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Technische Analyse : Warum die Euroschwäche andauern wird

  • -Aktualisiert am

Die europäische Gemeinschaftswährung hat gegenüber dem Dollar schon lange an Glanz verloren Bild: dpa

Der Euro wird im nächsten Jahr unter die Parität zum Dollar fallen. Nur sofort passiert das nicht, weil zu viele daran glauben.

          3 Min.

          Der November ist im Regelfall ein nasser, nebliger, kalter, dunkler Geselle. Geprägt mit Feiertagen wie Allerheiligen, Allerseelen, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und dem Totensonntag, ist er das kalendarische Abschiedssymbol schlechthin. Auf seinem Programm steht für uns alle der endgültige Abschied von den warmen Tagen, für manch einen unter uns der Abschied von einem nahestehenden Menschen, und heuer könnte er auch für den endgültigen Abschied von der Idee einer starken europäischen Gemeinschaftswährung stehen.

          Die erste Hälfte des abgebildeten Charts des Euros gegenüber dem amerikanischen Dollar wird von Glanz und Gloria geprägt, die zweite von Not und Elend. Seit dem Hoch im Jahr 2008 bei über 1,60 Dollar hat der Euro rund 35 Prozent seines Wertes eingebüßt. Allein seit dem letzten Hoch im Mai 2014 belaufen sich die Verluste auf mehr als 20 Prozent. Im Währungsbereich sind solche Wertanpassungen Welten. Dennoch wäre diese Entwicklung nicht gar so schlimm, wenn wenigstens die Aussichten besser wären. Aber genau dies ist nicht der Fall. Es sind diese letzten 5 Cent Verlust im November, von 1,11 Dollar auf rund 1,06 Dollar, die dem Euro final ins Elend gestoßen haben könnten. Wo zuvor eine gewisse grundsätzliche Chance auf eine dauerhafte Bodenbildung bestand, lässt eine technische Analyse heute zu weiten Teilen nur noch den Schluss zu, dass die jüngste Stabilisierung zwischen 1,05 und 1,15 Dollar wenig mehr als eine den Abwärtstrend bestätigende Konsolidierung war.

          Diese Entwicklung ist zweifelsohne bitter. Sie lässt analytisch mit einer Wahrscheinlichkeit von rund drei Vierteln nur den Schluss zu, dass der Euro die bisherigen Zyklustiefs bei etwas unter 1,05 Dollar unterbieten und damit signifikant tieferen Kursen den Boden bereiten wird. Als Daumenregel für die weiteren Perspektiven schlägt die technische Analyse vor, den Abstand (10 Cent) zwischen dem Hoch (1,15 Dollar) und dem Tief (1,05 Dollar) der Konsolidierung an das Tief der Konsolidierung anzutragen. Der Euro dürfte damit im nächsten Jahr unter die Parität fallen und sich mit Kursen um bzw. noch unter 0,95 Dollar wieder dem Niveau nähern, wo damals alles begann.

          Ein Ammenmärchen

          Die EZB wie auch viele Unternehmen dürften diese fortgesetzte Euro-Schwäche mit Zustimmung und Freude begleiten. Mir bereitet sie Sorge. Es ist ein Ammenmärchen, dass eine dauerhaft schwache Währung ihren Eignern dauerhaft hilft. Dafür muss man nicht in einen volkswirtschaftlichen Disput eintreten, sondern nur an die früheren Währungen der Mittelmeeranrainer erinnern. Drachmen, Escudos, Lire und Peseten waren so ziemlich das glatte Gegenteil von dem, was man sich ruhigen Gewissens mit der Hoffnung auf Wertsteigerung unters Kopfkissen legen konnte. Dennoch ist nicht überliefert, dass diese schwachen Währungen ihren jeweiligen Volkswirtschaften einen besonderen Wettbewerbsvorteil gesichert hätten. Denn den hatten die Mitteleuropäer, allen voran Deutschland, mit ihren starken Währungen. Auch die Schwäche der einen oder anderen südamerikanischen Währung ist heute mit Sicherheit kein Indikator für wirtschaftliche Prosperität in dem jeweiligen Land. Wahrscheinlich wird mit dem weiteren Absacken unserer Währung nicht gleich der Untergang Europas verbunden sein. Aber gerade der vergangene Frühling und Winter lehrt mit den Ereignissen rund um Griechenland deutlich genug, dass die Wertschätzung des Euros immer auch hoch mit dem Wohlergehen Europas korreliert war.

          Doch damit auch zu einer in meinen Augen eher guten Botschaft: Die kurzfristige technische Verfassung des Euros gegenüber dem Dollar ist von „viel zu viel, viel zu schnell“ geprägt. Wann immer sich ein Chart wie beim Euro im November mit Karacho und unter erheblichen Verlusten einer entscheidenden Unterstützung (1,05 Dollar) nähert, taucht häufig erhebliche Aufnahmebereitschaft auf, die oft den Boden für eine ganz ordentliche Erholung bereitet. Es wäre allerdings schon sehr überraschend, wenn diese Erholung über etwa 1,10 bis 1,11 Dollar hinausgehen würde.

          Nicht so ganz überraschend ist der November aber auch der Vorbote des Dezembers und damit der von Freude und Hoffnung geprägten Advents- und Weihnachtszeit. Wollen wir also hoffen, dass der Euro bessere Karten hat, als es seine Charts nahelegen. Anders als so viele andere Abschiede wäre der Abschied von einem starken Euro nicht gottgewollt, sondern ausschließlich von Europa verbockt.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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