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Energie : Kommt jetzt der Erdgas-Boom?

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Die Preise sind im Keller, und gewaltige neue Vorkommen warten auf ihre Ausbeutung. Einige Versorger steigen deshalb von Öl und Kohle auf Erdgas um. Gas wird bei steigendem Ölpreis auch für den Transportsektor immer interessanter.

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          Anfang dieses Jahres stand Lloyd M. Yates, Vorstandsvorsitzender von Progress Energy, vor der Entscheidung, wie der in Raleigh ansässige Energieriese künftig die strengen Gesetze seines Bundesstaates über den Schwefeldioxidausstoß erfüllen soll. Zunächst dachte er an die schnelle Lösung: den Einbau von Filteranlagen in dem alten kohlebefeuerten Kraftwerk in Sutton, North Carolina, mit einem Aufwand von 330 Millionen Dollar.

          Doch dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf Erdgas, dessen Preis im vergangenen Jahr um zwei Drittel gefallen war. Keine Frage, für einen Teil dieses Preisverfalls zeichnete sich die Rezession verantwortlich. Aber es kursierten auch Berichte über die Entdeckung riesiger Erdgasvorkommen in den Vereinigten Staaten. Und weil dieser Brennstoff nur die Hälfte des Kohlendioxids von Kohle produziert, schien er auch vor den in Washington geplanten Klimagesetzen sicher, die mit saftigen Strafgeldern für Emissionen drohen.

          Kohlekraftwerk wird auf Ergas umgestellt

          Nach gründlicher Abwägung entschieden sich Yates und sein Vorstand gegen die Filter und beschlossen, ein anderes Kohlekraftwerk im Rahmen eines 900 Millionen Dollar teuren Projekts auf Erdgas umzustellen. Nach Yates' Berechnungen würde dies die Schwefeldioxidgesetze erfüllen und sich im Lauf der Zeit mehr als bezahlt machen. „Es war, als ob man sich entscheiden sollte, in einem 52er Chevy einen Katalysator nachzurüsten“, meint Yates. „Die Frage war: Wann kaufen wir das neue Auto?“

          Die amerikanische Erdgasindustrie hofft, dass das ganze Land dem Beispiel von Lloyd Yates folgen wird. Während des Sommers 2008 sprach man in den Vereinigten Staaten und in weiten Teilen der übrigen Welt viel von Peak Oil und Peak Natural Gas und befürchtete, dass die hohen Ölpreise womöglich ewig Bestand haben könnten. Heute machen sich die Analysten immer noch Sorgen über die Ölversorgung - aber weit weniger über Erdgas. Die amerikanischen Gasproduzenten haben als Nutznießer eines technologischen Durchbruchs in den vergangenen Jahren ein gewaltiges Erdgasvolumen im Schiefergestein unter Colorado, Oklahoma, Pennsylvania, Texas und anderen Bundesstaaten erschlossen. Laut einem Bericht der Colorado School of Mines vom Juli verfügen die Vereinigten Staaten derzeit über etwa 51 Billionen Kubikmeter Erdgas, davon ein Drittel in Schiefer, was etwa 320 Milliarden Barrel Öl entspricht. Das ist mehr als die saudi-arabischen 264 Milliarden Barrel.

          Freilich lässt sich Erdgas nicht gegen Öl austauschen, und es wird auch die Energieprobleme der Vereinigten Staaten nicht im Alleingang lösen. Zwar kann man mit Erdgas Wohnungen heizen und Fahrzeuge betreiben, aber zum größten Teil wird es - wie Kohle - zur Elektrizitätserzeugung eingesetzt.

          Günstiger Preis macht Gas als Energieträger immer reizvoller

          Aber die geschätzten Erdgasvorräte sind so riesig, und der Preisverfall so enorm, dass die Entscheidungsträger in den Unternehmen sich veranlasst sehen, ihre langfristigen Energiestrategien zu überdenken, und zwar rasch. Energieversorger debattieren darüber, ob sie Kohlekraftwerke auf Gas umstellen sollen. Große Gesellschaften wie AT&T und UPS beginnen, ihre gewaltigen Lkw-Fuhrparks von Benzin- auf Erdgasantrieb umzurüsten. Selbst Anbieter erneuerbarer Energien stehen nicht abseits. Während sie versuchen, mehr Energie aus unvorhersagbaren Wind- und Solargeneratoren herauszuquetschen, stellen sie fest, dass preiswertes Erdgas ihnen hilft, die Energieversorgung stabil zu halten.

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