https://www.faz.net/-gv6-6k321

Devisenmarkt : Ein Markt für Irre

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Devisenmarkt sei im Moment ein „Markt für Irre“ erklärte Jim O'Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. Anleger und Analysten sollten in Urlaub fahren, denn Prognosen seien angesichts der starken Kursschwankungen kaum möglich.

          Der Devisenmarkt sei im Moment ein „Markt für Irre“ erklärte Jim O'Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs am Donnerstag in einem Interview. Er empfiehlt Währungsstrategen und entsprechend interessierten Anlegern in den Urlaub zu fahren, denn zumindest die Prognose der Kursentwicklung zwischen Euro und Dollar sei im Moment angesichts der starken Kursschwankungen so gut wie unmöglich.

          Der Devisenhandel sei der größte „Obst- und Gemüseladen“ der Welt, an welchem sich Millionen von Anlegern täglich in 24 Stunden rund um die Uhr beteiligten. Wer denke, er könne die daraus entstehenden Kursbewegung immer richtig prognostizieren, gehöre ins Irrenhaus, erklärte er weiter.

          Währungsprognosen von Goldmans Sachs lagen ziemlich oft daneben

          Tatsächlich hatten die Währungsprognosen von Goldmans Sachs in den vergangenen Monaten ziemlich oft daneben gelegen. Manche nutzten sie inzwischen sogar als Gegenindikatoren, indem sie gerade das Gegenteil dessen taten, was das Währungsteam von Goldman Sachs empfahl.

          Tatsächlich haben die starken Kursschwankungen an den Währungsmärkten kaum etwas mit der fundamentalen Realität zu tun. Denn Volkswirtschaften können sich gar nicht so erratisch entwickeln, wie die starken Währungsschwankungen es unterstellen würden. Die Kurse werden dagegen kurzfristig getrieben und bewegt von Sorgen über die möglichen Konsequenzen der starken Staatsverschuldung von vielen europäischen Staaten und nicht zuletzt vom zur Veröffentlichung anstehenden Ergebnis der so genannten Banken-Stresstests.

          In diesem Rahmen sei der Kurs des Euro gegen den Dollar zunächst irrational tief gefallen, erklärt O'Neill. Er sei im Juni davon ausgegangen, der Kurs des Euro würde vor der Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Tests zunächst deutlich steigen, bevor sich die fundamentale Realität schließlich wieder zeigen werde. Faktisch hat ist der Kurs der europäischen Einheitswährung unter starken Schwankungen von einem Tief von 1,1952 Dollar Anfang Juni um bis zu 8,4 Prozent auf bis zu 1,2958 Dollar gestiegen. Am Donnerstag liegt er knapp darunter.

          Sollten die Bankenstresstests positiv ausfallen, dürften weitere Kursgewinne des Euro als auch an den Börsen denkbar sein. Immerhin seien diese Tests aufgrund der Annahmen allenfalls schwacher Stresssymptome dazu gedacht, die Optimisten unter den Anlegern zu beflügeln und nicht um die Wahrheit über die schwache Lage vieler Banken an en Tag zu bringen, erklärt Dhaval Joshi, Chefstratege der Hedge-Fondsgesellschaft RAB Capital in London. Sonst ergäben sie keinen Sinn.

          Die Wechselkurse werden von vielen Faktoren beeinflusst

          In diesem Sinne handele es sich um eine rein psychologische Übung, um das Vertrauen der Konsumenten und Anleger in die weitere Entwicklung zu stärken. Ob diese Strategie erfolgreich sein werde, bliebe offen, denkt Joshi. Faktisch orientiere sich der Kurs des Euro nicht nur an dem, was in Europa vor sich gehe, sondern auch daran, wie sich die amerikanische Wirtschaft entwickeln werde, erklärt O'Neill. Während die Sorge über eine wirtschaftliche Abkühlung in den Vereinigten Staaten den Kurs des Dollar belasten dürfte, wird der des Euro zumindest kurzfristig durch optimistische Erwartungen als auch durch optimistisch interpretierte Wirtschaftsnachrichten gestützt.

          In der Eurozone hat sich die Stimmung der Einkaufsmanager im Juli aufgehellt. Der Gesamtindex sei von 56,0 Punkten im Vormonat auf 56,7 Punkte gestiegen, teilte das Forschungsunternehmen Markit am Donnerstag in London in einer vorläufigen Schätzung mit. Der Indikator für die Industrie kletterte von 55,6 Punkten auf 56,5 Punkte gestiegen. Volkswirte hatten hingegen mit einem Rückgang auf 55,1 Punkte gerechnet. Der Indikator für den Diensleistungssektor stieg von 55,5 Punkten auf 56,0 Punkte. Hier hatten Ökonomen mit einem Rückgang auf 55,2 Punkte gerechnet. In Deutschland hellte sich sowohl die Stimmung in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor auf. Der Wert im Dienstleistungssektor erreichte den höchsten Stand seit 35 Monaten. In Frankreich trübte sich die Stimmung in Industrie ein, während sie sich im Dienstleistungssektor verbesserte. Ab einem Wert von 50 Punkten deuten die Indikatoren auf einen Anstieg der wirtschaftlichen Aktivität hin. Liegen die Kennzahlen unter diesem Wert, kann von einem Rückgang ausgegangen werden.

          Auf dieser Basis mag sich der Kurs des Euro vorerst robust entwickeln. Bis die nächsten Sorgen hochgespielt werden und zu deutlichen Gegenbewegungen und zur Flucht in scheinbar sichere Währungen führen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.