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Devisenmarkt : Zloty unter „Politikvorbehalt“

  • Aktualisiert am

Zloty-Schein mit Papstbildnis Bild: AFP

Befand sich die polnische Währung lange Zeit in einem Aufwertungstrend gegen den Euro, so hat sich das inzwischen geändert. Kurzfristig steht sie tendenziell unter Druck - politische Turbulenzen lassen grüßen.

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          Nach einer eindeutigen Abwertungsphase in den Jahren 2001 bis auf einen Kurs von 4,9030 Zloty je Euro im Februar des Jahres 2004 wechselte die polnische Währung den Trend und wertete in einem beinahe ebenso eindeutigen Trend bis auf ein Kurstief oder Bewertungshoch von 3,76 Zloty je Euro im Februar des laufenden Jahres auf.

          Seitdem jedoch konsolidiert die Währung auf dem erreichen Niveau und mit einer gewissen Volatilität. Langfristig betrachtet hat die Währung den Aufwertungstrend längst gebrochen, mittelfristig betrachtet tendieren die Kurstiefs nach oben. Das deutet zumindest aus technischer Sicht eher auf eine gewisse Schwäche, denn auf einen weiteren Aufwertungsschub hin. Am Mittwoch verliert sie 207 Stellen auf 3,9763 Zloty je Euro.

          Selektive Konsolidierung an den Finanzmärkten und politische Unsicherheiten

          Im Hintergrund steht einerseits eine gewisse Konsolidierung der Finanzmärkte in den Schwellen- und den EU-Beitrittsländern. Letztere hatten in den vergangenen Jahren aufgrund der Suche der internationalen Anleger nach Rendite, aufgrund der hohen Risikoneigung und nicht zuletzt auch aufgrund eines gewissen Zinsvorsprungs und des durch die Vorbereitung auf den EU-Beitritt ausgelösten Wachstums in Verbindung mit einer optimistischeren Wahrnehmung einen wahren Run erlebt.

          Die Mittelzuflüsse - in Form von Direkt- oder Finanzinvestitionen - ließen auch die Währungen aufwerten. So konnten internationale Anleger lange Zeit gleichzeitig von steigenden Kursen an den Börsen und Rentenmärkten und auch von einer sich verbessernden Währungsrelation profitieren. Zumindest mit Blick auf die Währung ist das inzwischen vielfach zu einem Stillstand gekommen. Auch in Polen.

          Dafür sind unter anderem die politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit verantwortlich. In Ungarn kam es in jüngster Zeit sogar zu Unruhen, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die finanzpolitische Lage des Landes deutlich kritischer ist als es nach außen dargestellt und vielfach auch wahrgenommen wurde. Auch in Polen ist die politische Lage instabil geworden, da die Regierung nicht in der Lage zu sein scheint, eine Mehrheit für notwendige Strukturreformen und Sparmaßnahmen erreichen zu können.

          Die Regierungskrise in Polen macht eine Neuwahl immer wahrscheinlicher. Die Bauernpartei PSL lehnte am Mittwoch Koalitionsgespräche mit der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski ab, nachdem Berichte über Korruption und Stimmenkauf aufkamen. Der Fernsehsender TVN hatte am Dienstagabend Bilder veröffentlicht, auf denen ein Vertrauter Kaczynskis einem Abgeordneten von dessen früherem Koalitionspartner, der Partei Selbstverteidigung der Republik, einen hohen Regierungsposten und finanzielle Unterstützung anbot, sollte er zur PiS wechseln.

          Beachtliches Wachstum und interessante Bewertung

          Die PSL sagte daraufhin für Mittwoch geplante Verhandlungen mit der PiS ab. „Das ist schlicht Korruption“, sagte Parteimitglied Jaroslaw Kalinowski am Morgen dem Radiosender Tok FM. Auch andere Oppositionsparteien verurteilten den mutmaßlichen Stimmenkauf. Staatspräsident Lech Kaczynski - Zwillingsbruder des Regierungschefs - hatte am Freitag den stellvertretenden Regierungschef Andrzej Lepper entlassen. Damit riskiert die von der PiS geführte Regierungskoalition den Verlust von 46 Stimmen der Abgeordneten von Leppers Partei „Selbstverteidigung der Republik“ und damit auch den Verlust der Mehrheit im Sejm. Bei erfolgreichen Verhandlungen mit der Bauernpartei hätte die PiS die Unterstützung von 25 Abgeordneten gewonnen. Sie will nur dann eine Neuwahl, wenn sie sich im Parlament keine Mehrheit mehr sichern kann.

          So dürfte es kaum verwundern, daß die polnische Währung kurzfristig unter Druck bleibt und der Kurs nach oben tendiert. Auf der anderen Seite steht jedoch ein beachtliches Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent auf Jahresbasis im zweiten Quartal, ein rekordtiefer Leitzins von vier Prozent, eine sehr vernünftigen Bewertung der Aktien - das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 12,8 auf Basis der Gewinnschätzungen - und nicht zuletzt auch ein Renditevorsprung der Staatsanleihen von 1,78 Prozentpunkten bei einer Laufzeit von zehn Jahren. Das dürfte die Finanzmärkte des Landes im Falle einer politischen Stabilisierung und bei einem anhaltend freundlichen weltwirtschaftlichen Umfeld mittelfristig interessant machen können und möglicherweise auch wieder die Währung beflügeln.

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