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Dollar : Schwächung durch Verschuldung?

  • Aktualisiert am

Bild: Gallup

Der Dollar befindet sich wieder einmal in der Defensive, sowohl gegen Rohstoffe als auch gegen andere Währungen. Wer will und kann all die Staatsschulden übernehmen, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommen werden?

          Der Dollar gehörte im vergangenen Jahr zu den Gewinnern der Krise. Die plötzlich eintretende Liquiditätsknappheit sorgte zusammen mit der verzweifelten Nachfrage dafür, dass er von Mitte Juli bis in den November gegen die meisten Währungen weltweit deutlich aufwertete. Der Dollarindex stieg von knapp 72 auf bis zu 88 - ein Plus von etwas mehr als 22 Prozent.

          Damit ist es allerdings längst vorbei. Im März des laufenden Jahres setzte die Gegenbewegung ein. Der Dollar gehörte seitdem wieder zu den schwächsten Währungen der Welt. Lediglich ein paar exotische Währungen wie die isländische Krone, der argentinische Peso, die nigerianische Naira oder der Colon Costa Ricas und einige wenige andere waren schwächer. Der Dollarindex liegt knapp 14 Prozent unter seinem im März markierten Zwischenhoch und auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr.

          Allgemeine Schwäche der amerikanischen Währung

          Die allgemeine Schwäche der amerikanischen Währung zeigt sich auch daran, dass die Preise industrieller Rohstoffe wie der Metall- und Energiekontrakte Dynamik nach oben zeigen. Und der Euro hat seine Aufwertungsbewegung gegen die amerikanische Währung wieder aufgenommen. Mit einem Tagesgewinn von einem Prozent liegt er bei 1,4475 Dollar. Das ist nicht nur der höchste Stand seit einem Jahr. Dieser Kurs liegt wieder in „Schlagweite“ des Allzeithochs von etwas mehr als 1,60 Dollar, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres markiert worden waren.

          Der Euro tendiert nach oben, obwohl die Industrieproduktion in Deutschland im Juli gegenüber dem Vorjahr um 17 und zum Vormonat um 0,9 Prozent gefallen ist und obwohl die Auftragseingänge immer noch knapp 20 Prozent unter jenen des Vorjahres lagen. Selbst die weiter angeschlagene Lage der europäischen Banken und die divergierenden ökonomischen Tendenzen innerhalb Europas scheinen bisher keine Rolle zu spielen.

          Dabei stehen nicht nur Länder wie Irland, Spanien, Portugal oder auch Griechenland mit dem Rücken zur Wand, da sie die geplatzte Immobilienblase weiter belastet und sich der Boom der vergangenen Jahre nicht ohne weiteres wiederholen lassen dürfte. Auch in den Industriestaaten des Kontinents sind die Aussichten zwiespältig, da sich die Wirtschaft allenfalls auf tiefem Niveau berappelt, während die Staatsverschuldung und damit die künftige Belastung dramatisch zunimmt.

          Ähnliches gilt jedoch auch für die Vereinigten Staaten. Dort kommt der Konsum nicht mehr in Gang, nachdem er in den vergangenen Jahrzehnten bei zunehmender privater Verschuldung wesentlich und überproportional zur wirtschaftlichen Entwicklung weltweit beigetragen hatte. Nach Vermögensverlusten aufgrund der gefallenen Haus- und Aktienpreise sowie wegen eines schwachen Arbeitsmarkts sind die privaten Haushalte gezwungen und willens, ihre Gürtel enger zu schnallen. Das zeigt sich unter anderem in einer Gallup-Umfrage. Danach tendiert ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem im unteren Bereich der Einkommensskala dazu, die Ausgaben zu kürzen. So stellt sich die Frage, woher die Endnachfrage nach vielen der weltweit herstellten Produkte herkommen soll.

          Die amerikanische Regierung versucht zwar gegen die Wirtschaftschwäche mit Garantien und keynesianischen Ausgabenprogrammen auf Pump vorzugehen. Allerdings führt der Blick auf die Erfahrungen in Japan zur Skepsis, ob sie mehr bringen als kurzfristige Strohfeuer und eine rasant zunehmende Verschuldung. „Wenn die Regierung die langfristigen Haushaltsdefizite nicht eindämmt, dürfte der Dollarkurs jahrzehntelang fallen,“ erklärt zum Beispiel Kenneth Rogoff, Professor an der Harvard-University und früher Chefökonom beim Internationalen Währungsfonds.

          Wer will und kann all die Schulden übernehmen?

          Das amerikanische Leistungsbilanzdefizit lag im März bei 101,5 Milliarden Dollar. Es lag zwar deutlich unter den Rekordwerten des Jahres 2006. Allerdings benötigen die Vereinigten Staaten trotzdem täglich etwa eine Milliarde Dollar an neuem ausländischen Kapital, wenn der Dollar seinen Wert halten soll. Der Nettozufluss in amerikanische Schatzanweisungen und Aktien sank im zweiten Quartal jedoch auf 82,8 Milliarden Dollar, verglichen mit 235 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor.

          Das Congressional Budget Office geht in einer aktuellen Schätzung davon aus, dass die Verschuldung von voraussichtlich knapp 12 Billionen Dollar im laufenden Jahr auf bis zu knapp 21 Billionen Dollar in 10 Jahren zunehmen kann. Daran schließt sich die Frage an, wer diese zu den aktuellen Konditionen finanzieren kann und will, nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auch andere Staaten ihre Verschuldung rasant erhöhen. Faktisch müsste jeder, der bisher amerikanische Staatspapiere in den Depots hat, seine Bestände in den kommenden Jahren trotz der niedrigen Renditen verdoppeln oder gar verdreifachen. Daran jedoch kann gezweifelt werden.

          Schon jetzt werden große Teile der amerikanischen Anleihen unter so genannten „Intragovernmental Holdings“ verbucht. Sie stellen eigentlich Vermögenswerte zur Sicherung künftiger Verbindlichkeiten im Sozial- und Gesundheitswesen dar. Allerdings wurden diese Mittel schon ausgegeben. Letztlich lassen sich die Verbindlichkeiten also nur durch Steuererhöhungen, eine noch höhere Verschuldung oder die Kappung von Ausgaben begleichen. Insgesamt scheint die amerikanische Finanzlage prekärer zu sein als bisher angenommen.

          Aus solchen Gründen kann eine grundsätzliche Dollarschwäche kaum überraschen. Allerdings kann sie, wie sie im vergangenen Jahr zu beobachten war, immer dann durch eine vorübergehende Aufwertungsbewegung abgelöst werden, wenn amerikanische Anleger Vermögenswerte im Ausland liquidieren und repatriieren.

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