https://www.faz.net/-gv6-7lv2r

Devisenmarkt : Wackelkandidat Forint

Ungarn geht ungewöhnliche Wege (hier unter der Kettenbrücke) Bild: REUTERS

Die Situation der Währungen der Schwellenländer hat sich am Donnerstag entspannt. Schwächer tendiert weiter der ungarische Forint, nachdem die Zentralbank keine Anstalten macht, ihn zu verteidigen.

          2 Min.

          Die kritische Lage der Währungen der Schwellenländer hat sich am Donnerstag wieder etwas beruhigt. Der Kurs der türkischen Lira liegt mit 3,08 Lira für den Euro derzeit auf dem Niveau des vergangenen Dienstags, bevor die türkische Zentralbank eine radikale Anhebung der Zinsen beschloss, um dem Abfluss von Kapital und dem damit einhergehenden Druck auf den Wechselkurs Herr zu werden.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch der Kurs des südafrikanische Rand, der am Vormittag mit 11,38 Rand je Dollar noch den niedrigsten Stand seit fünf Jahren erreicht hatte, hat sich mittlerweile etwas stabilisiert. Das gilt auch für den russischen Rubel, der am Vormittag noch den niedrigsten Stand gegenüber dem Euro verzeichnete und seitdem wieder deutlich aufgewertet hat.

          Auch der ungarische Forint kam von seinem 12-Monats-Tiefstkurs bei 312,18 Forint für den Euro wieder auf rund 309 Forint zurück, liegt damit aber weiter auf dem deutlich höheren Niveau als es in den Tagen davor noch der Fall war. Sowohl gegenüber dem Euro als auch dem Dollar verzeichnet der Forint in dieser Woche die schwächste Wertentwicklung aller Währungen weltweit. Seit Jahresbeginn wird diese nur von Rand und Rubel sowie dem argentinischen Peso übertroffen.

          Nationalbank schwimmt gegen den Strom

          Nachdem am Vormittag eine Auktion einjähriger Schatzwechsel nur 35 Milliarden Forint und nur 70 Prozent des angestrebten Volumens einbrachte, könnte nach Meinung von Beobachtern eine spekulative Attacke auf die Währung bevorstehen. Wenn es den Hedgefonds gelungen sei, gegen die türkische und die südafrikanische Zentralbank zu punkten, gebe es keinen Grund, warum ihnen das in Ungarn nicht gelingen sollte, sagte Anne Benoit, Strategin bei der Societe Generale der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Die ungarische Magyar Nemzti Bank (MNB) versucht indes weiter gegen den Strom zu schwimmen. Am Mittwoch gab es Signale aus Budapest, dass die Nationalbank ein weiteres Mal die Zinsen senken werde. Es wäre die 18. Zinssenkung innerhalb von wenig mehr als zwei Jahren. Investoren rechnen durchschnittlich mit 0,85 Prozentpunkten, so dass der Leitzins nur noch bei 2 Prozent läge.

          Die MNB vertritt die Ansicht, dass die Inflationsdaten eine weitere Zinssenkung zuließe. Zum Jahresende war die Preissteigerungsrate mit 1,73 Prozent auf ein historisches Tief gefallen. Die Zentralbank hat daher eher Wachstumssorgen. Nach einem Minus von 1,7 Prozent im Jahr 2012 dürfte das Jahr 2013 dies nicht wett gemacht haben. Für 2014 liegt die Prognose mit 1,8 Prozent für ein Schwellenland auch nicht eben hoch. Ungarns Anteil an der Wirtschaftsleistung der EU ist seit 207 von 0,8 auf 0,75 Prozent gefallen. Zusammen mit Slowenien und Kroatien gehört man damit zu den osteuropäischen Mitgliedsländer, die an wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt haben. An diesem  Bedeutungsverlust hat auch die seit 2011 im Amt befindliche umstrittene nationalkonservative Regierung trotz der radikalen Zinssenkungen bisher nichts zu ändern vermocht.

          Dies sei genau die Marktlage, in der übermäßig niedrige Zinsen in Ungarn ein vorauszusehendes Ergebnis haben würden, heißt es von Analysten der Commerzbank. Der Zinssenkungszyklus könne bald vorbei sein.

          Vertrauen auf die Leistungsbilanz

          Unterdessen gibt sich die MNB kämpferisch bis stur. Zentralbankpräsident György Matolcsy weigerte sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg zuletzt, Fragen zur Wechselkursentwicklung zu beantworten. Vizepräsident Ferenc Gerhardt sagte dem Internet-Portal Portfolio.hu, die Zentralbank habe sich bisher noch nicht umfassend mit Wechselkursfragen beschäftigt. Angeblich werde die MNB aber eine Abwertung bis auf 330 Forint tolerieren, das heißt bis auf ein neues Rekordtief.

          Die Zentralbank vertraut dabei auf den Leistungsbilanzüberschuss des Landes, da die bisherigen Sorgen des Marktes immer Ländern mit Defiziten in der Bilanz galt. Der schwache Forint unterstützt tendenziell die Exporte, die laxe Haltung der Notenbank aber lädt zu spekulativen Angriffen ein. Indes ist die Frage, ob es sie geben wird. Ungarn ist aufgrund der nun über Jahre währenden Stagnation deutlich aus dem Fokus der Finanzmärkte geraten. Nicht zuletzt ist es die unorthodoxe Politik der Regierung, die hier abschrecken wirkt, da dieser im Ernstfall jede diskretionäre Maßnahme zuzutrauen ist, die eine Spekulation riskanter macht. Ob diese Politik den Ungarn zugutekommt, ist eine andere Frage.

          Weitere Themen

          Inflationssorgen in London

          Britischer Finanzmarkt : Inflationssorgen in London

          Die Londoner Börse erlebt seit Monaten eine regelrechte Kursrally, doch nun stand eine Korrektur an. Viel hängt derzeit an der Geldpolitik der britischen Regierung.

          Topmeldungen

          Auserzählt und neu in Szene gesetzt: Olaf Scholz

          SPD-Kanzlerkandidat Scholz : Schrei vor Glück?

          Die SPD ist in Umfragen wie festgenagelt. Sie hofft, dass am Ende die Wähler Olaf Scholz als natürlichen Erben der Kanzlerin sehen. Reicht das?

          Politik im Fußball : Wenn der Hass geweckt wird

          Die Schlacht von Göteborg 1958 war ein Musterbeispiel für die Politisierung des Fußballs. Auch heute gilt: Egal, mit welcher Botschaft er sich in seiner aggressiven Beschränktheit auflädt, es ist die falsche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.