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Diamanten : Dramatischer Einbruch der Nachfrage

  • -Aktualisiert am

Außer Konkurrenz: Der „Lesotho Promise”, einer der größten ungeschliffenen Diamanten der Welt, ist 603 Karat schwer und wird auf 9,8 Millionen Euro geschätzt Bild: AP

Diamanten lassen sich immer weniger verkaufen. Die Rezession schlägt mit voller Wucht auf die einst strahlende Branche durch. Die Furcht vor einem Absturz ist so groß, dass sich die Händler sogar zu einem Krisentreffen in Antwerpen einfanden.

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          Auf den Finanzmärkten bleibt derzeit kein Segment von den Folgen der Kreditklemme der Banken und der sich weltweit abzeichnenden Rezession verschont. Selbst der Markt für Diamanten erlebt schwere Zeiten. Im Oktober wurde die Branche von einem dramatischen Nachfrageeinbruch erschüttert, nachdem der Handel gerade erst von dem höheren Lebensstandard in Indien, Russland und China profitiert hatte.

          Die Furcht unter den Marktakteuren ist so groß, dass sie sich kürzlich in Antwerpen, dem europäischen Zentrum des Diamantenhandels, zu einem Krisentreffen versammelt hatten und über Produktionskürzungen, den Aufbau von Lagerbeständen, Preisnachlässen, verstärkte Marketingkampagnen und die ersten Insolvenzen in der Branche berieten.

          Von zwei Seiten in der Zange

          Das Problem ist, dass die Branche derzeit von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Zum einen drosseln die Banken ihre Kredite an die Großhändler, die Rohdiamanten normalerweise auf Kredit kaufen und verkaufen; die Kreditklemme schlägt jetzt also auch auf den Diamantenhandel durch. Zum anderen kann sich die Branche jetzt schon ausrechnen, dass weltweit die Nachfrage der Verbraucher nach Diamanten drastisch sinken wird. Schätzungen aus Antwerpen besagen, dass der Absatz von Diamanten im kommenden Jahr um 15 Prozent in Nordamerika, um 10 Prozent in Europa und um 5 Prozent in Japan fallen werde - unabhängig von einer ebenfalls schwächeren Nachfrage in China und Russland.

          Ein dramatischer Einbruch der Nachfrage lässt die Preise für Diamanten fallen: Arbeiter einer Handelsgesellschaft in Botswana beim Sortieren

          Im Oktober war es mit der bisher glänzenden Zeit des Diamantenhandels daher vorbei: Nach Angaben des Antwerpener Diamantenzentrums (AWDC) brach der Export von polierten Steinen aus dem europäischen Diamantenzentrum dem Volumen nach im Monatsverlauf um knapp 13 Prozent ein; der Import polierter Steine ging gleichzeitig dem Volumen nach gar um 53,29 Prozent zurück. Der Branchen-Informationsdienst Polishedprices.com warnte in seinem jüngsten Marktbericht, dass der Handel in polierten Steinen mittlerweile praktisch eingefroren sei.

          Druck auf Minengesellschaften

          Die Branche reagiert mit erheblichem Druck auf die Minengesellschaften, ihre Produktion von Rohdiamanten zu kürzen oder zumindest keine weiteren Rohdiamanten mehr auf den Markt zu geben, um drastische Preisnachlässe am Markt zu vermeiden. De Beers hat schon angekündigt, die Produktion in seinen beiden neuen kanadischen Minen um 10 bis 20 Prozent zu drosseln. Sergey Vybornov, der Präsident der größten russischen Diamantenmine Alrosa, sagte kürzlich, die Gesellschaft werde prüfen, ob die Produktion um bis zu 40 Prozent gesenkt werde.

          Der Export von Rohdiamanten über Antwerpen brach im Oktober um 44 Prozent dem Volumen nach ein; der Import ging um 35 Prozent in die Knie. Indiens Staatsgesellschaft, die für den Im- und Export von Diamanten zuständig ist, die Gem and Jewellery Export Promotion Council (GJEPC), hat bekanntgegeben, dass das Land vom kommenden Dienstag an sämtliche Einfuhren von Rohdiamanten für zunächst einen Monat einstellen wird, um den Markt vor einer dramatischen Krise zu bewahren.

          Schließlich stehen in den indischen Schleifzentren für Diamanten 800.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. „Die Situation am Markt ist alarmierend“, sagte Vasant Mehta, Chef der GJEPC. In die gleiche Richtung geht eine Äußerung von Freddy Hannard, Chef des Antwerpener Diamantenzentrums: „Die Marktsituation ist ohne bisherigen Vergleich; wir sind mitten in der Krise.“ Das Gefährlichste sei, dass dem Markt die Zuversicht fehle.

          De Beers versucht den Markt zu steuern

          Die Diamantenproduktion wird von wenigen Großproduzenten wie De Beers und Alrosa dominiert, die über Lagerhaltung und Vermarktung versuchen, die Preise am Markt zu steuern. Anders als bei anderen Rohstoffen hat die Finanzkrise daher nicht zu einem Kollaps der Preise geführt wie zum Beispiel bei Platin. Aber im Oktober lag der Hauptindex für Diamantenpreise, gemessen an dem von ABN Amro unterstützten Index von Polishedprices, bei polierten Diamanten um 10,8 Prozent unter dem Rekord von August und um 6,1 Prozent unter dem Vorjahrespreis.

          Die Preisrückgänge hätten im Oktober sämtliche Wertskalen betroffen: auch werthaltige, größere Steine, die Anfang Oktober sogar noch im Wert gestiegen seien, dann aber stark verloren. Preise für Diamanten von 0,5 Karat liegen bei schönen Schmucksteinen um 16 Prozent unter Vorjahreswert und bei Industriediamanten um 10 Prozent unter Vorjahreswert.

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