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Eurokurs : Die Finanzmärkte lieben die EZB-Entscheidung

  • Aktualisiert am

Die Reparaturen halten an Bild: Wresch, Jonas

Nach anfänglicher Zurückhaltung lieben die Finanzmärkte die EZB-Entscheidungen. Nur der Euro leidet ein wenig unter den schwachen Wachstumsprognosen.

          Es dauerte eine Weiel, bis sich die Finanzmärkte entscheiden hatten, wie sie die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank würdigen sollten. Zunächst bleibe an den Aktienmärkten eine Reaktion aus. Der Dax zuckte kurz nach oben, bevor er sich wieder auf dem Niveau einpendelte, das er schon den ganzen Tag innegehabt hatte.

          Offenbar hatte man auf die Wall Street gewartet. nachdem diese sich auch beflügelt von leicht positiven amerikanischen Arbeitsmarktdaten dazu entschied, die EZB-Entscheidungen zu mögen.

          Die Märkte freuen sich

          „Die Märkte freuen sich, dass sie das bekommen haben, was sie wollten“, fasst Jörg Rahn, Marktstratege von Marcard, Stein & Co, die Stimmung zusammen. Volkswirt Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus sagte: „Die erhofften Punkte hat Draghi alle ziemlich klar angesprochen.“

          Ein nun möglich gewordenes, koordiniertes Vorgehen von EZB und Regierungen sei dazu geeignet, die Märkte für längere Zeit zu beruhigen. Die Regierungen betroffener Länder wie Spanien müssten sich nun dazu durchringen, das Angebot der EZB anzunehmen und Reformen unter den Rettungsschirmen ESM und EFSF einzuleiten. „Jetzt hängt es von der Politik und nicht von der EZB ab, das Angebot anzunehmen.“

          Besondere Beachtung fand an den Märkten die Beteuerung Draghis, dass die Anleihenkäufe notfalls im unbegrenzten Umfang stattfinden würden. „’Unbegrenzt’ war das Zauberwort“, sagte ein Aktienhändler. Volkswirt Sartoris erklärte, dass es nicht gut gewesen wäre, wenn die EZB Grenzen bezüglich des Umfangs oder der Zinshöhen für das Anleihenkaufprogramm aufgezeigt hätte: „Denn dagegen wäre wieder spekuliert worden. Das Wort ’unbegrenzt’ ist von der EZB als Zeichen der Stärke gewählt worden.“

          Eurokurs schwankt

          Der Euro wechselte zum Dollar mehrfach die Richtung und wertete zuletzt wieder auf mehr als 1,26 Dollar auf. Das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung wurde durch die Ankündigung des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank gestärkt. Zum Yen kletterte der Euro sogar auf ein Zweimonatshoch. Die Gemeinschaftswährung gewann zuletzt 0,2 Prozent auf 1,2625 Dollar.

          Zunächst hatte der Kurs deutlich negativ auf die niedrigere Prognose zur Wirtschaftsentwicklung im Euroraum reagiert. Im vorläufigen Tageshoch war der Euro auf 1,2652 Dollar gestiegen und im Tief auf bis zu 1,2562 Dollar gefallen.

          EZB-Präsident Mario Draghi hatte gesagt, die Wachstumsrisiken im Euroraum hätten sich erhöht. Zudem senkte die Zentralbank die Wachstumsprognose für den Euroraum für 2012 von minus 0,1 Prozent auf minus 0,4 Prozent.

          Hintergrund dürften dabei zum einen die Entscheidungen sein, die ja schon mehr oder weniger erwartet wurden. „Die EZB hat genau dies beschlossen, was in den letzten Tagen vermehrt diskutiert und auch teilweise eingepreist wurde“, sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. „Insofern ist der Beschluss der EZB keine echte Neuerung.“

          Richtiger Schritt - wenn die Politik mitzieht

          Ökonomen werteten die Entscheidungen als richtig. Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung sieht das Hauptproblem des Euroraums nicht in der Zinshöhe, sondern im fehlenden Vertrauen in dessen Stabilität. Das macht auch Draghi deutlich, der die Entscheidungen damit begründete, dass der Leitzins wieder in allen Eurostaaten gelten müsse. Die Anleihekäufe sollten daher die Verzerrungen an den Märkten beseitigen. „Der Euro ist unumkehrbar“, sagte Draghi.

          Horn hofft nun, dass die Märkte ihre Spekulation gegen den Euro aufgeben und es dank sinkender Risikoaufschläge den Staaten ermöglichen, ihre Schulden auf Dauer wieder aus eigener Kraft - also ohne die Hilfe eines Rettungsschirms - zu bedienen.

          Ob daraus nicht ein wenig die Hoffnung spricht ist eine andere Frage. Denn erst einmal forderte Draghi die Aktivierung der Rettungsschirme, was ein klares Signal ist, dass die EZB erwartet, dass ihre Aktivität die Reformprogramme begleitet und unterstützt, nicht aber ersetzt.

          Anleihenmarkt nimmt Beschlüsse vorweg

          Am Anleihenmarkt kamen die Beschlüsse naturgemäß gut an, senken sie doch das Risiko und sind sie dazu geeignet, die Kurse weiter zu stabilisieren. Angesichts der im Vorfeld bereits durchgesickerten Details fiel schon vor den Entscheidungen bei der jüngsten Auktion zweijähriger spanischer Anleihen die durchschnittliche Rendite drastisch von 4,706 Prozent im Juni auf nun 2,498 Prozent, bei vierjähriger Laufzeit von 5,971 auf 4,603 Prozent.

          Auch die Renditen französischer Staatspapiere sanken deutlich, die Rendite zehnjähriger Titel sogar auf einen historischen Tiefstand. Hingegen trennen sich die Anleger eher von den teuren Bundesanleihen, deren Rendite um 3 Basispunkte auf 1,50 Prozent stieg.

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