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Kommentar : Die Geopolitik des Öls

Drehrad an einer Hochdruckleitung zur Mineralölförderung in Karlsruhe Bild: dpa

Der Opec fällt mal wieder ihre Strategie auf die Füße. Die Verbraucher profitieren davon. Denn Öl ist jetzt so billig, wie es bis vor kurzem kaum jemand für möglich gehalten hätte.

          Der Versuch der Ölstaaten, den Preis des schwarzen Goldes künstlich nach oben zu treiben, muss bis auf weiteres als gescheitert betrachtet werden. Öl ist mit gut 45 Dollar je Fass für die Nordseesorte Brent jetzt so billig, wie es noch vor kurzem kaum jemand für möglich gehalten hätte. Und das ausgerechnet unmittelbar nachdem die Ölförderländer der Opec all ihre Macht für eine Verlängerung der Förderkürzung bis März 2018 in die Waagschale geworfen haben. Das ist bemerkenswert und verdient Beachtung: Schließlich ist der Ölpreis nicht einfach eine Finanzkennzahl unter vielen. Seit der Industrialisierung und Motorisierung der Welt gilt das Öl als „Schmiermittel der Weltwirtschaft“ – und dem Ölpreis kommt eine zentrale Rolle zu.

          Es ist noch nicht allzu lange her, da war die Angst groß, schon im Vorgriff auf das irgendwann unweigerlich bevorstehende Ende der natürlichen Ressourcen der Erde werde der Ölpreis schon bald steigen und steigen. Gespeist war das aus Szenarien, wie sie 1973 der „Club of Rome“ vorhergesagt hatte. Die Ölscheichs, die den Zugang dazu kontrollieren, so die Befürchtung, könnten daraus auch noch ein großes Geschäft machen. Diese Erfahrung hatte die Welt in den siebziger Jahren gemacht. Damals gelang es der Opec, durch Absprachen über eine Verknappung der Förderung den Ölpreis hochzutreiben – und die westliche Welt in eine Ölkrise zu stürzen.

          Das geschah allerdings unter anderen geopolitischen Bedingungen. Und mit ihnen hat sich auch die Strategie der Ölförderländer gleich zweimal gewandelt. Damals führten die Förderländer gleichsam einen gemeinsamen politischen Preiskrieg gegen die westliche Welt. Der Anteil der Opec an der Weltölförderung lag bei mehr als 40 Prozent, heute sind es weniger als 30 Prozent. Vor allem der technische Fortschritt beim Fracking (einer unkonventionellen Bergbaumethode zur Förderung von Gas und Öl aus Gesteinsschichten) in den Vereinigten Staaten hat die Machtverhältnisse verschoben. Das zeigt sich schon daran, dass Amerika seit ungefähr 2014 der größte Ölförderer der Welt ist.

          Technischer Fortschritt erwies sich als unberechenbar

          Statt der Grenzen des Wachstums war beim Öl ein Wachstum der Grenzen zu beobachten. Die Ressourcen der Erde sind weiterhin endlich, und die Umweltproblematik ist womöglich drängender denn je. Aber zunächst hat der technische Fortschritt dazu geführt, dass der Welt das Öl nicht ausging, sondern dass es sogar im Überfluss vorhanden ist. Trumps Amerika frackt, was der Schiefer hergibt. Ein Überangebot auf dem Weltölmarkt hält sich dementsprechend schon eine ganze Weile, und es ist die wichtigste Ursache für das billige Öl.

          Eine Zeitlang glaubte Saudi-Arabien als wichtigstes Opec-Land, es könne die unliebsame neue Konkurrenz wieder aus dem Markt drängen, indem es den Ölpreis ins Bodenlose fallen lässt. Als der Ölpreis 2014 so drastisch fiel, von mehr als 100 Dollar je Fass auf weniger als 50 Dollar (bis heute hat der Preis sich nie wieder ganz davon erholt) – da war nicht nur die Zerstrittenheit der Opec der Grund, sondern auch dieses Kalkül.

          Doch der technische Fortschritt erwies sich einmal mehr als unberechenbar. Das Fracking wurde billiger und billiger. Dabei trug die Strategie der Saudis sogar noch dazu bei, die Fracker mit niedrigeren Grenzkosten arbeiten zu lassen: Jedes amerikanische Förderunternehmen, das durch den künstlich nach unten gedrückten Ölpreis insolvent wurde, stellte aus der Insolvenzmasse billigere technische Anlagen zur Verfügung – gemäß dem Spruch, dass ein Hotel zweimal insolvent werden müsse, bevor es sich lohne. Zugleich zwang der niedrige Preis die Unternehmen zu extremer Kostendisziplin. Anfangs brauchten die Amerikaner noch einen Ölpreis von 100, später 80, dann nur 50 Dollar. Manche kämen heute schon mit 20 Dollar aus, so heißt es.

          Hohes Niveau des Ölpreises hatte nie lange Bestand

          Als die Opec merkte, dass die Strategie des „Limit Pricing“ nicht funktioniert, wie Ökonomen solche Rausschmeiß-Preise auf oligopolistischen Märkten nennen, da wechselten sie die Strategie. Künstliche Verknappung war wieder angesagt, fast wie in den siebziger Jahren – nur unter schwereren Bedingungen wegen der neuen Konkurrenz. Voriges Jahr raufte die Opec sich das erste Mal zusammen und beschloss eine Förderkürzung, gemeinsam mit Russland. Jetzt haben die Ölländer nachgelegt und wollen die Kürzung bis März 2018 verlängern.

          Einig war sich die Opec dabei selten, doch bisweilen triumphierte das gemeinsame Interesse über die geopolitischen Differenzen. Saudi-Arabien und Iran, die beide um die Vorherrschaft in der Golfregion kämpfen, gönnen sich gegenseitig keine hohen Ölpreise, verständigten sich am Ende aber irgendwie doch.

          Die Ankündigung solcher Vereinbarungen ließ den Ölpreis jedes Mal steigen – aber das hohe Niveau hatte nie lange Bestand. Unter den Bedingungen eines funktionierenden Kartells können Anbieter den Preis hochtreiben, wenn sie das Angebot verknappen. Unter Wettbewerb aber verlieren sie dann einfach Marktanteile an die Konkurrenz. Das bekommt die Opec zu spüren. Die Verbraucher, die jetzt billiges Benzin und Heizöl kaufen können, freut’s.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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