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Die größten Ölreserven der Welt : Venezuela könnte das neue Saudi-Arabien werden

Lahmt: Ölförderung in Venezuela Bild: AP

Die Ölreserven Venezuelas sind riesig - ausländische Konzerne erhoffen sich nach dem Tod von Hugo Chávez verbesserte Förderbedingungen. Unter Chávez war die Produktion zuletzt rückläufig.

          Der Tod des venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez hat in dem südamerikanischen Land vorerst Unsicherheit über das Vorgehen der künftigen politischen Führung ausgelöst. Der Ölmarkt hat dagegen ganz entspannt auf die Nachricht aus Venezuela reagiert. Venezuela verfügt nach offiziellen Zahlen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) über die größten Ölreserven auf der Welt: Auf mehr als 297 Milliarden Barrel (1 Barrel entsprechen 159 Liter) belaufen sich die bestätigten Reserven. In Saudi-Arabien, dem weltgrößten Ölförderer, sind es dagegen lediglich 265Milliarden Barrel.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Problem von Venezuela liegt nicht in den Ölreserven, sondern in der Förderung. Während Venezuela von 1950 bis in die 1970er Jahre hinein zu den größten Erdölförderern zählte, sind sie trotz der gigantischen Reserven derzeit nur noch die Nummer zehn der Weltförderliste mit etwa 3,5 Prozent der globalen Ölförderung. Kurzfristig wird sich daran wohl nicht viel ändern – denn ohne neue Bohrlöcher ist die Produktion nahezu ausgereizt. Die Erdölindustrie liegt größtenteils brach. 1998, ein Jahr vor dem Amtsantritt von Chávez, förderte das Land nach Angaben der Internationalen Energieagentur täglich 3,5 Millionen Barrel. 2011 waren es nur noch 2,7 Millionen Barrel – etwa ein Viertel weniger. Dabei ist die Ölförderung für das südamerikanische Land lebensnotwendig: Es sichert 80 Prozent der Exporterlöse und die Hälfte der Staatseinnahmen sowie mehr als 90 Prozent der Devisenzuflüsse nach Venezuela.

          Total fördert täglich rund 54.000 Barrel Öl in Venezuela

          Die Gründe für den Niedergang der Erdölindustrie in Venezuela sind zahlreich und vor allem mit dem Namen Chávez verbunden. Durch wirtschaftlichen Nationalismus und seine autoritäre Herrschaft hat er die Erdölindustrie des Landes zu Boden gerungen. Er hat die Erdölfirma Petróleos de Venezuela (PDVSA) als politisches und propagandistisches Werkzeug benutzt und den mit Abstand größten Ölkonzern des Landes anschließend gemolken. Chávez schraubte die Investitionen der PDVSA stark zurück und erhöhte gleichzeitig die Abgaben, die der Erdölförderer an den Staat zahlen musste – um damit höhere Sozialausgaben zu finanzieren. Außerdem muss fast die Hälfte der Produktion deutlich unter Marktpreisen an die einheimische Bevölkerung weitergegeben werden. Das führte zwar zu ungeahnter Beliebtheit in den Armenvierteln des Landes – aber durch die Maßnahmen blutete der Konzern langsam, aber sicher aus. Außerdem verlor PDVSA seit 2002 mindestens 20.000 qualifizierte Arbeiter, weil diese sich bei einem Putschversuch angeblich auf die Seite der Putschisten stellten.

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          Ebenso tun sich ausländische Fachkräfte schwer damit, in dem südamerikanischen Land zu arbeiten. Die Hauptstadt Caracas gehört zu den gefährlichsten Städten der Welt. Täglich werden etwa 30 Menschen in der Stadt mit sechs Millionen Einwohnern ermordet. Damit hat die Stadt die höchste Mordquote der Welt. Dazu stehen Entführungen auf der Tagesordnung. Das schreckt viele Fachkräfte ab. Zusätzlich tun sich viele der oftmals hochbezahlten Mitarbeiter in der Rohstoffbranche damit schwer, in einem sozialistischen Land zu arbeiten. Dabei braucht der Ölkonzern dringend internationales Fachwissen, da die Ölfelder wesentlich schwieriger zu erschließen sind als etwa in Saudi-Arabien. Seit Chávez’ Machtübernahme wurden etliche Unternehmen verstaatlicht – damit löste er eine Flucht internationaler Investoren aus. So verließ Mitte der 2000er Jahre Exxon Mobil das Land, nachdem es gezwungen wurde, Teile seiner Anteile an Ölfeldern in Venezuela an den venezolanischen Staat zu verkaufen.

          Trotz einer Produktionssteuer von bis zu 93 Prozent haben einige große Ölfirmen die Chávez-Jahre dennoch überlebt. Der französische Konzern Total fördert etwa 54.000 Barrel täglich. Auch der spanische Konzern Repsol ist nach wie vor in Venezuela vertreten. Diese Firmen könnten in den Nach-Chávez-Jahren profitieren. Bei besseren Investitionsbedingungen könnte ähnlich wie im Irak die Produktion deutlich steigen – seit dem Ende des Irak-Krieges hat sich die Produktion dort nahezu verdoppelt.

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