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Draghi, Weidmann & Co. : Kraftlose Offensive der Währungshüter

Ein konsequenter Stabilitätsverfechter, der sich aber auch offen für pragmatisches Handeln zeigen will: Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Bild: REUTERS

Die Geldpolitik in Europa könnte noch lockerer werden. Das haben zumindest die drei Notenbanker Draghi, Weidmann und Liikanen durchblicken lassen. Ihnen gelang es allerdings nicht, den Euro so deutlich schwächer zu reden.

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          Mario Draghi, Jens Weidmann und Erkki Liikanen: Drei prominente Mitglieder des Zentralbankrats wurden in den vergangenen Tagen so verstanden, als stünden sie einer weiteren Lockerung der Geldpolitik bei Bedarf nicht entgegen. Falls der Sinn dieser Äußerungen darin bestanden haben sollte, die Stärke des Euro gegenüber dem Dollar zu unterminieren, ist dies kaum gelungen: Hatte der Wechselkurs mit 1,3967 Dollar für einen Euro vor zwei Wochen seinen höchsten Stand seit rund zwei Jahren erreicht, so notierte der Euro am Donnerstagnachmittag mit 1,3764 Dollar. Somit hatte der Euro im Verlauf von 14 Tagen um rund eineinhalb Prozent abgewertet. Das ist nicht gerade viel.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Als sich der Wechselkurs in der vorvergangenen Woche scheinbar unaufhaltsam der Marke von 1,40 Dollar näherte, erhob Mario Draghi warnend seine Stimme. Der Wechselkurs spiele eine wachsende Rolle für die Beurteilung der Entwicklung des Preisniveaus im Euroraum, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank. Dies wurde am Devisenmarkt als Warnung verstanden, denn als Folge einer Aufwertung importiert der Euroraum Deflation just in einer Situation, in der die Inflationsrate schon niedriger ist als von der Zentralbank geplant. Nach Ansicht mancher technischer Analysten ist die Marke von 1,40 Dollar wichtig, weil bei einem Überschreiten eine rasche weitere Aufwertung bis in den Bereich von 1,45 oder 1,50 Dollar drohe.

          Draghis Intervention war nicht ohne Folgen: Die Aufwertung des Euro kam zu einem Halt. Der Kurs überschritt nicht mehr die Marke von 1,40 Dollar, aber er sank auch nur leicht. Rund eine Woche später ergriff die neue Vorsitzende der amerikanischen Fed, Janet Yellen, das Wort. Aus ihrer Pressekonferenz nahmen die Marktteilnehmer vor allem die Botschaft mit, dass die Fed ihren Leitzins früher erhöhen könne als bislang von vielen Beobachtern gedacht. Der Devisenmarkt reagierte mit einer leichten Abwertung des Euro, der seitdem um die Marke von 1,38 Dollar pendelt.

          Offen für pragmatisches Handeln

          Immerhin hatte sich bei einer charttechnischen Betrachtung eine leichte Abwärtstendenz des Wechselkurses herausgebildet, und nach dem Lehrbuch wäre es nunmehr sinnvoll gewesen, mit weiteren Äußerungen aus dem Munde von Geldpolitikern gegen die Stärke des Euro vorzugehen. Prompt meldete sich am vergangenen Dienstag zunächst Erkki Liikanen, der Gouverneur der Bank von Finnland, im „Wall Street Journal“ zu Wort. Mit Blick auf die sehr niedrige Inflationsrate betonte Liikanen: „Wir verfügen nach wie vor über Handlungsspielraum.“ Konkret nannte Liikanen die Möglichkeit, einen negativen Zinssatz für die von Geschäftsbanken bei der Zentralbank gehaltenen Guthaben festzulegen. Dieses Instrument sei nach seiner Ansicht im Zentralbankrat nicht länger umstritten.

          Liikanens Äußerungen waren für die Marktteilnehmer deshalb interessant, weil hier ein Vertreter eines Landes aus dem Norden der Währungsunion unbefangen über weitere geldpolitische Lockerungen sprach. Noch viel mehr Aufmerksamkeit fand ebenfalls am Dienstag Bundesbankpräsident Jens Weidmanns Interview mit einer besonders von Marktteilnehmern verfolgten Nachrichtenagentur.

          Dieses Interview stand in einer langen Tradition von Bundesbankäußerungen: Der Präsident gab sich einerseits als konsequenter Stabilitätsverfechter, zeigte sich aber auch - und das war vermutlich der Sinn des Interviews - offen für pragmatisches Handeln. So konnte sich nachher jeder auf Weidmann berufen: Die Marktteilnehmer, die ihres Erachtens etwas Neues gehört hatten, und auch die Kommunikationsabteilung der Bundesbank, die versicherte, Weidmann habe nichts Neues gesagt.

          Euro wertet am Devisenmarkt gegenüber dem Dollar nicht deutlich ab

          Weidmann stellte zunächst fest, dass der aktuelle Wechselkurs keine Aktion der Zentralbank erzwinge. Er sagte aber auch, dass bei einer weiteren Aufwertung des Euro Maßnahmen in Frage kämen, und er nannte in diesem Zusammenhang den auch von Liikanen erwähnten negativen Zins für Guthaben bei der Zentralbank. Die Botschaft für die Märkte lautete: Weidmann ist prinzipiell offen für weitere geldpolitische Lockerungen, aber nicht in der aktuellen Lage.

          Scheinbar kryptisch waren zudem Weidmanns Äußerungen zu großflächigen Anleihekäufen („quantitative easing“). Hier gab der Bundesbankpräsident einerseits den geldpolitischen Falken, indem er auf erhebliche rechtliche Risiken und ebenso erhebliche praktische Probleme hinwies und versicherte, er werde bei einer Erörterung dieses Themas sehr streng sein. Aber Weidmann lehnte derartige Käufe von Anleihen im Unterschied zum kürzlich vom Bundesverfassungsgericht gerügten OMT-Programm, bei dem Anleihen einzelner Länder gekauft werden sollen, nicht grundsätzlich und für jeden Fall ab. Und das sollte wohl auch die Botschaft für die Märkte sein.

          Trotz der verbalen Interventionen wertet der Euro am Devisenmarkt gegenüber dem Dollar nicht deutlich ab. Hierfür nennen Marktteilnehmer mehrere Gründe. Zum einen fehlt bisher die Drohung von Zentralbanken, durch Interventionen am Devisenmarkt in die Preisbildung einzugreifen. Die EZB hat dies zuletzt im Jahre 2000 getan. Zweitens deuten die neuesten Stimmungsindikatoren auch in Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien auf eine Belebung der Konjunktur. Die Wirtschaft im Euroraum könnte stärker wachsen als bisher erwartet - und die von manchen Beobachtern geäußerte Furcht vor einer Deflation unbegründet sein.

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