https://www.faz.net/-gv6-qt93

Devisenstrategie : Am Devisenmarkt entscheiden die Zinserwartungen

  • Aktualisiert am

Bild: IMF, Haver, DB Global Markets Research

Zeigte sich der Dollar im vergangenen Jahr relativ robust gegen Abwertungstendenzen, so kam er in den vergangenen Wochen deutlich unter Druck. Sollte der Zinsvorteil abnehmen, dürften die strukturellen Defizite der Währung durchschlagen.

          Die Prognose von Wechselkursen ist alles andere als einfach, da fundamentale Entwicklungen immer wieder überlagert werden können von den Strömungen an den Kapitalmärkten.

          So zeigte sich der Dollar 2005 gegen viele Währungen relativ robust, obwohl viele makroökonomische Gründe eigentlich dagegen sprechen würden. Sie reichen vom riesigen, bisher im Trend zunehmenden Leistungsbilanzdefizit des Landes - es setzt den Nettoimport von 3,2 Milliarden Dollar an fremdem Kapital an jedem Arbeitstag des Jahres voraus -, über den Konsumwahn, die ungesunde Entwicklung im Häusermarkt, die mangelhafte Wettbewerbsfähigkeit in vielen Bereichen bis hin zum abnehmenden Vertrauen in die inflationär zunehmende Geldmenge des Landes.

          Der Dollar konnte eine gewisse Zeit vom zunehmenden Zinsvorsprung profitieren...

          Auf der anderen Seite konnte die Währung eine gewisse Zeit von den steigenden Zinsen am kurzen Ende und der zunehmenden Zinsdifferenz profitieren, da Staaten wie Japan, die Schweiz und bedingt auch Europa ihre Zinsen nur leicht anhoben, wenn überhaupt. Diese Divergenz führte zusammen mit den flachen Zinskurven und niedrigen Volatilitäten zu den so genannten Carry Trades. So nennt man die Kreditaufnahme in einer Region mit geringen Zinsen und die Wiederanlage der Mittel in einer höher verzinslichen Währung oder an den internationalen Börsen.

          Die dadurch ausgelösten Geldströme sorgten für die Aufwertung oder zumindest für die Stabilisierung hochverzinslicher Währungen, während niedrig verzinsliche in die Defensive gerieten. Es fragt sich allerdings, wie lange solche Konstellationen aufrecht erhalten werden können. Immerhin zeichnet sich in den Vereinigten Staaten durch die Korrektur der Hauspreisblase und den dadurch induzierten negativen Wirtschaftsmultiplikator eine deutliche konjunkturelle Abschwächung ab. Sie könnte die amerikanische Zentralbank trotz der anhaltend hohen Geldmenge bald zu deutlichen Zinssenkungen zwingen.

          In diesem Fall würde jedoch nicht nur der Zinsvorteil schwinden und viele Marktteilnehmer zu einer Auflösung der bisher noch bestehenden Carry Trades zwingen, sondern die dadurch ausgelöste Schwäche der Währung könnte auch über die Importpreisschiene zu unangenehmen Überraschungen bei der Preisentwicklung in Amerika führen.

          Das ist jedoch nicht alles. Denn die bisherige Abwertung des Dollars hat nicht dazu geführt, daß sich die internationalen Handelsungleichgewichte auch nur in Ansätzen normalisiert hätten. Asien und die Ölstaaten verbuchen massive Leistungsbilanzüberschüsse und horten immer rasanter wachsende Währungsreserven, während vor allem die Vereinigten Staaten Defizite erwirtschaften. Die Währungsreserven führen in den Überschußländern zu inflationären Problemen, während gleichzeitig die Wechselkursrisiken immer größer werden. Aus diesem Grund dürften diese Länder immer mehr dazu übergehen, neu hereinkommende Mittel in andere Währungen oder gar in reale Investments zu diversifizieren. Auch das dürfte zu einem gewissen Abwertungsdruck auf den Dollar führen.

          ... fragt sich nur, wie sich die Zinsdifferenzen künftig entwickeln werden

          Auf der anderen Seite stehen die Überschußländer, deren Währungen aufgrund der Handelsströme eigentlich deutlich aufwerten müßten. Allerdings wird dasvielfach verhindert, da die Kursentwicklung nicht frei vom Markt bestimmt wird. So werden bisher die zunehmenden Reserven stark in amerikanische und europäische Rentenpapiere investiert und auf diese Weise dort die Renditen niedrig gehalten. Niedrige Renditen lassen über den Diskontierungsmechanismus die Gewinnströme von günstig refinanzierten Unternehmen attraktiv aussehen und führen auf diesem Weg zu boomenden Börsen.

          Dieses „Perpetuum Mobile“ schiene sich beinahe unendlich fortsetzen zu lassen, gäbe es nicht die Ungleichgewichte und eine gewisse asymmetrische Entwicklung, die beispielsweise den Euro gegen den Yen immer überbewerteter macht. Früher oder später dürften solche Entwicklung entweder zu protektionistischen Strömungen mit verheerenden Folgen führen oder zu einer Verschärfung der kompetitiven Abwertungsbemühungen, wie sie jetzt schon weltweit zu beobachten sind. Die Geldmengen wachsen global trotz aller „restriktiven Rhetorik“ weiterhin rasant, und die Kreditvergabe der Banken scheint sich nicht mehr von den Zentralbanken beeinflussen zu lassen, zumindest nicht über den Leitzins. Dies zeigt zum Beispiel eine aktuelle Studie der Deutschen Bank (siehe Grafiken).

          Insgesamt dürfte die Wechselkursentwicklung kurz bis mittelfristig bei einem anhaltend robusten Umfeld mit hoher Risikoneigung der Anleger von den Zinsdifferenzen bestimmt werden. Unter diesem Gesichtspunkt dürften der amerikanische Häusermarkt und die möglichen negativen Wachstumsfolgen ein gewisses Risiko für den Dollar darstellen. Gerade anders herum sähe es aus, wenn die amerikanische Zentralbank zu restriktiveren Maßnahmen greifen würde. Alleine eine sich verdichtende Vermutung könnte den Dollar aufgrund der einseitigen Marktmeinung - fast jeder erwartet eine weitere Dollarabwertung - zumindest kurzfristig nach oben laufen lassen.

          Weitere Themen

          Fed am Wendepunkt

          Zinssenkung erwartet : Fed am Wendepunkt

          Alle rechnen heute Abend mit einer Zinssenkung der amerikanischen Notenbank. Mit Spannung erwarten sie die Lageeinschätzung des Präsidenten Jerome Powell. Der allerdings steht unter Druck – Trump wirft ihm Ahnungslosigkeit vor.

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.