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Devisenmarkt : Franken und Yen laufen völlig aus dem Ruder

  • Aktualisiert am

Bild: BNP Paribas/Reuters EcoWin

Dollar und Börsen profitieren vom anhaltenden Wirtschaftsoptimismus. Dabei ist der Greenback gegen Franken und Yen massiv überbewertet. Die Märkte scheinen ihre Risikowahrnehmungsfähigkeit verloren zu haben.

          Mit Kursgewinnen reagierten am Freitag Börsen und Dollar auf den Rückgang der amerikanischen Arbeitslosenrate von 4,6 auf 4,4 Prozent. Auch am Montag zeigt sich der Dollar gegen Yen und Euro wieder freundlich.

          Hintergrund scheint die Ableitung zu sein, die amerikanische Wirtschaft entwickele sich robust und werde die amerikanische Zentralbank in Verbindung mit einer resistenten Inflationsentwicklung - steigende Arbeitskosten und nachlassende Produktivität sprechen für sich - zu einer anhaltend restriktiven Zinspolitik zwingen. Allerdings ist das eine Argumentation mit Blick in den Rückspiegel.

          Blick auf die Arbeitslosenquote gleicht dem Blick in den Rückspiegel

          Denn erstens ist die Arbeitslosenquote ein stark nachlaufender Indikator. Zweitens sind die Zahlen statistisch stark verzerrt, da die amerikanischen Regierungsstatistiker mit fiktiven Jobs hantieren, die in Realität nicht existieren. Drittens deuten viele vorlaufende Indikatoren auf eine rasche und deutliche Abschwächung des amerikanischen Wachstums hin. In diesem Sinne und auch mit Blick auf die anhaltend hohen Defizite der Vereinigten Staaten dürfte man solche Argumente kritisch betrachten müssen.

          Dazu kommen weitere Argumente. Denn inzwischen sind rund 80 Prozent der weltweiten Ersparnisse notwendig, um das amerikanische Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Das führt zu einer Ballung von Dollarrisiken, die selbst für Alan Greenspan, den ehemaligen Chef der amerikanischen Zentralbank, langfristig nicht tragbar zu sein scheinen. Sollten die Anleger ihr Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft- und Finanzpolitik verlieren, dürfte der Dollar massiv unter Druck geraten und nur über deutlich höhere Zinsen stabilisierbar sein, denkt sogar Greenspan.

          Solche Argumente mögen zwar von den Dollaroptimisten mit den Hinweis belächelt werden, es werde schon nicht so schlimm kommen. Auf der anderen Seite wird der Dollar und werden die Schwellenländerbörsen im Moment wieder stark von so genannten Carry Trades getrieben. Spekulative Anleger nehmen Kredite auf in Ländern wie Japan und der Schweiz mit niedrigen Zinsen auf, um sie in Hochzinsregionen oder an den Börsen anzulegen. Auf diese Weise wurden und werden die Bewertungen verzerrt. Sowohl Yen als auch der Schweizer Franken sind inzwischen deutlich unterbewertet (siehe Charts).

          Das „Bewertungsrätsel“ erklärt sich durch eine zu lockere Geldpolitik

          Selbst Philipp Hildebrand, Direktionsmitglied der Schweizer Nationalbank (SNB), spricht mit Blick auf die Kursentwicklung des Schweizer Frankens von einem Rätsel. Vielleicht sollte er nicht einfach nur darüber reden, sondern die Bremse ziehen. Immerhin stellt die SNB deutlich mehr an Krediten zur Verfügung, als für die Binnenwirtschaft des Landes notwendig. Für den Yen gilt das schon lange. Nach einer Analyse von BNP Paribas korreliert der Wechselkurs der japanischen Währung längst nicht mehr mit der globalen Wirtschaftsentwicklung.

          Sie erklären die anhaltende Yenschwäche mit dem Anlagebedarf japanischer Anleger, der in Verbindung mit einem hohen Risikoappetit vor allem in Dollaranlagen strömt und auf diese Weise den Yen in die Defensive bringt, obwohl das Land deutliche Handelsbilanzüberschüsse verzeichnet. Ein Blick auf die von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich errechneten Währungsindizes macht aber deutlich, daß die Abwertung bei manchen asiatischen Staaten eine bewußte Strategie zu sein scheint.

          Gerade im Gegensatz zur europäischen Einheitswährung neigt der Yen in langen Phasen zur Schwäche, der Taiwan-Dollar befindet sich sogar in einem eindeutigen Trend nach unten. Auf diese Weise „versorgen“ sie die heimischen Unternehmen mit internationalen Wettbewerbsvorteilen. Um gegen deutlich unterbewertete Währungen, laxe Umwelt- und Arbeitsstandards in Asien anzukommen, müssen europäische Unternehmen ihre Effizienz massiv steigern. Das bedeutet in der Regel: Kostensenkungen und Verlust von Arbeitsplätzen.

          Anpassungsbedarf wird immer größer, während die Volatilitäten extrem tief sind

          Neben den amerikanischen Defiziten macht auch das deutlich, daß die wirtschaftliche Entwicklung weltweit alles andere als ausgewogen ist. Das zeigt sich auch an den rasch wachsenden Währungsreserven in Asien. Fragt sich nur, wann und wie sich diese Ungleichgewichte normalisieren können und werden. Der Anpassungsbedarf wird immer größer, während die Volatilitäten extrem tief sind. Das heißt, der Markt scheint seine Risikowahrnehmungsfähigkeit verloren zu haben.

          In diesem Umfeld hilft dem Anleger nur eines: Die laufenden Trends - sie existieren momentan vor allem an den inflationierten Börsen - ausreizen und sich gegen Gegenbewegungen sorgfältig absichern. Denn genau die dürften sich vor allem beim Dollar gegen die asiatischen Währungen einstellen, sobald der Risikoappetit der Anleger zurückgehen sollte. Spätestens dann, wenn die amerikanische Konjunktur doch enttäuschen sollte.

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