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Devisenmarkt : Die Interventionitis nimmt zu

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Bild: FAZ.NET

Die Märkte entfernen sich weiter vom Ideal freier, sich selbst regulierender Strukturen. Selbst Australien scheint eine weitere Aufwertung verhindern zu wollen. Brasilien verteuert den Kapitalverkehr und Thailand streut Interventionsgerüchte.

          Die Volkswirtschaften aller Welt und auch die Finanzmärkte entfernen sich immer mehr vom Ideal der freien, sich selbst regulierenden Märkte. Das zeigt sich am Devisenmarkt überdeutlich. Denn dort ist ein internationaler Abwertungswettlauf in vollem Gange. Beinahe alle Staaten wollen ihre Währungen schwach halten oder schwächen, um auf dieser Weise im internationalen Handel kompetitive Vorteile zu Lasten anderer zu erhalten.

          Diese Strategie lässt sich an der extrem lockeren Geldpolitik der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Japans und vieler anderer ablesen. Japan interveniert nicht nur durch Dollarkäufe, sondern hat am Dienstag sogar den Leitzins auf das lächerliche Niveau von Null Prozent gesenkt. Das heißt, Sparer werden förmlich enteignet. Selbst die australische Zentralbank hat die Märkte mit der Mitteilung überrascht, den Leitzins nicht wie erwartet anzuheben, sondern ihn bei 4,5 Prozent zu belassen.

          Selbst Australien scheint eine weitere Aufwertung verhindern zu wollen

          Aus diesem Grund verliert die australische Währung am Dienstag 1,4 Prozent ihres Wertes gegen den Euro und die schwedische Krone, ein Prozent gegen den Schweizer Franken und 0,7 Prozent gegen den amerikanischen Dollar. Die australische Währung hatte sich in den vergangenen Monaten mit massiven Kursgewinnen von den Kursverlusten während der Krise erholt und sich dem im Juli des Jahres 2008 erreichten 25-Jahreshoch genähert. Noch vor vier Tagen waren im professionellen Handel gerade noch 1,026 australische Dollar nötig, um eine Einheit der amerikanischen Währung erwerben zu können. Am Dienstag liegt der Kurs bei 1,0420 Australische Dollar je Greenback oder bei 95,6 Cents je Aussie-Dollar.

          Glenn Stevens, der Gouverneur der Reserve Bank of Australia (RBA), erklärte, die Weltwirtschaft wachse stark, werde aber im kommenden Jahr zum Trendwachstum zurückkehren. Australien sei im Trend gewachsen. Impulse von Konjunkturprogrammen würden zunehmend von privater Nachfrage abgelöst. Das sei angesichts der robusten wirtschaftlichen Entwicklung in Asien, der hohen Rohstoffpreise und der verbesserten Terms of Trade der australischen Wirtschaft kaum verwunderlich. Auf der anderen Seite sei die Kreditnachfrage nach den Zinserhöhungen der vergangenen Monate verhalten, während die Kreditzinsen auf dem Durchschnittsniveau der vergangenen zehn Jahre lägen. Das sei für absehbare Zeit angemessen.

          Mit solchen Aussagen nimmt die RBA bis auf weiteres die Zinserhöhungsphantasie aus dem Markt, die den Kurs der Währung so stark nach oben betrieben hatte. Sie kontert zumindest kurzfristig die Marktkräfte und verhindert gleichzeitig das Platzen der ausgeprägten Immobilienpreisblase in Australien.

          Brasilien verteuert den Kapitalverkehr durch höhere Steuern, Thailand streut Interventionsgerüchte

          Nicht nur Amerika, Japan und Australien versuchen die Kurse in die für sie genehme Richtung zu bringen, sondern Brasiliens Finanzminister Guido Mantega kündigte an, die Steuern auf Auslandsinvestitionen in die Rentenmärkte des Landes von bisher zwei auf nun vier Prozent zu erhöhen. Das solle neben den ständigen Interventionen dazu beitragen, die weitere Aufwertung des Reals zu verhindern. Dabei liegt das Niveau der Währung immer noch unter jenem, auf dem sie vor der letzten Finanzierungskrise des Landes lag. Das heißt, selbst nach der Aufwertung der vergangenen Monate bietet das inzwischen erreichte Kursniveau der brasilianischen Industrie immer noch relative Vorteile im internationalen Handel.

          Ähnliches gilt auch für Thailand, das sich über eine zu starke Währung beklagt und Interventionsgerüchte streut. Tatsächlich ist der Kurs des Baht gegen den amerikanischen Dollar nach massiven Auslandsinvestitionen in die Finanzmärkte des Landes auf den höchsten Stand seit 13 Jahren gestiegen. Am Dienstag sind gerade noch 30,15 Baht nötig, um einen Dollar erwerben zu können. Seit Anfang des vergangenen Jahres hat er um 20 Prozent aufgewertet. Allerdings ist auch das nur die halbe Wahrheit. Denn vor der Asienkrise Ende 1997 konnte man für gerade einmal 25 Baht einen amerikanischen Dollar kaufen. Das heißt, im Vergleich zu damals ist die Währung Thailands noch schwach. In Südkorea sieht die Lage und die Reaktion auf die jüngste Aufwertung des Won kaum anders aus.

          Grundsätzlich würden Währungen jener Staaten aufwerten, die im Außenhandel deutliche Überschüsse erwirtschaften und die Kapitalströme aus dem Ausland anziehen. Diese Trends würden andauern, bis sich neue Handelsgleichwichte einstellten. Sie lassen sich durch Interventionen und administrative nur vorübergehend stoppen oder bremsen, aber nicht aufhalten. Dagegen führen Interventionen dagegen zu weiteren Verzerrungen. Sei es in Form an sich nicht haltbarer Handelsströme oder in Form explodierender Devisenreserven. Das Beispiel Chinas zeigt, welche Probleme ihre Verwaltung mit sich bringen kann. In diesem Sinne stellen Kursrückschläge bei Währungen, die grundsätzlich aufgrund veränderter realer Tauschverhältnisse aufwerten müssten, regelmäßig Kaufgelegenheiten dar. Natürlich unter Berücksichtigung eines normalen Risikomanagements.

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