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Edelmetall-Fälschungen : Der Goldbarren-Skandal

In Berlin haben Kriminalbeamte vier Tonnen angebliches Gold sichergestellt. In den Barren steckte zum Teil billiges Füllmaterial. Bild: dpa

Knapp 6000 Anleger aus ganz Deutschland haben bei einer Organisation namens BWF-Stiftung ihr Erspartes in Gold investiert. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ein großer Teil der vier Tonnen Gold war offenbar nicht echt.

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          Es war ausgerechnet der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, mit dessen über alle Zweifel erhabener Autorität deutsche Kleinanleger in dubiose Gold-Investments getrieben werden sollten. Im Internet warb eine Organisation namens Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung („BWF-Stiftung“) bis vor kurzem in ihrem Blog für ihre umstrittenen Anlageprodukte mit einem Zitat des Bundesbankpräsidenten: „Die Geschichte des Papiergeldes ist leider immer wieder auch eine Geschichte der Geldentwertung“, wird Weidmann dort aus einer Rede zitiert. „Eine Notenbank kann Geld quasi aus dem Nichts schaffen. Diese Möglichkeit ist immer mit der Versuchung verbunden, Finanzierungsprobleme des Staates durch Drucken von Geld zu überwinden.“

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bedeutungsschwere Sätze, die den Nerv vieler Deutscher treffen: Die Sorge um die Zukunft des Euros, die Angst vor einer Geldentwertung und der Ärger über die Niedrigzinsphase gehören derzeit zu den kollektiven Grundbefindlichkeiten der Nation. Ausgerechnet diese Ängste machte sich die sogenannte BWF-Stiftung für ihre Geschäfte zunutze. Seit 2011 sammelte sie bundesweit Geld mit dem Versprechen ein, es in Gold anzulegen. Doch gegen die Verantwortlichen ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: Untreue und gewerbsmäßiger Anlagenbetrug.

          Bewahrheiten sich die Vermutungen, könnte sich der Fall zu einem der größten Finanzskandale mit Gold in der Geschichte der Bundesrepublik entwickeln. Knapp 6000 Anleger folgten dem Werben der Berliner und unterzeichneten rund 6200 Verträge. Sie investierten jeweils zwischen 5000 und 140.000 Euro. Insgesamt soll es um rund 57 Millionen Euro gehen. Doch keiner der Anleger weiß im Augenblick, ob und wann er sein Geld jemals zurücksieht. Zumindest nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen bestand nämlich ein großer Teil der Goldbarren dieser Organisation nicht aus Gold.

          In einer spektakulären Razzia mit 120 Beamten haben die Ermittlungsbehörden die Geschäftsräume der Organisation und von Verantwortlichen in Berlin und Köln durchsuchen lassen. Unter einem Privathaus im Berliner Stadtteil Zehlendorf öffneten sie den Hochsicherheitstresor, in dem sich unter anderem das Gold der Anleger befinden sollte. Dort fanden die Beamten, noch mal verpackt in kleinere Tresore, auch tatsächlich zuhauf „goldfarbene Gegenstände aus Metall“, wie es heißt.

          Diese vermeintlichen Barren hatten Zahlen mit Gewichtsangaben eingeprägt. Zum Teil handelte es sich um Stücklungen zu 50 oder 100 Gramm. Einige sahen aus wie Schokoladentafeln mit vielen einzelnen Stückchen zum Abbrechen. Zu den größten Objekten sollen Fünf-Kilo-Barren gehört haben. Alles in allem hätte es sich den Prägungen zufolge um rund vier Tonnen Gold im Wert von mehr als 140 Millionen Euro handeln sollen.

          Zu gut, um wahr zu sein

          Doch schon eine erste Prüfung der Ermittlungsbehörden ergab: Zumindest nicht alle Goldbarren sind echt. Es besteht sogar der Verdacht, dass es sich bei einem Großteil der gefundenen „goldfarbenen Gegenstände“ nicht um echte Goldbarren handelt. Die Staatsanwaltschaft berichtet beispielsweise von angeblichen Fünf-Kilo-Barren, die nur 2,1 Kilogramm schwer waren; unter einer dünnen Goldschicht habe sich billiges Füllmaterial befunden. Angeblich sollen sogar goldfarbene Souvenires dabei gewesen sein, die aussehen wie Goldbarren und die man als Flaschenöffner benutzen kann. Es gibt so was zum Beispiel in Andenkengeschäften in der Schweiz zu kaufen.

