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Devisenmarkt : Schweiz unter doppeltem Druck aus der EU

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Die Schweizer Landesfahne weht am Großen Aletschgletscher im Wind. Unverrückbar bleibt die Standardformel der Schweizer Notenbank: Sie will den Franken-Mindestkurs „mit aller Konsequenz“ durchsetzen, wenn nötig, mit dem unbeschränkten Kauf von Devisen. Bild: dpa

Nach den Niedrigzinsen trüben die Konjunkturdaten die Wirtschaftsaussichten in der Eidgenossenschaft. Ein Eingreifen der Notenbank am Devisenmarkt wird wieder wahrscheinlicher.

          Die Eurozone ist im Augenblick nicht gerade hilfreich für die Schweiz - weder bei den Zinsen noch in den jüngst veröffentlichten Wirtschaftsdaten. Die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) in der vergangenen Woche auf nur noch 0,05 Prozent schwächt den Euro. Tendenziell stärkt dies unter den bedeutenden Währungen auch den Schweizer Franken.

          Damit kann weniger denn je die Rede davon sein, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro rüttelt. Er würde nach Meinung von Fachleuten sofort aufwerten. Unverrückbar bleibt die Standardformel der SNB: Der Franken ist hoch bewertet. Sie will den Mindestkurs „mit aller Konsequenz“ durchsetzen, wenn nötig, mit dem unbeschränkten Kauf von Devisen. Bei Bedarf zieht die Notenbank auch „weitere Maßnahmen“ in Betracht. Schon seit einiger Zeit notiert der Franken nur wenig über 1,20, aber seit zwei Jahren musste die SNB nicht mehr intervenieren, um die Kursbarriere zu sichern und ein Abgleiten des Euro Richtung Parität zu verhindern. Nun rücken Devisenkäufe der Schweizer wieder in den Bereich des Möglichen. Die Tresore der SNB füllten sich in diesem Fall ein weiteres Mal mit Euro, welche die Notenbank schon im Überfluss hat.

          Mit der Franken-Mindestgrenze ist die Schweiz faktisches Mitglied des Euroclubs: Eine Aufwertung ist blockiert, eine Abwertung nicht realistisch. Nicht nur das. „Die Nationalbank kann die Zinsen wegen der Euroanbindung nicht mehr frei bestimmen“, sagt Oswald Grübel, der frühere Chef der Großbanken Credit Suisse und UBS. Auch in der Wirtschaftsentwicklung hängt sie am Tropf ihres überragenden Handelspartners EU:

          Die zuletzt enttäuschenden Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Gemeinschaft, geprägt vom 0,2-Prozent-Rückgang in Deutschland im zweiten Quartal, strahlen aus. Zwischen April und Juni stagnierte das Schweizer BIP. Nach den plus 0,5 Prozent im ersten Quartal war dies eine kalte Dusche. Kein einziger der großen Wirtschaftssektoren vermochte Wachstumsimpulse zu liefern. Gegenüber dem Vorjahresquartal legte die Wirtschaft noch um immerhin 0,6 Prozent zu. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann will in den Daten nur einen „Dämpfer“ erkennen und hält im laufenden Quartal wieder ein BIP-Wachstum für möglich. Der billigere Euro werde vor allem die Ausfuhren aus Deutschland und damit indirekt auch die der Schweiz stärken, schätzt er.

          Russland wirkt sich auf die Eidgenossenschaft bisher kaum aus, da das Land die Sanktionen der EU nur in Ansätzen mitmacht und sich im Wesentlichen auf die Verhinderung von Umgehungsgeschäften beschränkt. Aber die Tatsache bleibt, dass das BIP erstmals seit dem zweiten Quartal 2012 nicht zugelegt hat. Jetzt überprüfen die Konjunkturforschungsinstitute reihenweise ihre Prognosen für das Gesamtjahr. Plus 2 Prozent hatte bisher die allgemeine Überzeugung gelautet. Dieser Wert wird nicht zu halten sein. Unter den einzelnen Branchen ist die Chemie- und Pharmaindustrie eine der wenigen, welche ihre „positive Grundstimmung“ beibehält, wie der Sprecher des Verbands Scienceindustries formuliert. Das ist nicht wenig, tragen die Unternehmen doch inzwischen mehr als 42 Prozent der Schweizer Ausfuhren.

          Überraschend gute Nachrichten kommen derweil aus der lange gescholtenen Bankenwelt. Allen Unkenrufen über den Niedergang des Finanzplatzes zum Trotz nahmen 2013 und bisher auch 2014 die Kundenvermögen in der Schweiz wieder zu, wie die Bankiervereinigung in ihrem jüngsten „Bankenbarometer“ aufzeigt. Aktuell sind es 6,3 Billionen Franken, davon etwas mehr als die Hälfte aus dem Ausland.

          Das bedeutet einen Marktanteil von 26 Prozent in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung und damit weiterhin den Spitzenplatz in der Welt. Im vergangenen Jahr verwalteten die Geldhäuser in der Schweiz 340 Milliarden Franken (283 Milliarden Euro) oder knapp 7 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Natürlich ist dafür nicht zuletzt der Börsenaufschwung verantwortlich. Aber auch Neugeld floss in die Schweiz, wobei eine gegenläufige Entwicklung sichtbar ist. Die Westeuropäer zahlen hinterzogene Steuern nach und ziehen netto Vermögen ab, dafür kam frisches Geld aus den Schwellenländern, und zwar schwergewichtig aus Osteuropa und Lateinamerika. Zu hoffen bleibt, dass sich die Schweizer Banken damit kein neues Steuerproblem einhandeln.

          Die Bilanz ist jedoch nicht ohne Makel. Die Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG meinen, dass ein Drittel der Schweizer Privatbanken derzeit Verluste schreibt, dies wegen erhöhter interner Kosten, verschärfter regulatorischer Auflagen, zu geringer Größe, zinsbedingt schwacher Margen und mangelnder Kundenaktivitäten. Umso größer war die Aufmerksamkeit, als die großen Genfer Privatbanken Pictet, Lombard Odier und Mirabaud zum Halbjahr erstmals detaillierte Geschäftsergebnisse vorlegten. Das Ergebnis: starke Kapitalausstattung, aber ungenügende Kosten-Ertrags-Relationen. Hier herrscht Verbesserungsbedarf.

          Auch am Schweizer Aktienmarkt ist noch Luft. Der frühere Privatbankier Konrad Hummler vertritt die These einer „Renationalisierung“ der Märkte. Zumindest in diesem Jahr kann er sich bisher bestätigt fühlen. Die globalen Veränderungsraten schwanken zwischen minus 4 Prozent in Tokio und plus 18 Prozent in São Paulo. Der SMI in Zürich schlägt sich mit plus 7 Prozent recht beachtlich, zumindest aber deutlich besser als zum Beispiel der Dax in Frankfurt mit plus 2 Prozent. In der vergangenen Woche kam der SMI weitere 1,5 Prozent voran. Wenn es so weitergeht, kann 2014 noch ein richtig gutes Börsenjahr werden.

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