James Financial, rechnet beim Öl mit einer Bodenbildung. „Wir denken, dass die Untergrenze bei 55 Dollar liegt, da die Opec die 60-Dollar-Marke verteidigt. Und wenn sie dieses Niveau verteidigen will, dann gelingt ihr das auch“, ist Molanchov überzeugt und fügt an, dass bei den Öldaten aufgrund des starken globalen Wirtschaftswachstums eine stärkere Hausse-Stimmung herrscht als noch vor einem Jahr.

          Manche sagen, Ölpreis-Prognosen seien ohnehin nichtig, da der Ölpreis von zu vielen Faktoren abhänge und die technische Analyse letztlich keine Glaskugel sei. „Charts können Ölpreise nicht voraussagen“, meint Fadel Gheit, leitender Energieanalyst beim Investmenthaus Oppenheimer. Öl sei ein einzigartiger Rohstoff. „Der Preis hängt von der Wirtschaftslage, dem Wetter, den Opec-Fördermengen und von globalen Spannungen ab. Sollte jemand diese Faktoren vorhersagen können, dann ziehe ich meinen Hut!“

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