          Eine genaue Materialanalyse mit Wiegen, Dichte-Bestimmen, Röntgen oder Aufbohren ist angesichts der Vielzahl der Einzelteile offenbar relativ aufwendig und zumindest noch nicht abschließend erfolgt. Auf jeden Fall wurde das echte und unechte Gold von den Behörden sichergestellt und landete - Ironie der Geschichte - ausgerechnet in einem Tresor von Bundesbankpräsident Jens Weidmann, wo es nun aus Sicherheitsgründen verwahrt wird, bis alles geklärt ist.

          Erstaunlich ist, wie es der BWF-Stiftung gelang, so viele Anleger von ihrem Angebot zu überzeugen, ohne aufzufliegen. „Das Angebot klang einfach zu gut, um wahr zu sein“, sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Klaus Nieding, der geschädigte Anleger vertritt. Die BWF warb nicht nur mit einer günstigen Geldanlage (keine Abschlusskosten, keine Gebühren für die Lagerung des Goldes). Selbst für das lästige Problem, dass eine Investition in Gold keine Zinsen bringt und der Goldpreis dauernd schwankt, hatten die Berliner eine verlockende Lösung anzubieten.

          Ihr Anlagemodell sah vor, dass der Anleger bei ihr Geld einzahlt und dafür Gold erwirbt. Das konnte er sich dann schicken lassen und „unter die Matratze legen“, wie es hieß (eine Option, die aber wohl keine rechte Empfehlung war). Oder aber, er lässt es in den Berliner Tresoren und überlässt es der Organisation im Rahmen eines sogenannten Sachdarlehens. Die Berliner sollten dann weiter damit Handel betreiben dürfen. Dafür boten sie im Gegenzug an, nach einem festlegten Zeitraum (zwei, vier oder acht Jahre) dem Anleger eine größere Menge Gold zurückzuerstatten, als sie sich zuvor geliehen hatten. Im ersten bis vierten Jahr sollte es vier Prozent geben, im fünften bis achten Jahr fünf Prozent und im neunten bis zwölften Jahr jährlich 6,5 Prozent.

          Dazu gab es eine Garantie: Wenn jemand sein Gold später wieder an die Organisation verkauft, sollte er einen Mindestpreis bekommen, der sich noch erhöht, wenn der Goldpreis in der Zwischenzeit merklich steigt. Maßstab dafür sollte das „London Fixing“ sein, die tägliche Feststellung des Goldpreises durch Banken in London. Wenn der Kurs des Goldes dort stark steigt, so sollte der Anleger 25 Prozent des Preisanstiegs zusätzlich zu seinem garantierten Mindestpreis bekommen, hieß es.

          Eine anonyme Anzeige bei der Bafin ließ den Betrug auffliegen

          Klang das nicht klasse? Aber wie wollten die Berliner diese garantierte Gold-Rendite finanzieren? Die BWF-Stiftung argumentierte, sie sei nicht nur im Anlagegeschäft tätig, sondern versorge auch Juweliere, die von ihr abhängig seien, mit Gold für deren Schmuckfertigung. Die Juweliere kämen oft nicht schnell genug an eine ausreichende Menge von Gold, weil die Scheideanstalten und Raffinerien mehr als ausgelastet seien und Wartezeiten hätten. Und mit den Gewinnen aus diesem Geschäft könne man die Goldbesitzer problemlos dafür schadlos halten, dass sie ihnen ihr Gold vorübergehend zur Nutzung überließen.

          Auch eine andere Zusicherung erschien vielen Anlegern sehr sympathisch: Das Gold, das bei der Stiftung eingelagert werde, stelle ein „Sondervermögen“ da, hieß es. Das kennen Anleger von Fonds bei den Banken: Dort wird immer damit geworben, dass diese Fonds und die darin enthaltenen Aktien den Anlegern gehören - und selbst bei einer Pleite der Bank vor dem Zugriff der Gläubiger und des Insolvenzverwalters geschützt seien. Es klang zumindest plausibel, dass das bei Goldbarren in einem Tresor auch so sein könnte.

          Zwischenzeitlich trieben es die Leute von der BWF-Stiftung ganz schön bunt. Unter anderem ließen sie noch im November vergangenen Jahres Pressemitteilungen an Zeitungen verschicken, in denen sie mit Tipps und Ratschlägen rund ums Gold für ihr Angebot warben. Dort gab es zum Beispiel Empfehlungen, wie jemand aus einem Computer das Altgold von den Platinen herauslösen könne („Elektroschrott einlegen, umrühren und abwarten“) oder wie man mit Blattgold einfach Gebäck und Süßigkeiten dekorieren könne.

