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Energie : Kommt jetzt der Erdgas-Boom?

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Ob der Gasboom halten wird, was er verspricht, ist hingegen ungewiss. „Wir wissen nicht, ob Erdgas wirklich von so großer praktischer Bedeutung sein wird, oder ob das Ganze nicht nur ein theoretisches Modell ist“, erklärt David G. Victor, Professor und Energieexperte an der Universität von Kalifornien in San Diego. Während die Erdgasproduzenten schwören, auf den größten Vorräten aller Zeiten zu sitzen, sehen sie sich erheblichen Problemen gegenüber, ihren Rohstoff auf den Markt zu bringen. Die Preise sind so niedrig, dass einige Produzenten die Produktion aufgegeben haben. Die meisten Energieversorger, die mit Kohleverbrennungsanlagen ausgerüstet sind, verspüren wenig Lust, in Erdgasausrüstung zu investieren. Kritiker befürchten, dass der wasserintensive Schieferbohrprozess die nahe gelegene Trinkwasserversorgung gefährden könnte. Und Skeptiker verweisen auf die späten 1990-er, als die Preise ebenfalls für alle Zeit am Boden zu liegen schienen und nur wenige Jahre darauf in die Höhe schossen. „Energieversorger sind gebrannte Kinder“, weiß Andre Begosso, Energiestratege beim Beratungsunternehmen Accenture.

Doch die derzeitige Erschließung der amerikanischen Schiefergasvorkommen könnte sich von den Entdeckungen vergangener Tage unterscheiden. Der Grund dafür ist eine Technik, die in den späten 1990-ern von der kleinen Firma Mitchell Energy & Development entwickelt wurde. Vor dem sogenannten Hydraulic-Fracturing war in festem Schiefer eingeschlossenes Gas unzugänglich. Mitchell und andere fanden heraus, wie man das Gestein mit Wasser und Chemikalien versetzt, um die Gasmoleküle herauszulösen. Ein weiterer Fortschritt der jüngeren Vergangenheit erlaubt Bohrfirmen eine horizontale Ausfächerung, um Gas aus viel größeren Gebieten zu gewinnen, als es davor möglich war. Die amerikanische Erdgasproduktion stieg zwischen Anfang 2007 und Mitte 2008 um 14 Prozent, was zu einem großen Teil neuen Feldern wie dem Barnett Shale in Texas zu verdanken war.

Der „Schieferboom“ steckt erst in den Kinderschuhen

Und der Schieferboom steckt erst noch in den Kinderschuhen. Im Jahr 2004 bohrte John H. Pinkerton von Range Resources (RRC) das erste Loch dieser Art in der Appalachia-Region, dem Marcellus Shale, einem über 250.000 km² großen Gasfeld, das sich knapp 1000 km von Nord nach Süd erstreckt. Inzwischen hat sich Pinkertons Ein-Mann-Büro in Pittsburgh zu einem Team aus 150 Geologen, Geophysikern und Ingenieuren gemausert. Wie Pinkerton sagt, hat sich seine Produktion in kürzester Zeit auf etwa 2,5 Millionen Kubikmeter am Tag verdreifacht. „Wir gehen davon aus, diese Zahl im nächsten Jahr zu verdoppeln, und im Jahr darauf noch einmal.“

In Raleigh hat Yates von Progress Energy seine Entscheidung, auf Erdgas umzurüsten, aufgrund einer staatlichen Vorgabe getroffen, den Schwefeldioxidausstoß des Unternehmens bis 2013 auf 50.000 Tonnen im Jahr zu halbieren. Um das rechtzeitig zu schaffen, musste das Unternehmen in diesem Jahr handeln. Nach dem Abwägen der Optionen entschied man sich für Erdgas, was praktisch eine Wette darauf ist, dass die Preise auf absehbare Zeit niedrig bleiben werden. Der Produktionsausstoß des Kraftwerkes wird beträchtlich steigen, weil eine 950 Megawatt leistende Erdgasanlage 397 Megawatt an Kohlekapazität ersetzt. Und nebenher wird auch die Schwefeldioxidvorgabe erfüllt: Die Kohlendioxidemissionen werden um 60 Prozent und die Stickoxidemissionen um 95 Prozent sinken, und die Quecksilberemissionen entfallen ganz.

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