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Devisenmarkt : Das Pfund gibt weiter deutlich nach

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Das britische Pfund ist nach einer Zwischenerholung schont seit Wochen wieder schwach und verliert im Trend an Wert. Der Grund: Ein Glaubwürdigkeitsproblem in Bezug auf die britische Geld- und Fiskalpolitik sowie die schwache Wirtschaft.

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          Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Finanzkrise scheint diese weitgehend vergessen zu sein. Die „Krisenbücher“ stehen in den Buchhandlungen wieder ganz hinten, während die Anleger kritische Nachrichten völlig ignorieren, zur Tagesordnung übergangen sind als ob nie etwas gewesen wäre und in ihrem Optimismus weiterhin auf steigende Kurse an den Börsen setzen.

          Dabei sind höchst ungesunde volkswirtschaftliche Entwicklungen offensichtlich. Sie zeigen sich in der rasant zunehmenden Verschuldung vieler Staaten ebenso, wie in der offensichtlichen Manipulation der Wechselkurse. Einige Staaten versuchen klar, sich durch kompetitive Abwertungen Vorteile zu Lasten anderer zu verschaffen.

          Manche Staaten schwächen ihre Währungen systematisch

          Dazu zählen die Vereinigten Staaten mit ihrer extremen Niedrigzinspolitik und der Politik „quantitativer Lockerung“. Sie führt sowohl zu Dollarcarrytrades, als auch dazu, dass die amerikanische Zentralbank amerikanische Staatsanleihen nur Minuten nach ihrer Emission von ihren Erwerbern kauft und diesen auf diese Weise wirtschaftliche Vorteile verschafft. Von normalem Markt kann keine Rede sein.

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          Das gilt jedoch auch für viele asiatische Staaten, die ihre Währungen entweder an den Dollar gekoppelt haben - wie China - oder für Länder wie Indonesien, Südkorea, Thailand, Malaysia und die Philippinen, deren effektive Wechselkurse in den vergangenen Monaten zum Teil massiv nach unten gelaufen sind und sich wegen der verfolgten Makropolitiken davon nicht oder kaum erholten.

          Das gilt jedoch auch für Großbritannien. Das Land, welches vom ungestümen Finanzboom auf Pump der Vorkrisenzeit überproportional profitierte und das auf diese Weise die ansonsten schwache Wirtschaftsstruktur verdecken konnte, versucht mit der Brechstange, also mit einer noch extremeren Politik als die Vereinigten Staaten, der Krise zu begegnen. Massive Zinssenkungen und eine ausgeprägte Expansion der Bilanz der Zentralbank führten zu einer starken Abwertung der britischen Pfundes in den Jahren 2007 und 2008, vor allem gegen den Euro.

          Nach einer kurzen Zwischenerholung in der ersten Hälfte des laufenden Jahres geht der Wert der britischen Währung schon seit Wochen wieder deutlich und im Trend zurück. Nach 84,70 Pence Anfang August sind am Montag wieder 93,43 Pence nötig, um einen Euro im professionellen Handel erwerben zu können - ein Plus von mehr als zehn Prozent. Nach 1,70 Dollar sind inzwischen noch 1,58 Einheiten der an sich schon schwachen amerikanischen Währungseinheit nötig, um ein Pfund kaufen zu können.

          Britische Währung mit einem Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert

          Am Montag gibt die britische Währung weiter nach und fällt auf das schwächste Niveau seit mehr als sechs Monaten. Der Grund sind Spekulationen, nach welchen die Bank of England die Zinsen - der Leitzins liegt bei gerade einmal 0,5 Prozent - lange Zeit extrem tief halten und das Volumen der durch die Druckerpresse finanzierten Wertpapierkäufe noch weiter ausdehnen könnte, nachdem die im Mai von 125 auf 175 Milliarden Pfund erhöhte Summe ausgeschöpft sein wird. Notenbankgouverneur Mervyn King sei im August mit einem entsprechenden Vorhaben zunächst überstimmt worden, heißt es.

          Nicht nur die Geldpolitik des Landes ist sehr expansiv, sondern auch die Fiskalpolitik. Das Budgetdefizit wird im kommenden Jahr voraussichtlich bei 175 Milliarden Pfund und bei etwa zwölf Prozent des Bruttoinlandproduktes liegen. Das ist extrem - zumal höchst unsicher ist, ob Strategien dieser Art tatsächlich zu zusätzlichem Wachstum führen, das den britischen Staat in die Lage versetzen würde, die nun auflaufenden Schulden ohne Steuererhöhungen und ähnliche Belastungen der angeschlagenen Verbraucher und Unternehmen zu reduzieren.

          So wird die britische Währung mit einem Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert, das durch politische Grabenkämpfe verstärkt wird. Immerhin plädiert Oppositionsführer David Cameron führ eine maßvollere Ausgabenpolitik und für die Beendigung der „Lockerungsübungen“ der Zentralbank.

          Insgesamt spricht der etablierte Währungstrend für sich und gegen das Pfund. Das gilt nicht nur wegen der fundamentalen Schwäche und der extremen Politik des Landes, sondern auch aus technischen Gründen. Unregulierte Trendfolgesystem führen dazu, dass sich solche Trends selbst verstärken.

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