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Devisenmarkt : Argentiniens Peso dürfte nach Freigabe drastisch abwerten

  • -Aktualisiert am

Noch kann Argentiniens neuer Präsident, Mauricio Macri, feiern Bild: dpa

Argentinien macht Ernst und beseitigt die meisten Devisenkontrollen. Das dürfte den Peso stark unter Druck bringen. Die Regierung setzt auf Hilfe von Banken und Agrarexporteuren.

          Die neue argentinische Regierung von Präsident Mauricio Macri hat die seit etwa vier Jahren geltenden Devisenkontrollen weitgehend aufgehoben. Ab Donnerstag werde es für alle Akteure am Markt einen einheitlichen Kurs des Peso zum amerikanischen Dollar geben, der frei gehandelt werden können, sagte Finanzminister Alfonso Prat-Gay am Mittwoch in Buenos Aires.

          Mit der Aufhebung der Kapitalkontrollen sollen der Peso geschwächt, der Export angetrieben und mehr ausländische Investoren ins Land geholt werden. "Wer importieren will, kann es tun und wer Dollar kaufen will, wird in der Lage sein, sie zu kaufen", sagte Finanzminister Alfonso Prat-Gay am Mittwoch.

          Mit der Freigabe des Marktes wird nach Erwartung von Finanzmarktteilnehmern eine drastische Abwertung des Pesos um etwa 40 Prozent einhergehen. „Wir erwarten, dass sich der Wechselkurs nach der Abwertung bei etwa 14 Pesos je Dollar einpendelt“, sagte Ramiro Castiñera von der Analysefirma Econométrica. Am Dienstag schloss der offizielle Dollarkurs bei 9,82 Peso. Auf den verschiedenen legalen und illegalen Parallelmärkten Argentiniens wird der Dollar dagegen schon seit längerem zwischen 14 und 15 Peso gehandelt. „Jetzt kommt die am längsten vorweggenommene Abwertung“, titelte die Finanzzeitung „Ámbito Financiero“.

          Devisengürtel wurd immer enger

          Macri hatte im Wahlkampf versprochen, die Devisenbeschränkungen sofort nach seinem Amtsantritt abzuschaffen. Die Vorgängerregierung unter Cristina Kirchner hatte den offiziellen Außenwert des Pesos jahrelang hoch gehalten, den Zugang zu Devisen aber seit vier Jahren rationiert und immer engeren Grenzen unterworfen.

          Das führte zu Engpässen beim Import von Vorprodukten für die Industrie und trug entscheidend zu der seit vier Jahren herrschenden Stagnation der Wirtschaft bei. Weil der Zentralbank die Reserven ausgehen, wurden die Devisenlimits in den vergangenen Monaten immer enger gezogen. In der Automobilindustrie müssten die Bänder bald stoppen, wenn der Import von fehlenden Teilen nicht zügig freigegeben werde, heißt es.

          Argentiniens Devisenreserven sanken am Dienstag auf 24,3 Milliarden Dollar, den niedrigsten Stand seit neun Jahren. Während die Exporteure in Erwartung der Abwertung seit Wochen keine Geschäfte mehr abrechnen, kaufen Argentinier mit Kreditkarten im Ausland so viel sie können. Sparer tauschen so viele Peso in Dollar um wie irgend möglich. In den vergangenen Tagen musste die Notenbank täglich rund 200 Millionen Dollar abgeben. Von den offiziell ausgewiesenen Bruttoreserven der Zentralbank ist ein großer Teil nicht frei verfügbar. Die Nettoreserven liegen laut Schätzungen von Fachleuten nahe null.

          Die Kirchner-Regierung hatte die Abwertung des Pesos jahrelang weit unter der Inflationsrate gehalten, um auf diese Weise einen „Stabilitätsanker“ zu setzen. Gleichzeitig hatte sie jedoch ein rasch wachsendes Staatsdefizit von zuletzt 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit immer höherer Geldausgabe finanziert und dadurch die Inflation ständig weiter angeheizt.

          Die reale Aufwertung des Pesos hat argentinische Erzeugnisse zu teuer werden lassen und zu einem Versiegen der Exportüberschüsse als wichtigster Devisenquelle geführt. Die Aufnahme von ausländischen Krediten ist Argentinien aufgrund der anhaltenden Schuldenkonflikte im Nachgang der Staatspleite von 2001 immer noch verwehrt.

          Exportsteuern gegen Devisenzuschüsse abgeschafft

          Am Montag räumte die Zentralbank eines der größten Hindernisse für die Freigabe des Devisenkurses aus dem Weg. Die Notenbank einigte sich mit Banken und anderen Marktakteuren über die Behandlung der hohen Bestände an Dollarverkäufen auf dem lokalen Terminmarkt, die von der vorherigen Zentralbankleitung getätigt worden waren.

          Gleichzeitig sicherte sich die Regierung Zusagen für frische Devisen von Exporteuren und Banken. Eine Gruppe internationaler Banken werde der Zentralbank 7 Milliarden Dollar für sechs Monate zur Verfügung stellen, heißt es. Argentiniens Farmer wollen ihre gehorteten Erntebestände verkaufen und täglich 330 Millionen Dollar an die Zentralbank liefern. Als Vorleistung verfügte Macri am Dienstag die sofortige Abschaffung aller Exportsteuern (außer auf Soja, die schrittweise sinkt). Die Vorgängerregierung hatte mit Exportsteuern von bis zu 35 Prozent auf die Bruttoerlöse im Rohstoffboom der vergangenen Dekade die hohen Gewinne der Agrarexporteure abgeschöpft.

          Die Zentralbank werde im Devisenmarkt intervenieren, um übermäßigen Schwankungen vorzubeugen, kündigte Prat-Gay an. Auf die Frage, zu welcher Rate der Peso künftig gehandelt wird, sagte der Finanzminister, es gebe keine magische Zahl.

          Nicht allzu viel Hoffnungen sollten sich dagegen die Gläubiger von Alt-Anleihen des Landes machen, die sich seinerzeit nicht auf eine Umschuldung einließen. Macri hat deutlich gemacht, dass er vor allem durch Reformen Zeit gewinnen will, um harte Verhandlungen zu führen und die Rechte der Argentinier zu verteidigen.

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