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Devisenmarkt : Wenig Aussichten auf neuen Schwung für Brasiliens Real

  • Aktualisiert am

Auch dem Flugzeugbauer Embraer würde ein schwächerer Real nützen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Gleich um 75 Basispunkte senkte Brasiliens Notenbank am Donnerstag die Leitzinsen. der Real reagierte kaum, denn dies war erwartet worden. Langfristig aber dürfte der Abwertungsdruck steigen.

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          Brasilien hat das Tempo der Zinssenkungen beschleunigt, um dem Wirtschaftswachstum in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas unter die Arme zu greifen. Die Bacen, die Notenbank des Landes, hat am Mittwoch den Leitzins, wie von Volkswirten erwartet, um 0,75 Prozentpunkte gesenkt.

          Damit ist der Leitzins auf ein 13-Monatstief von 17,25 Prozent gefallen. Jose Carlos de Faria, Volkswirt bei der Deutschen Bank in Sao Paulo, sieht den Grund für die aggressive Lockerung der Geldpolitik in einer Abschwächung der Wachstumsdynamik des Landes. „Wir sehen weiterhin Anzeichen, daß die Wirtschaftsaktivität schwächer ist als erwartet ist“, sagt Faria. „Daher besteht Spielraum für größere Zinssenkungen.“

          Sorgen um die Industrieproduktion

          Die letzten drei Male hatten die Währungshüter die Zinsschraube lediglich um einen halben Prozentpunkt gelockert. Anlaß für die einstimmige Entscheidung war, daß die Daten zur Industrieproduktion im November schwächer als erwartet ausfielen. Volkswirte hatten laut der Finanznachrichtenagentur Bloomberg im Mittel mit einem Anstieg von zwei Prozent gerechnet - doch tatsächlich waren es nur 0,6 Prozent.

          Bild: FAZ.NET

          Daß es sich nicht um einen einmaligen Einbruch handelt, zeigt die Tatsache, daß sich die Steigerungsrate in den fünf Monaten bis Dezember nur auf ein Prozent und damit lediglich auf ein Fünftel des Durchschnitts der vorangegangen fünf Monate belief. Konsequent hat Faria seine Schätzung für das Wirtschaftswachstum 2005 von 2,5 Prozent auf 2,2 Prozent gesenkt. Das bedeutet für das Land am Zuckerhut einen herben Einbruch gegenüber dem Vorjahr, als die Wirtschaft noch um 4,9 Prozent zulegte.

          Schuld am Einbruch ist nicht zuletzt der Real. Unter dem Druck einer steigenden Inflation hatten die Währungshüter bis September die Zinsen neun Mal erhöht. Dies löste einen Run auf den Real aus. Seit Mai 2004 hat die brasilianische Währung 38 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar gewonnen, seit Mai diesen Jahres allein 24 Prozent.

          Aufwertungsdruck läßt nur langsam nach

          Seit September versucht die Notenbank daher den Real wieder zu drücken, zumal ihr eine mit 5,7 Prozent gegenüber 8,1 Prozent im April deutlich niedrigere Inflationsrate Spielraum verschaffte. Mittlerweile wurden die Zinsen nicht nur viermal gesenkt, auch am Devisenmarkt selbst hat die Bacen bereits mehrfach interveniert und Dollar angekauft.

          Brasilien macht damit Anstalten, auf eine „Beggar-thy-neighbour“-Politik einzuschwenken, wie sie viele asiatische Staaten schon längere Zeit betreiben (Aufwertung asiatischer Währungen läßt sich hinterfragen). Indes hat das Land noch einen weiten Weg vor sich. Selbst nach nunmehr vier Zinssenkungen hat Brasilien mit 17,25 Prozent immer noch mit die höchsten Leitzinsen weltweit und auch die Devisenmarktinterventionen zeigen bislang nur schwache Reaktionen. Am Mittwoch gab der Real gegenüber dem Dollar nur 0,6 Prozent auf 2,3165 Real je Dollar nach.

          Der Umkehrprozeß hat bislang auch nur langsam eingesetzt. Zwar ist der Dollarkurs seit dem Novemberhoch, als der Dollar nur rund 2,16 Real kostete, um über sieben Prozent gestiegen. Doch die Abwertungsbewegung im Dezember hielt zunächst nicht und auch jetzt ist noch kein eindeutiger Abwertungstrend zu erkennen.

          Die Wirtschaft will stärkere Zinssenkungen

          Der Grund, warum sich viele Anleger noch immer entspannt zurücklehnen, mag darin zu suchen sein, daß die Realzinsen noch nicht wirklich gesunken sind. Außerdem mag mancher darauf spekuliert haben, daß sich der Zinssenkungszyklus von selbst verlangsamt, da der geldpolitische Rat der Bacen künftig nur noch acht- satt wie früher zwölfmal pro Jahr zusammentreten wird. Indes ist dieser Spekulation der Wind aus den Segeln genommen, wenn dafür künftige Zinssenkungen ebenso wie die jüngste höher ausfallen als bislang.

          Und die ortsansässige Wirtschaft drängt auf weitere kräftige Zinssenkungen. „Brasilien braucht so hohe Zinsen nicht.“, sagt Geraldo Barbosa, Vorstandsvorsitzender der brasilianischen Tochtergesellschaft von Becton, Dickinson & Co., dem weltgrößten Hersteller von Injektionsspritzen und droht auf den Bau einer dritten Produktionsstätte in Brasilien zu verzichten, da die Nachfrage unter den hohen Zinsen leide.

          Auch die schwedische SKF, der weltgrößte Hersteller von Kugellagern, hofft, daß mit den Zinssenkungen auch die Kreditzinsen in Brasilien zurückgehen. „Das würde dem Konsum einen Schub geben“, sagt Donizete Santos, Vorstandsvorsitzender der brasilianischen Tochtergesellschaft von SKF in Sao Paulo. „Die Leute haben Inspektion ihrer Autos verschoben, weil sie kein Geld hatten.“ Er hofft jetzt auf 15 Prozent mehr Umsatz in dem südamerikanischen Land.

          Aufwertungstrend hat deutlich an Kraft verloren

          Ökonomen erwarten, daß die Zentralbank bis Jahresende den Leitzins auf 15 Prozent senkt, lautete die Medianprognose in einer Umfrage der Notenbank unter 100 Finanzinstituten. Sie rechnen auch mit einer höheren Wachstumsrate von 3,5 Prozent in diesem Jahr.

          Auch wenn der langfristige Aufwertungstrend des Reals noch nicht ernsthaft Schaden genommen hat - nachdem für eine Abwertung die Grundlagen geschaffen wurden hat der Aufwertungstrend die Basis und schon jetzt an Dynamik verloren. Und allem Anschein nach wird es in diesem Jahr nicht besser werden, so daß sich stärkerer Abwertungsdruck aufbauen könnte. Bestenfalls ist unter diesen Umständen mit einer Stabilisierung des Kurses auf dem derzeitigen Niveau zu rechnen.

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