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Energie : Bolivien beeindruckt Gasmarkt wenig

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Holzhammer: Boliviens Präsident Morales kündigt die Verstaatlichung an Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Boliviens Präsident Morales hat gegen ausländische Ölmultis den Holzhammer herausgeholt und die nationalen Energievorkommen verstaatlicht. Doch diese Maßnahme ist mehr eine innenpolitische. Den Gasmarkt kann sie höchstens mittelbar beeinflussen

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          Schwellenländerphantasie gehört seit Jahren zum Treibstoff der Börse. Politische Risiken schienen gering oder beherrschbar. Jetzt hat in Bolivien, das sicherlich nicht zur ersten Garde der Emerging Markets gehört, für Unruhe an den Finanzmärkten gesorgt.

          Boliviens neuer linkspopulistischer Präsident Evo Morales hat am Maifeiertag die bolivianische Öl- und Gasindustrie verstaatlicht und am Dienstag Soldaten auf die von internationalen Konzernen betriebenen Gasfelder geschickt, um den Schritt durchzusetzen. „Dies ist ein historischer Tag, an dem Bolivien die völlige Kontrolle unserer natürlichen Ressourcen zurückerhält“, erklärte Morales. „Das Plündern durch die ausländischen Unternehmen ist beendet.“

          Im Weltvergleich nur ein kleiner Lieferant

          Innerhalb von sechs Monaten haben die Gesellschaften ihre gesamte Produktionskette der staatlichen Ölgesellschaft zu unterstellen. Morales drohte Unternehmen, die nicht zu neuen Verträgen bereit sind, mit der Ausweisung.

          Bild: Bloomberg

          Bis zuletzt waren Investoren davon ausgegangen, daß Morales entgegen seiner Rhetorik einen ähnlichen Weg gehen würde wie Venezuelas umstrittener Präsident Chavez, der Lizenzgebühren und Steuern erhöhte, Vorschriften abänderte und ausländische Firmen in Gemeinschaftsunternehmen mit der staatlichen Ölfirma Petroleos de Venezuela zwang. Das unnötige Vorgehen mit dem Holzhammer, wie es heißt, zeige nur, wie sehr unerfahren die neue bolivianische Regierung sei.

          Bolivien verfügt nach Venezuela mit rund 878 Milliarden Kubikmetern über die zweitgrößten Erdgas-Ressourcen in Südamerika. Was sich zunächst einmal so anhört, als ob es von großer Bedeutung wäre, relativiert sich ökonomisch bei genauerem Hinsehen recht rasch. Nicht nur, daß Venezuelas Reserven mehr als dreimal so groß sind, mit deutlich weniger als einem Prozent der Weltreserven hat Bolivien für die Erdgasversorgung der Welt auch nur geringe Bedeutung.

          Leidtragendes Brasilien

          Zum Vergleich: Rußland verfügt nach Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration über mehr als ein Viertel der Weltreserven, der Iran als Nummer zwei über rund 15 Prozent.

          Physische Schwierigkeiten kann Bolivien vor allem dem großen Nachbarn Brasilien machen. Nicht nur, daß die Öl- und Gasgesellschaft Petrobras zu den in Bolivien aktivsten Gesellschaften gehört, Brasilien deckt auch die Hälfte seines Erdgasbedarfs durch Importe aus dem angrenzenden Andenstaat.

          Andererseits sorgen die bolivianischen Erdgas- und Erdölexporte auch für 50 Prozent der Exporterlöse und die bolivianischen Felder machen bei Petrobras nur 2,8 Prozent der Öl- und Gasreserven aus. Ob sich Morales in dieser Situation einen Gefallen tut, ist fraglich. Kurzfristig kann Bolivien seine Erlössituation verbessern, doch rechnen Experten damit, daß die Verstaatlichung bei internationalen Firmen eine Investitionszurückhaltung bewirkt. Ob Bolivien dies dann aus eigener Kraft stemmen kann, darf bezweifelt werden.

          Damit wäre im Grunde schon fast alles über den Einfluß der Entscheidung des ersten Indio-Präsidenten im ärmsten Land Südamerikas auf die Weltenergiemärkte gesagt. Doch darf das psychologische Moment nicht übersehen werden, meint auch Fondsmanager Jean-Bernard Guyon von Global Gestion France.

          Domino-Effekt unwahrscheinlich

          Bolivien folgt Venezuela und Rußland nach, die zuvor bereits Maßnahmen ergriffen, um die Staaten stärker vom Rohstoffreichtum der Länder profitieren zu lassen. Immerhin stehen indes auf der Liste der gasreichen Länder keine weiteren Wackelkandidaten außer dem Iran weit oben, auch wenn potentiell wenig stabile oder schwer berechenbare Länder wie Nigeria, Algerien, Kasachstan oder Turkmenistan, die über mehr Erdgas verfügen als Bolivien, es auf immerhin rund elf Prozent der Weltreserven bringen.

          Doch gibt es aktuell für den Erdgaspreis dominantere Faktoren als eine mögliche, aber nicht unbedingt wahrscheinliche Domino-Theorie. Latent schwebt über allem der Iran-Konflikt, der erhebliches Potential hat, den Welterdgasmarkt zu erschüttern.

          Die bolivianische Krise hat den Gaspreis auch eher wenig beeindruckt. Zwar legte der Preis am Montag um 2,6 Prozent auf 214,66 Cents pro Gallone (3,785 Liter) zu, doch machten Händler dafür andere Faktoren verantwortlich. Sie sehen darin Hortungskäufe, die nach den Preisrückgängen der Vorwoche in einer Zeit eingesetzt haben, in der die Nachfrage traditionell eher dünn ist.

          Technische und saisonale Faktoren dominieren

          Steven Miller, Fondsmanager bei Baker Steel Capital sieht die Futures „tief im Contango“. Dies gebe finanzielle Anreize, Lagerbestände aufzubauen. Mit Contango wird eine Marktsituation beschrieben, in der die Terminkurse um so höher sind, je länger die Laufzeit ist. Der Terminkontrakt für November wurde an der Nymex zuletzt mit 9.365 Dollar je BTU (British Terminal Unit = 42.000 Gallonen) gehandelt, der Juni-Kontrakt mit 6.795 Dollar.

          Insofern berührt Bolivien den Gasmarkt derzeit nicht sehr. Zudem gehen Beobachter nicht davon aus, daß das letzte Wort bereits gesprochen ist. Momentan gibt sich Morales zwar als starker Mann und kündigt weitere Schritte an: „Schon bald werden die Minenunternehmen, die Forstwirtschaft und alle anderen nationalen Reichtümer, für die unsere Vorfahren gekämpft haben, an die Reihe kommen.“, sagte er vor Tausenden jubelnder Anhänger am Sitz der Regierung in La Paz.

          Doch die Frage ist noch offen, inwieweit Brasilien stillhalten wird. Petrobras sei offen für Verhandlungen, wenngleich einige Punkte des ursprünglichen Vertragswerks respektiert werden müßten, sagte Brasileins Kabinettchef und früherer Energieminister Dilma Rousseff und steckte damit das Terrain in etwa ab. Gleich wie die Krise ausgeht - Leidtragender oder Nutznießer wird vor allem Bolivien selbst sein. Auf den Weltgasmärkten handelt es sich doch nur um einen relativ kleinen Stein im allgemeinen Stimmungsmosaik.

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