          Geplatzt ist das Ganze offenbar durch eine anonyme Anzeige bei der Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Die Bafin hat die Geschäfte unterbunden, setzte einen Abwickler ein und informierte die Staatsanwaltschaft wegen der strafrechtlichen Aspekte, wie eine Sprecherin sagte. Und zwar anfangs gar nicht, weil man Zweifel an der Echtheit der Goldbarren hatte. Sondern weil die Finanzaufsicht die Auffassung vertrat, es handele sich bei diesen Geschäften in Wirklichkeit um sogenannte Einlagengeschäfte, wie sie Banken betreiben. Und für die braucht man eine Erlaubnis, die der Organisation fehlte.

          Schließlich vertrauten die Sparer den Gold-Leuten ihr Geld an und bekamen irgendwann eine garantierte Summe zurück, sogar noch mit einer Rendite. Das sei im Grunde nichts anderes als ein Einlagengeschäft. „Einlagengeschäfte, wie sie auch Banken betreiben, zeichnen sich dadurch aus, dass es ein unbedingtes Rückzahlversprechen gibt“, sagte eine Bafin-Sprecherin. Die Gold-Vermittler selbst sahen das anders - konnten sich damit aber nicht durchsetzen.

          Wie dem auch sei: Der Frankfurter Rechtsanwalt Georg Bernsau wurde von der Aufsicht zum Abwickler dieser ganzen Goldgeschäfte bestellt. Eigentlich sollte er nur dafür sorgen, dass das Gold verkauft wird und jeder Anleger sein Geld zurückerhält. Weil es jetzt aber offenbar viel weniger echtes Gold als Ansprüche von Anlegern gibt, wird das schwierig. Seine Arbeit ist deshalb jetzt in einem Insolvenzverfahren gemündet. Die BWF-Stiftung selbst hatte nämlich, aufgrund einer ungewöhnlichen rechtlichen Konstruktion, gar keine eigene Rechtspersönlichkeit als Stiftung, sondern agierte lediglich als unselbständige Stiftung in der Trägerschaft eines Vereins namens „Bund deutscher Treuhandstiftungen“ mit Sitz in Köln.

          Dieser Verein wiederum, mit dem die Anleger die Verträge- rechtlich gesehen- abgeschlossen haben, befindet sich nun im vorläufigen Insolvenzverfahren. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Christian Graf Brockdorff aus Potsdam bestellt, ein Kollege des Stiftungs-Abwicklers Bernsau aus der Sozietät BBL. Das eigentliche Insolvenzverfahren soll voraussichtlich um den 1. Mai herum eröffnet werden.

          Verunsicherte Anleger lassen sich leichter betrügen

          Was können Anleger nun machen, die betroffen sind? Insolvenzverwalter Graf Brockdorff hat gerade alle ihm bekannten Kunden der BWF-Stiftung angeschrieben, ihnen die Zusammenhänge, soweit bekannt erklärt, und sie um Geduld gebeten. Wenn das eigentliche Insolvenzverfahren eröffnet wird, sollen sie ihre Ansprüche anmelden. Dann muss untersucht werden, was überhaupt an Vermögen da ist, wie viel Gold echt ist und wem das gehört. Unklar ist auch noch, ob die Goldbarren tatsächlich ein Sondervermögen darstellen, das bei der Insolvenz ausgesondert werden kann, wie es die Stiftung suggeriert hatte. Das alles kann dauern. „Wir können den Anlegern wenig Hoffnung machen, dass sie schnell an ihr Geld kommen“, sagt Rechtsanwalt Bernsau.

          Zwei weitere Möglichkeiten für Anleger, an Geld zu kommen, wären denkbar, meint Anlegeranwalt Klaus Nieding: Sie könnten sich an die Vermittler und Versicherungsvertreter halten, die ihnen die Anlagen vermittelt haben. Mussten nicht zumindest diese Profis erkennen, dass die ganze Sache problematisch war? Könnte womöglich deren Versicherung für einen Schaden einspringen?

          Denkbar wäre außerdem, die Hintermänner der BWF-Stiftung zu verklagen, sofern diese Zusammenhänge ganz genau aufgeklärt werden und das Geld nicht längst beiseitegeschafft wurde. Die Staatsanwaltschaft in Berlin jedenfalls spricht im Zusammenhang mit ihren Ermittlungen bislang von zehn Beschuldigten, von denen sich allerdings keiner in Untersuchungshaft befinden soll.

          Bei der Finanzaufsicht Bafin jedenfalls nimmt man den Fall auch zum Anlass, besonders aufmerksam zu sein, ob es womöglich weitere Fälle wie diesen gibt. Schließlich haben die Niedrigzinsphase und die Sorge über die Zukunft des Euros viele Anleger verunsichert, das erhöht die Gefahr, dass Anleger Opfer unseriöser Anlagevermittler werden. Misstrauisch sollten Sparer auf jeden Fall immer werden, wenn jemand ihnen eine hohe Rendite ohne jedes Risiko verspricht: Das gibt es leider nicht.

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