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Devisenmarkt : Indien kann den Sturz der Rupie nicht bremsen

  • Aktualisiert am

Rupie: Zunehmend ein Sorgenkind der Inder Bild: dpa

Ist der Traum von Gewinnen in den Schwellenländern vorbei? Indien und Indonesien stehen unter Druck. Leistungsbilanzdefizite belasten die Kurse der heimischen Währungen.

          Am vergangenen Donnerstag haben die indischen Behörden über Nacht Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Ziel war es, den weiteren Kursverfall der Rupie aufzuhalten. Doch die Kontrollen erweisen sich als stumpfe Waffe.

          Schon am Freitag fiel der Kurs der Rupie auf ein Allzeittief gegenüber dem amerikanischen Dollar, am Montag geht es weiter. Mittlerweile benötigt es 63,13 Rupien um 1 Dollar zu erwerben. Damit verdient ein Verkäufer nur noch etwa 3,30 Dollar im Monat. Auch die indonesische Rupiah sank mit 10.485 Rupiah je Dollar auf den tiefsten Stand seit mehr als vier Jahren.

          Leistungsbilanzdefizit steigt sprunghaft

          Beide Länder drückt ein überbordendes Leistungsbilanzdefizit. Für Indien hat sich dieses innerhalb eines Quartals verdoppelt. „Die Zentralbanken werden getestet, insbesondere diejenigen von Indien und Indonesien“, heißt es bei der Commonwealth Bank of Australia in Singapur. „Die Leute glauben einfach nicht, dass die über genug Geld verfügen, um ihre Währungen zu stützen.“

          Immer lauter werden Stimmen, die die Lage in Indien und die Machtlosigkeit der Regierung mit derjenigen in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vergleichen. Das Vertrauen in die politische Führung sinkt rasch. Am Freitag mussten indische Politiker besorgten Investoren schon versichern, dass sie nicht planten, den Handel mit Fondsanteilen für Ausländer einzuschränken. Die indische Rupie hat seit Jahresbeginn gut 15 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren.

          Die Abwertung ruft Erinnerungen an die Krise in den neunziger Jahren wach, als die Regierung einen Kredit des Internationalen Währungsfonds benötigte, nachdem die Devisenreserven stark geschmolzen waren. Damals reichten die Devisen nur für 15 Tage. Damals musste Indien seinen Goldschatz zur Deckung von Krediten nach London ausfliegen.

          Ministerpräsident Manmohan Singh versicherte in der vergangen Woche, eine Wiederholung dieser Situation werde es nicht geben, da Indien über genügend Devisenreserven verfüge, um die Importe für sieben Monate zu bezahlen. In diesem Jahr sind die Devisenreserven Indiens um 7 Prozent auf 277 Milliarden Dollar gesunken.

          Ausländische Investoren flüchten

          Zum Wertverfall trägt auch der starke Verkaufsdruck am Aktienmarkt in Bombay (Mumbai) bei: Der Index Sensex verlor seit Donnerstag 3,7 Prozent, der Nifty 6,3 Prozent. Auch indische Anleihen gerieten unter Verkaufsdruck. Der Kurs der zehnjährigen Titel fiel am Montag massiv auf ein Fünf-Jahres-Tief von 86,8 Punkten. Die Rendite kletterte im Gegenzug auf 9,235 Prozent.

          Vor allem ausländische Anleger hegen grundlegenden Zweifel an der indischen Wirtschaftspolitik, die die Rupie immer weiter schwächen. Ausländische Anleger verkauften im Juli für netto 3 Milliarden Dollar indische Aktien und Anleihen. „Der Markt stellt die Wirksamkeit der von den Politikern ergriffenen Maßnahmen und die Optionen in Frage”, sagte Priyanka Kishore, Stratege bei Standard Chartered in London. „Am Anfang sagte die Regierung, sie habe einen großen Plan. Das war es, was der Markt erwartete - aber die Maßnahmen enttäuschten“.

          „Unsere größte Sorge ist, dass die politisch Verantwortlichen es weiterhin nicht begreifen und denken, es ist eine ziemlich unbedeutende Böe, die sich bald legen wird und nur unbedeutender Maßnahmen bedarf”, schreibt Robert Prior- Wandesforde, Volkswirt bei der Credit Suisse in Singapur. Wenn dies so bleibe, sei ein schneller Rutsch auf 65 Rupien je Dollar wahrscheinlich, was dann aber helfen sollte, in den Köpfen eine Veränderung herbeizuführen. Weit entfernt ist der Kurs der Rupie davon nicht mehr.

          Indonesien in gefährlicherer Lage

          Indien verzeichnet das schwächste Wirtschaftswachstum seit zehn Jahren. Das machte die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens anfällig für den Abzug von Geldern aus Schwellenländern, nachdem die Spekulationen zunahmen, dass die amerikanische Notenbank ihre Konjunkturanreize verringern wird. Im vergangenen Fiskaljahr (31. März) betrug das Leistungsbilanzdefizit 4,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Unter den großen Schwellenländern steht damit nur Südafrika mit 6,8 Prozent schlechter da. Den Indern fällt es mit dem niedrigen Außenwert ihrer Währung immer schwerer, die dringend benötigten Rohstoffe im Ausland einzukaufen. Mehr als 80 Prozent seines Ölbedarfs muss Indien zukaufen.

          Die indische Notenbank hat in den vergangenen Wochen ihren Kurs immer weiter verschärft. Sie schränkte die Kreditvergabe in lokaler Währung ein, verringerte über Nacht die Kreditaufnahme in Dollar für indische Unternehmen und Personen massiv und erhöhte den Zoll für die Einfuhr von Edelmetallen. Der Import von Goldmünzen und -barren wurde ausgesetzt. Die Regierung will damit erreichen, das Leistungsbilanzdefizit auf 3,7 Prozent in diesem Fiskaljahr zu verringern.

          Noch scheinen die Sorgen vor einer Wiederholung der Krise von 1991 übertrieben. Die Zentralbank betrachtet eine Deckung von weniger als drei Monaten als gefährlich. In Indonesien ist die Decke deutlich dünner. Das Leistungsbilanzdefizit betrug im zweiten Quartal 9,8 Milliarden Dollar - deutlich mehr als von Analysten geschätzt und so viel wie zuletzt 1989. Es liegt damit bei 4,4 Prozent des BIP. Die Rücklagen der größten Volkswirtschaft Südostasiens sanken in diesem Jahr um 18 Prozent auf knapp 93 Milliarden Dollar. Damit sind sie auf den Stand von 2010 gesunken.

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